Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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wetten, daß in 50 Jahren die Juden als Juden vertilgt wären. Und daß das nicht ein Gewinn für die Menschheit wäre, lasseich mir nicht ausreden, die Juden in ihrer Gesunkenheit, ihrem Schachergeist, ihrem angeborenen Mangel an Mut, der von diesem Schachergeist herrührt, sind ein Flecken der Menschheit." Eine derartige Gesinnung war der Humboldts so entgegengesetzt, daß er gleichfalls ausführlicher darauf ein ging. Seine Antwort (9. April) ist nicht nur in ihrer Allgemeinheit wichtig, sondern auch wegen der speziellen Bemerkung über die Gesinnung des berühmten Freiherrn v. Stein. Sie lautet: „Deine Tirade über die Juden, teure Seele, ist göttlich; ich habe Lust, sie Steinen mitzuteilen, der ganz Deine Ansichten teilt, aber noch viel heroischere Mittel zur Abhilfe vorschlägt, da er die Nordküste Afrikas mit ihnen bevölkern will. Ihr mögt beide wohl recht haben, aber die Art, wie Du Dich über mich dabei ausdrückst, hat mich noch mehr getroffen.' Du sagst, daß mir die Juden zu einerlei seien, das ist ein Vorwurf, den man wohl weiter als aus die Juden bei mir ausdehnen könnte.... Aber auf die Juden zurückzukommen, so wäre allerdings, ohne das aufzuheben, was ich immer fürgut halte, daß man ihnen bürgerliche Rechte gibt, viel zu tun, was man versäumt. Warum zum Beispiel leidet man das Loskaufen? Warum schlägt man nicht Mittel ein, andere Gewerbe unter ihnen zu befördern? Häuser mögen sie wohl viele besitzen, Güter sehr wenig bis jetzt. Jtzenplitz neulich hier konnte mir nur einen Fall nennen. Der Staat brauchte sich in seinen Finanzen nicht so viel mit ihnen abzugeben, und das ist ein Hauptverderben." Karoline jedoch ließ nicht locker und entgegnete am 19. April: „Meine Tirade über die Juden, geliebtes Leben, über die Du Dich so süß mokierst, ist wohl nicht an ihrem Platze, allein unrecht hat man, zu sagen, daß sie keine Güter besäßen. In allen Provinzen besitzen sie deren, und der Herr v. Jtzenplitz. muß sehr ununterrichtet sein, der Dir gesagt hat, bis jetzt sei ein einziger Grundeigentümer. Die Masse des Vermögens ist in ihren Händen, und es ist eine der Ursachen, warum der sehr drückende Jndult aufrechterhalten wird, um einigermaßen zu verhüten, daß nicht noch mehr Güter in ihre Hände kommen, weil bei der Aufhebung desselben allerdings viele Güter werden müssen veräußert werden. Was Berlin betrifft, so haben sie ein Drittel der Häuser, und zwar die besten im Besitz. Ich kann mich übrigens gar nicht schriftlich so über sie auslassen, wir werden ja bald mündlich zusammensprechen." Die Debatte wird von Humboldt (30. April) mit den Worten geschlossen: „Den Judenhaß der Adelheid vergleiche ich gar nicht mit dem Deinen. Den kann ich mir vorstelleu Er hat alles, was eigentlich neue Christen haben. Ich ergebe mich auch ganz darin, mit dem alten Glauben den Kürzeren zu ziehen, man kommt dagegen nicht auf. Ich liebe aber eigentlich auch nur die Juden en masse, en detail gehe ich ihnen sehr aus dem Wege." Zu näherem Verständnis sei nur bemerkt, daß Adelheid die Tochter des Humboldtschen Paares ist. und daß sie als „neue. Christin" bezeichnet' wird, weil sie gerade damals von