Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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eigentlichen Judentums bis heute, und dieses Erhaltenbleiben bildet eben die sogenannte Judenfrage, : r Vom nichtjüdischen Gesichtspunkte * aus sei diese Frage etwas durchaus künstliches, denn sie entspringe ausschließlich aus christlicher oder heidnischer Ungerechtigkeit und Unduldsamkeit, aus der Unterdrückung Won Minderheiten, aus dem allgemein gültigen Gesetz der Abneigung. gegen das ungleiche. Man brauche nur an die'Gestaltung der Jüdensrage in Rußland, Rumänien oder Marokko zu denken. „Und wenn Deutschland keinen Fall Dreyfus gehabt hat, so war das vielleicht nur dem Umstande zu verdanken, daß dort kein Jude einen höheren militärischen Rang einnehmen darf." Sogar in den „so viel vyn; Brüderschaft sprechenden" Vereinigten Staaten von Nordamerika ift, „durch den Ausschluß der Juden vom allgemeinen Gesellschaftsleben ein torloses Ghetto geschaffen .worden". : Nicht künstlich dagegen, -sondern „ungemein wirklich" ist nach Zangwill die Jüdensrage vom jüdischen Gesichtspunkt aus, und diese wirkliche wird desto akuter, je mehr sich jene künstliche verflüchtigt. In der Diaspora kann das strenggläubige Judentum nur in einem Ghetto bestehen, sei es in einem von außen her aufgezwungenen, sei es in einem von innen heraus -entwickelten. Was die jüdische Judenfrage gebiert, das ist die Emanzipation der Juden. Der Sabbat führt zu wirtschaftlichen Beschränkungen, selbst wenn der Staat sie beseitigt -hat. Lebhafter gesellschaftlicher Verkehr würde die Mischehe nach sich ziehen. „Ein Reformjudentum kann seine Lehren logischerweise nicht auf das Volk der Hebräer beschränken, welches -in Ermanglung des normalen Schutzes durch ein eigenes Land von seinen Proselyten verschlungen werden muß." Dieser Mangel an einem Gebiet, in welchem das Judenvolk ein selbständiges Leben führen könnte, bilde die Hauptursache der Tragikomödie des heutigen Judentums, denn die 7 Religion, welche dieses während der langen Zeiten der Verstreutheit erhalten hat, habe, wie aus der Liturgie usw. hervorgehe, auch seine Gebietsüberlieferungen aufrechterhalten. Selbst als die Stammeseigenheiten noch die potentielle Müssigkeit des Lebens besaßen, konnten weder Griechen noch Römer dies zähe Volk ändern. Sein Abgang von Palästina verhärtete seine Tradition dadurch, daß ihm die Möglichkeit einer gemeinsamen Weiterentwicklung benommen war. Diese Unmöglichkeit, neues zu schaffen, führte allmählich zu einer, frommen Resignation. „Alles wurde dem Ideal des bloßen Ueberlebens geopfert." Um Blutbädern und Beraubungen zu entgehen, wurden viele Juden in Spanien, Portugal, England, Aegypten und der Türkei äußerlich Katholiken, Protestanten, Mohammedaner, blieben aber insgeheim dem Glauben der Väter treu. Noch jetzt gibt es in Saloniki „Dönmeh" und sie „liefern den Jungtürken Staatsmänner"; auf den Balearen finden sich noch heute „Ehuetas" und erst vor rund 50 Jahren entstanden auf Grund von Verfolgungen in Mittelasien die „Zbäil al^slLm". Rußland ist „gewiß voll von orthodoxen Christen, die im Herzen Juden geblieben sind". Wo ein leidliches Dasein gesetzlich möglich, jedoch mit gesellschaftlicher Untergeordnetheit verbunden war, wachte sich das Pseudoisraelitentum in leichteren Formen geltend; wir begegnen diesen in den meisten Ländern, die die .Juden emanzipiert haben: Namenswechsel. Betonung des Lokqlpatriotismus; demonstrative Nichtbeschäftigung mit jüdischen Angelegenheiten, mimetisch angenommener Antisemitismus. „Diese alles durchdringende Assimilierkraft beeinflußt selbst die Gläubigsten und untergräbt, wirk- «samer als