Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Sie rechnen doch nach Mondmonaten," sagte der Geistliche enttäuscht. . „Wohl die wenigsten Juden," entgegnete Silberstein lächelnd, „wissen das Monatsdatum. Auch ich weiß es zufällig nur, weil übermorgen der Monat beginnt, in welchem wir die Erinnerung an die Zerstörung des Tempels begehen." „Also an die vor bald zweitausend Jahren stattgesundene Zerstörung eures Nationalheiligtums denkt ihr Juden noch, und da brüstet ihr euch mit eurem Preußischen Patriotismus, während man uns verdenkt, daß wir unser erst vor kurzem zerstückeltes Vaterland nicht vergessen können." „Das Denken wird Ihnen wohl niemand verwehren, schon weil niemand es kann. Wenn wir an die Zerstörung des Tempels und Jerusalems denken, dann fällt uns dabei nicht ein, aus eine Wiederherstellung des politischen jüdischen Staates zu hoffen. Wir denken nur an eine Zeit, da es keine Staaten im heutigen Sinne geben wird, sondern an eine, in der die Völker ohne Unterschied ihre Schwerter in Sicheln verwandeln, da, wie der Prophet sich poetisch ausdrückt, Wolf und Schaf beisammen weiden werden. Aber Herr Propst," begann Silberstein, der über die Zwischenfrage, die er sich nicht erklären konnte, ungeduldig geworden war, nach einer kürzen Pause, „hatten etwas von morgen abend sagen wollen." „Ach so, richtig. Ja, morgen abend sollen Sie Bescheid haben. Bis dahin sprechen Sie nicht über das Vorgefallene, auch mit Stasiu nicht." Jetzt wollte sich Silberstein verabschieden, aber der Propst, der großen Ackerbesitz hatte, wußte noch allerlei Fragen über die Ernteaussichten, die Getreide- und Wollpreise und dergleichen mehr an den Kaufmann zu richten, auf die dieser, um den Geistlichen in guter Laune zu erhalten, ausführlichen Bescheid gab. Es war lange nach zehn Uhr, als Silberstein sich endlich entfernen konnte. Aus der Straße, in der stockfinsteren Nacht der Kleinstadt wurde dem Armen das Herz wieder schwer. Die Mißhandlungen und ungerechten Beschuldigungen, denen sie seit vielen Jahrhunderten ausgesetzt waren und meist noch sind, haben in den Juden ein Mißtrauen gegen die Christen erzeugt, mit dem fast alle wie erblich belastet sind, und das, sobald etwas nicht in Ordnung ist, immer von neuem hervorbricht und nur zu oft auch berechtigt ist. „Wie, fragte sich Silberstein, wenn der Geistliche seine Kenntnis von der Sache benutzt und aus Judenhaß oder sonst einem Grunde dem Obersten Mitteilung davon macht? Was wird dann der Oberst von dir und von den Juden überhaupt denken, da er doch sicherlich die Geschichte von der Mutter Gottes für ein Märchen halten und darum Stasiu überhaupt nichts glauben würde, selbst wenn dieser sich bemühen sollte, seinen Brotherrn zu entlasten?" In dieser sorgenvollen Stimmung wollte er nicht zu seiner Frau zurückkehren. Er ging noch eine ganze Zeit um den menschenleeren Marktplatz herum, in der Hoffnung, daß Rebekka schlafen werde, wenn er nach Hause komme. Zu denken hatte er genug. Er hatte noch keine Ahnung, wie er aus dem Dilemma herauskommen würde. Und immer wieder mußte er daran denken, wie schwer es doch die Juden haben, und daß, wenn der Dichter sage, Mensch sein, heißt Kämpfer sein, vom Juden gesagt werden müsse, Jude sein, heiße Märtyrer sein. Der Jude habe außer den Sorgen und Mühen, die aller Menschen Los sei, stets mit noch besonderen Sorgen und Mühen zu kämpfen. Endlich entschloß er sich, sein Heim aufzusuchen. Leise schloß er, um niemand zu stören, die Haustür. Noch behutsamer wollte er die