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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-09 · Heft 6 (9.2.1912) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
Seite 69 (sequence 9)
Language
German
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Wilhelm o. Humboldt und dir Juden. Von Ludwig Geiger. . ilhelm v. Humboldt galt wie sein Bruder Alexander als besonderer Begünstiger und Beförderer der Juden. Wie er an dem Gesetz vom 11. März 1812 in sehr hervorragender- Weise, beteiligt war, so war er, der durch seinen Umgang als Jüngling Henriette Herz und den jüdischen Kreisen nähergetreten war —seine Korrespondenz mit ihr führte er bekanntlich in hebräischer Kurrentschrist —, er, der als Knabe Vorträge von David Friedländer gehört hatte und diesem Schüler und Nachfolger Mendelssohns stets seine Hochachtung bezeugte,' er, der auch zu den Verehrern Rahels gehörte, den jüdischen Kreisen nahe genug getreten, um ihr Wesen und ihre, Vorzüge zu erkennen. Seit fünf Jahren erscheint nun alljährlich gegen Ende des Jahres je ein Band eines vielumfassenden Briefwechsels zwischen Wilhelm und seiner geistesverwandten Gattin Karoline. Fast jeder Band enthält Bemerkungen über die eben angedeuteten Kreise und gelegentliche Hinweise auf einzelne andere Mitglieder der jüdischem Gesellschaft Berlins. Ich habe in den letzten Jahren auch in diesen Blättern mehrfach auf diese wichtige Publikation aufmerksam gemacht. Nun ist der fünfte Band/) vielleicht der bedeutendste des ganzen Sammelwerks, erschienen. Auf ihn einzugehen ist unsere Pflicht um so mehr, als es'sich hier nicht bloß um einzelne Aeußerungen über die Genannten handelt, sondern um größere Ausführungen. Was zunächst die jüdischen Kreise anbelangt, so wird z. B. von dem Plan der Henriette Herz gesprochen, nach Italien zu gehen, auch von dem Gerücht, sie wolle sich taufen lassen, ein Gerücht, an das Humboldt nicht recht glauben will. Auch über Henriette Mendelssohn, die Tochter von Möses Mendelssohn, die als Erzieherin in einem vornehmen Haus zu Paris lebte, über eine andere Tochter Mendelssohns, Dorothea Schlegel und über ^Friedländer und dessen Söhne, die Humboldts Bankiers blieben, finden sich einzelne Notizen. Ferner kommt über die schöne Marianne Saling gelegentlich ein niedliches Wort vor. Humboldt schreibt am 24. August 1817: „Die Goltzen (Gattin des preußischen Ministers und späteren Bundestagsgesandten in Frankfurt) hat sich hier äußerst human betragen, ist sogar mit Fräulein Saling zu großem Aufsehen aller Hiesigen im Theater gewesen. Man lobt sie also in beiden Testamenten, weiter bringt es kein Mensch." Die bemerkenswertesten Aeußerungen knüpfen sich aber an Rahel Levin. Diese hatte sich bekanntlich 1814 mit Varnhagen v. Ense verheiratet, ihr Gatte war 1818 zum preußischen Geschäftsträger in Karlsruhe ernannt worden. Humboldt meldet dies seiner Gattin am 1. November 1815 mit folgendem auffallenden Zusatz: „Barnhagen ist Geschäftsträger in Karlsruhe geworden. Eigentlich freilich nur Legationssekretär bei Oelsner. Da dieser aber zugleich in Stuttgart und Karlsruhe akkreditiert ist, so ist er eigentlich so gut wie immer allein. Ich sagte ja lange, daß die kleine Levy Exzellenz werden würde. Wieviel fehlt nun daran? Die Lohnbedienten nennen sie gewiß schon in Karlsruhe so. Der gute Kanzler hat diese Wahl gemacht, ohne mir und Jordan ein Wort zu sagen. Ich habe ihm, wie ichs leider zu spät erfuhr, Vorstellungen dagegen gemacht. Ich hätte noch nichts gegen den sogenannten h Wilhelm und Caroline v Humboldt in ihren Briefen. Herausgegeben von Anna v. Shdow. 5. Band. Diplomatische Friedensarbeit. 