Schleiermacher konfirmiert worden war. . Man wird zugeben müssen, daß alle diese Aeußerungen, so wenig erfreulich auch die einzelnen sein mögen, von höchster Bedeutung sind. Man erkennt zwar aus ihnen, daß Humboldts lichtem Geiste jede Bedrückung oder auch nur Rechtsverkümmerung der Juden widerstrebte, daß er aber den Judenhaß in seiner allernächsten Nähe üppig wuchern sah und daß er, wenn er diesen Haß auch bekämpfte, doch ein wirklicher Philosemit kaum genannt werden -darf. Lin Dilemma. (Nach einer wahren Begebenheit erzählt.) Von L n d w i g K l a u s n e r - D a v o c. Ijyauun habeit Sie denn Stasiu nicht gefragt, von went er die Waffen hat?" „Das habe ich schon getan, aber er will mir einreden, daß die Mutter Gottes sie ihm gegeben hat." „Ein Wunder also —" „Ich kann aber ein solches Wunder nicht glauben." „Warum denn nicht? Haben Sie denn.in. Ihrem alten Testament nicht auch Wunder?" „Das schon. Aber ich kann mir nicht denken, daß selbst ein frommer Katholik glauben wird, die Mutter Gottes werde sich gerade einen dummen Stallknecht ausfuchen —" Bor Gott sind wir alle gleich, und wenn die Mutter. Gottes einen auserwählt, wird kein frommer Katholik dagegen etwas einwenden wollen." „Das zu beurteilen ist nicht meine Sache. Aber ich glaube auch, daß die Mutter Gottes doch nicht eine unschuldige Familie wird ins Unglück stürzen wollen oder zwingen einen Christen ins Unglück zu stürzen." „Da könnten Sie recht haben, lieber Herr Silberstein, obgleich Gottes Wege nicht unsere Wege sind. Sie sind ja, wie ich gehört habe, ein aufgeklärter Jude, die sind am ehesten bereit, zum Christentum überzutreten." „Ob ich zu den aufgeklärten Juden gehöre, weiß ich nicht. Ich glaube aber behaupten zu dürfen, daß die Juden, die über ihre Religion Nachdenken und sich von dem, was veraltet und darum in unserer Zeit verkehrt, ja schädlich ist, emanzipieren, am wenigsten geneigt sein dürsten, sich von ibrer Religion jloszufagen. Aber darf ich Sie bitten, Herr Propst, auf meine Angelegenheit zurückzukommen, die, wie Sie sich denken können, mir sehr am Herzen liegt?" „Ja, ja. Ich will also Stasiu veranlassen zu beichten, wer ihm die Waffen gegeben hat! Aber das bliebe ja Beichtgeheimnis." „Gewiß. Ich will es auch gar nicht erfahren. Aber Sie wüßten dann,, woran Sie sind, und Sie' könnten darauf hinwirkeu, daß die Sachen von meinem Grund und Boden entfernt werden. Was dann mit ihnen geschieht, das geht mich nichts an. Ich bin nur verpflichtet, keine Waffen aufzubewahren, nicht aber jemand zu denunzieren." „Ganz recht, ganz recht, lieber Herr Silberstein. Sie sind ein ganz vernünftiger und viel besserer Jude als die übrigen." „Ich bin nicht besser als andere jüdische Mitbürger", wehrte Silberstein ab. „Ich bin ein einfacher Kaufmann. Ich möchte nur noch bitten, da-der Oberst bei mir einquartiert i,t und eine Entdeckung bei mir sehr lercrst erfolgen könnte und besonders schwer bestraft werden dürfte, die Angelegenheit nicht hinauszuschieben." „Seien Sie unbesorgt. Ich werde heute noch zur Mutter Gottes beten und Stasiu morgen zu mir kommen lassen. Morgen abend — apropos, welches Datum Häven Sie?" „Den 12." „Das ist unser Datum, ich meine das Ihrige." „Das ist ja auch das Datum, mit dem wir rechnen."