jede Verfolgung die so zäh verewigten Lebensauffassungen.". ' Dazu kommt, daß es gegenwärtig keine einzige Zentripetalkraft gibt, welche all diesen auflösenden und auseinanderstrebenden Tendenzen ein Gegengewicht bieten könnte. Die Religion ist in so viele Bruchstücke zersplittert wie die Nation. Es besteht weder eine religiöse noch eine politische Zentralautorität. Der Aberglaube, daß die jüdischen Interessen nach Art der Jesuiten oder Freimaurer insgeheim verbündet seien oder daß die jüdische Hochfinanz ihre Macht zugunsten der Juden benutze, „gehört zu den ironischsten Märchen. . . Es gibt kein jüdisches Volk, keine jüdische Nation, sondern lediglich eine Menge einzelner Personen, durchaus amorph, nach Religion und politischem Schicksal gleichmäßig geteilt." Man kennt keine gemeinsame Stelle, von der aus die Gesamtheit der Juden angesprochen werden könnte, keine Obrigkeit für irgendeinen Appell. Dieser Zustand der Vereinzelung ist den Juden so sehr zur Gewohnheit geworden, daß die meisten von ihnen die Möglichkeit eines eigenen, selbständigen Staatswesens bezweifeln, ja, den Gedanken daran als etwas „Perverses" betrachten. Die eifrigsten Untertanen sind in der Regel überall die Juden; besonders in England, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Nordamerika und der Türkei sind sie patriotischer als alle anderen. Dies rührt wahrscheinlich daher, „daß sie bewußt fühlen, was die anderen Bürger unterbewußt für selbstverständlich halten; zweifellos birgt die Ostentation auch etwas Schutz-Mimikry." (Ob nicht auch die Dankbarkeit für die gewährte Gleichberechtigung da eine Rolle spielt? Der Referent.) „Glücklich zu schätzen sind die Nationen, denen die Dienste eines so begabten und nützlichen Volkes zur Verfügung stehen!" Zangwill erklärt es als ganz begreiflich, daß die chamäleonartige Natur des Juden „nicht nur in biologischer, sondern auch in künstlerischer Mimikry" hervorragt, z. B. in der Schauspielkunst, und daß er „der geborene Vermittler. in Kunst und Handel" ist. Er ist „der Kenner par excellence, der allgegenwärtige Kunsthändler." Seine Sprachkenntnisse und seine internationalen Beziehungen bestimmen ihn zum Erfolg im Handel und im Finanzwesen, in der Journalistik und der Kritik, im Reisen und in der Gelehrsamkeit. Unser Gewährsmann zählt auf, was hervorragende Juden von Neander bis Vämböry und Emin, von Marx und Lassalle bis Max Nordau, von Heine bis Bergson und Lombroso, von Spinoza bis Sarah Bernhardt und Josef Israels auf allen Gebieten geleistet haben. (Dabei unterläuft ihm der spaßige Irrtum, Humperdinck für ein Pseudonym der Frau Max Bernstein-Rosmer in München zu halten.) Er fügt hinzu, daß für die Nichtjuden die eigentliche Judenfrage dahin gehen sollte, wie sie die Juden in ihrer Mitte behalten können. „Die Ausmerzung all dieser Begabung und Genialität würde die Fröhlichkeit der Völker gewiß nicht erhöhen." Das sind in Wirklichkeit „kosmopolitische Typen". Hinter ihnen stehen „unerschöpfliche Reserven jüdischer Juden": der Talmudmystiker, der Hebräisch sprechende Weise; aber sie sind „der westlichen Welt so unbekannt geblieben, wie wenn sie in den Wüsten Tibets verborgen lebten". Geiger, Zunz, Steinschneider, Karpeles, Schechter haben die ungeheure Ghettoliteratur der langen Jahrhunderte studiert; aber es gibt auch .eine moderne hebräische Literatur, „eine glänzende Schar von Dichtern und Belletristen, Philosophen und Humanisten, die in der uralten Sprache die feinsten Nuancen der heutigen Gedankenwelt ausdrücken." Noch umfangreicher und voll hochbegabter Geister ist die sogenannte „jiddische" Literatur unserer Zeit. . . (Sorlsetzung folgt.) -MS-