1815 bis 1817. Mit einer Abbildung. Berlin 1912. Ernst Siegfried Mittler L Sohn, Königliche Hofbuchhandlung. Jakobinismus von Barnhagen, wenn wahrer Ernst, dabei wäre. Aber es ist mehr Eitelkeit- und ein taquines Wesen, die Leute, zu ärgern und zp äffen. Dabei die Dame, der Stamm Levy, die Bundeslade! Wie soll das auf den Großherzog wirken, und was ist, gerade für ein.'Gewinn dabei, daß er dort .angestellt ist, solche Nachteile zu überwiegen?" Karoline antwortet darauf am 13. November: „Varnhagens Ernennung - nach Karlsruhe hat mich, allerdings frappiert. Er macht eine schnelle Karriere. Ich kann es nicht .approbieren, und obgleich seine Frau gewiß besser als er.ist, so ist sie doch bei einem Posten der Art gewiß ein reelles Hindernis, was man in Erwägung hätte ziehen sollen. Die Judeuliberalität kann ich nicht so unbedingt protegieren. Sie macht uns höchst lächerlich im Ausland und schadet dadurch in viel anderen Beziehungen." .Wilhelm, der keine Bemerkung der Gattin ignoriert,..geht darauf ein, unterläßt es aber nicht (1. Dezember) hinzuzufügen: „Mit der Barnhagen hast Du ganz recht. Indes konnte ich es heute nicht lassen, , da mir einer sagte, was die _ feine, parisisch erzogene Großherzogin sagen würde, wenn die Jüdin zu ihr käme, (zu erwidern), daß sie beide Parvenüs wären und sich recht gut zusammen schickten." (Zur Erklärung der letzteren Bemerkung diene die Notiz, daß die Frau des-Großherzogs Karl von Baden eine geborene Beauharnais, also nicht aus fürstlichem Geschlecht war.) Vor ihrer Uebersiedlung kam Frau von Barnhagen nach Frankfurt. Wilhelm war mehrmals mit ihr bei Frau von Cüstine zusammen, benutzte jedoch die mehrfachen Erwähnungen der Genannten zu keiner weiteren Ausführung. Am. 22. März 1816 aber schreibt er folgendes: „Mendelssohn wechselt sich wohl mit seinem Bruder in Paris ab. Es ist Abraham, nicht wahr? Ich erinnere mich nicht einmal, ob er verheiratet ist. Die Frau dessen, der jetzt in Paris ist, ist angenehm und artig. Ich habe sie in Paris besucht, wie -ich die Jugendbekannten und die Juden nie verlasse. Auch war sie sehr gerührt. Alexander geht noch mehr mit ihr und dem Mann um." " Woraus Karoline (29. März) bestätigt, daß es sich wirklich um Abraham Mendelssohn handle. Dabei kann sie es aber nicht lassen, eine Ausführung hinzuzufügen, die Wahres mit Falschem vermischend, ihre starke Abneigung gegen die Juden zu erkennen gibt. „Du rühmst Dich, die Juden nie zu verlassen. Es ist der einzige Fehler, den ich an Dir kenne. Sie sind Dir zu einerlei. Allein das Einerleisein ist nicht, die Natur der Juden. Auf?Individuen kann das Lieben oder Nichtlieben keinen Einfluß-haben, aber im ganzen stehen sie hier in unrichtigem Verhältnis zur Zeit, zum Geschehenen. Man erhebt sie zu allen freien Bürgerrechten, und das einzige, wozu sie sich derer bedienen, ist das Schachern und Handeln usw. Schierstedt hat mir erzählt, wie ganze Distrikte im Jahre 1813, die Reichen für die Armen mit, sich loskauften, um nicht den Feldzug mitzumachen — sie sind jetzt schon ein nicht unbedeutender Teil des Grundeigentums in allen preußischen Staaten, Juden sind Patronatsherren von Christen und christlichen Kirchen, was doch ein größerer Unsinn ist als wenn Türken es wären, die doch Christus nicht leugnen, nur Mohammed einen größeren Propheten nennen. Das- Vermögen des Staats ist größtenteils in ihren Händen, , hier in Berlin ist es sehr auffallend, wie jetzt, wo ein großer Häuserverkaus wieder stattfindet, unter vieren gewiß drei von Juden adquiriert werden. Wenn ich was zu sagen hätte,, ich ließe sie drei Generationen lang nicht handeln und alle zwanzigjährigen Jünglinge, ohne irgendeine Ausnahme als die der körperlichen Gebrechlichkeit, wären Soldaten, da wollte ich

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