Tür zu seiner Wohnung öffnen, als er unwillig bemerkte, daß diese überhaupt nicht verschlossen war. Noch mehr aber erstaunte er, als er in Natalies Schlafzimmer, dessen Tür nur angelehnt war, noch Licht bemerkte. Er blickte in das Zimmer und erschrak, als er sah, daß Natalie nicht drin war, daß sie das Bett gar nicht berührt hatte. Sollte seine Frau oder, sonst jemand Plötzlich erkrankt sein? Erlauschte, aber alles war ganz still, nichts regte sich. Mit einem Male erbleichte er. Ein furchtbarer Verdacht tauchte in ihm aus. Sollte Natalie? — Er wagte den Gedanken gar nicht auszudenken. Was tun, wenn aber doch? Still, still, riet er sich selbst. Kalt Blut. Bedächtig setzte er sich hin und überlegte. Auf die Straße hinaus konnte sie nicht gegangen sein, denn sie hatte keinen Hausschlüstel. Und die Haustür war zugeschlossen gewesen. Daß sie zu dem Offizier, der ihr all die Tage so ausdringlich den Hof gemacht hatte, ins Zimmer gegangen sein sollte, hielt er für undenkbar. Es wäre 'schon schlimm genug, wenn sie mit ihm nachts eine Zusammenkunft hätte, die dann nur im Garten sein konnte. Leise ging er auf den Hof, schlich sich bis zum Garten und lauschte. Bald hörte er auch ein leises Flüstern, das aus der Laube kam. Jetzt war kein Halten mehr. Mit einigen Sprüngen war er vor der Laube. „Schämst du dich nicht?" rief er mit heiserer Stimme. „Der Vater!" rief Natalie entsetzt. „Entschuldigen Sie mich, Herr Silberstein", sagte jetzt eine männliche Stimme. „Ihre Tochter ist ganz unschuldig." „Das ist bei meiner Tochter selbstverständlich, und es ist eine Beleidigung, mir das'erst noch zu sagen." „Beruhigen Sie sich, verehrter Herr! Ich werde mir gestatten, morgen bei Ihnen vorzusprechen und Ihnen zu beweisen, daß 'ich in durchaus ehrenhafter Absicht —" Ohne aus das zu achten, was der Offizier sagte, riß Silberstein seine Tochter zürnend zugleich und zärtlich mit sich, als hätte er sie aus einer Lebensgefahr gerettet, in die sie allerdings mutwillig und leichtsinnig sich selbst begeben hatte. Er sprach kein Wort, sondern brachte die Tochterschweigend in ihr Zimmer. Hier stand sie bleich und beschämt, während Silberstein sich erschöpft aus einen Stuhl sinken ließ, auf dem er ein oder zwei Minuten ohne zu sprechen, den Blick auf seine gefalteten Hände gesenkt, saß. Dann erhob er sich und sagte gelassen: „Du wirst heute schlecht oder gar nicht schlafen. Ueberlege dir, was du getan hast, und was du tun willst. Morgen früh werden wir alles ruhig besprechen. Sage aber bis dahin nichts der Mutter. Kein Wort, hörst du!" Er stand jetzt an der Tür. Natalie stürzte, als der Vater die Tür öffnete, auf ihn zu, bedeckte seine Hände mit Küsten, streichelte seinen Arm und rief mit tränenerstickter Stimme: „Vater, lieber, guter Vater?" - „Morgen, mein Kind, werden wir uns sprechen. Bis dahin überlege, denke nach über das, was du gelernt hast, und ob es sich für ein jüdisches Kind schickt. Gute Nacht!" Er öffnete leise die Tür und noch behutsamer die Tür zu seinem Schlafzimmer. „Du brauchst nicht zu besorgen, daß du mich auswecken wirst," sagte Rebekka, „ich schlafe nicht." „Warum schläfst du nicht?" fragte Silberstein ängstlich, weil er fürchtete, sie könnte, obschon er sich bemüht hatte, aus dem Hose wie in Nataliens Zimmer möglichst leise zu sprechen, etwas von den Vorgängen gehört haben. „Wie kann ich schlafen mit solchen Sorgen?" „Was für Sorgen?" „Was fragst du mich? Hat der Rabbiner dir etwa einen guten Rat gegeben, daß ich nicht mehr zu sorgen brauche?"