Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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besiegelt, da Costa wurde erst gefoltert, um seine etwaigen Mitschuldigen zu nennen, und als dieses nicht gelungen war, wurden ihm vorerst die Hände abgehackt, und er mußte dann den Scheiterhaufen besteigen. Der., allzu gerechte Großinquisitor da Silva wurde verjagt und an seine Stelle dann der erst siebenundzwanzigjährige, durch seine Grausamkeit bekannte jüngere Bruder des Königs Don Henrique eingesetzt. Es begannen die Autodafes, deren Opfer gewöhnlich je fünfzig Maraunen wurden. In tausend Aengsten wählten nun letztere Fernandes Neto zu ihrem Sachwalter in Rom. Den Zutritt zur Kurie erlangte er durch die Geldmittel des Diogo Mendes und dessen Schwägerin Donna Gracia Mendesia. Neto versprach die sofortige Hinterlegung von 10 000 Dukaten und eine monatliche Zahlung von 250 Dukaten an einen Nuntius, wenn ein solcher nach Portugal entsendet würde. Auch diesem willfahrte der Papst, und kurze Zeit darauf begab sich dorthin der Kardinal Lipomano. Bevor er aber noch die. Grenze überschritten hatte, erreichte ihn schon ein Dekret Ioaos, in. welchem ihm das Ueberschreiten der portugiesischen Grenze unter Todesstrafe verboten wurde. Es würde zu weit führen, die Leiden der Marannen auch nur in kürzester Uebersicht schildern zu wollen. Als Charakteristikum der Bluttribunale sei an dieser Stelle folgender Vorfall mitgeteilt. Ein Ehepaar Alvares war wegen Ketzerei eingekerkert worden. Da man äbex in ihrem Aufenthaltsort, Coimbra, keinerlei Schüldbeweise ausfindig machen konnte, auf Grund deren man das Ehepaar hätte verbrennen können, ließ sich der Großinquisitor die junge Alvares, ein Kind von sechs Jahren, in fein Zimmer bringen, stellte sie vor ein Becken mit glühenden Kohlen und drohte, ihr die Hände zu verbrennen, wenn sie nicht gesehen hätte, wie ihre Eltern ein Kruzifix geohrfeigt hätten. Am schrecklichsten wütete Joan de Mello, der Großinquisitor von Lissabon, der dem König folgenden -kaltblütigen Bericht über ein Autodafe übermittelte: „Etwa hundert Verurteilte bildeten den Prächtigen Zug. Der Laienrichter führte sie in Begleitung' der Klerisei von zwei Kirchspielen. An dem Richtplatz angekommen, fang man die Hymne: veoi creator Spiritus. Ein Mönch bestieg die Kanzel, die Predigt war kurz, weil die T a g e s a r b e i t viel Zeit erforderte .... Sieben Frauen und zwölf Männer wurden an den Pfahl gebunden und lebendig verbrannt. Nur eine Frau wurde wegen überzeugend reumütigen Bekenntnisses begnadigt." Schrecklicher noch wütete die Inquisition, als Paul IV. (1555 bis 1659) Papst geworden war. Aber schon zwanzig Jahre später sollten sich diese Schändlichkeiten am Königshause und an ganz Portugal rächen. Sebastian, ein Enkel Ioaos, wollte gegen die Ungläubigen in Afrika Krieg führen. Zu diesem Kriegszug steuerten ihm die Marannen 225 000 Dukaten, gleich 12 000 000 Mark bei, wofür sie aber ein Dekret erhielten, demzufolge ihrer Auswanderung kein Hindernis in den Weg gelegt werden sollte. Sebastian fiel in der Schlacht von Alkazer, mit ihm die Blüte feines Heeres. Der Religionseifer hatte die Macht Portugals nach innen und außen für ewige Zeiten gebrochen. Ihre volle Tätigkeit setzte die Inquisition durch drei Jahrhunderte in Portugal fort, bis sie am 31. März 1821 endete. Nie aber haben sich die Juden in dieses Land ihres Unglücks zurückbegeben, und bloß 500 jüdische Seelen zählt dieses Land schon mit seinen Besitzungen. Habent sua fata — regna et reges. Die Iudklikrsgk auf dem Kallenkongreh. Ein objektives Referat von Leopold Kätscher (London). on den zahlreichen interessanten internationalen Veranstaltungen, die ich bisher mitgemacht habe, war die fesselndste und erfreulichste, aber auch die größte der Erste Weltkongreß der Rassen, der im verflossenen Hochsommer hier, in der internationalsten Stadt der Erde, stattfand. Ein ebenso neuwie eigenartiger Markstein auf dem Wege der Menschheitsentwicklung und der Völkerverbrüderung! Weil nun der Hauptzweck dieser Tagung die Besprechung der — nichtpolitischen — Beziehungen zwischen den Rassen und Völkern des Ostens und denen des Westens war (Neger und Weiße, Hindus und Engländer, Chinesen und Europäer usw. usw.), fand auch die Judensrage einen Platz auf der Tagesordnung, und da hierbei einerseits mehrere angesehene' Männer zum Wort kamen, anderseits manches Interessante gesprochen wurde, will ich näheres über die Debatte mitteilen. Als Hauptredner war Israel Zangwill ausersehen, der bekannte Schil derer anglojüdischen Lebens. Wenn ich auch durchaus nicht alles, was er sagte, unterschreiben kann, finde ich seine Darlegungen vielfach recht bemerkenswert und stellenweise originell. Von dem Zweck des Kongresses ausgehend, betonte ' er die in der gesamten spezifisch-jüdischen Literatur, die Bibel mitgerechnet, sich unverkennbar äußernden Bestrebungen nach einer gerechten Gesellschaftsordnung im allgemeinen und einer schließlichen Einigung des Menschengeschlechts, die durch die Juden gepredigt und herbeigesührt werden soll. Sehr wahrscheinlich seien die historischen Texte des Alten Testaments im Interesse dieser Geschichtsphilosophie „redigiert" worden — aber beileibe nicht im Sinne einer Selbstverherrlichung wie wir sie in den heiligen Schriften anderer Völker finden. Im Gegenteil! Israel erscheint, statt als Held, als Sünder, der sich nicht zu seiner Erlöserrolle als „Diener Gottes", für die er geschaffen, erheben kann. Die dienen, nicht herrschen wollende „Mission des Judentums" durchzieht wie - ein roter Faden den Talmud, die zahllosen Erbauungsbücher und die ganze Liturgie des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit, einschließlich des „modernistischen" Resormsynagogentums der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Bei der Volksmasse verwandelte diese Mission sich in eine Art Nationalismus, aber selbst diese engere Auffassung vom „auserwählten Volk" fand dichterischen Ausdruck als eine zärtliche Vertraulichkeit zwischen Gott und Israel. Die Befolgung der jüdischen Gesetze und Gebote führte dadurch, daß diese das gesamte Leben umfaßten, trotz aller Neigung zur Ausartung in Schablonenförmlichkeit „zu einem häuslichen Rituale von eigenartiger Schönheit und Poesie, zu einer strengen Speiseordnung" und zu einem Charakter, in welchem die Selbstbeherrschung keine kleine Rolle spielte. Nach Zangwill ist kein anderes Volkstum der Welt so sehr „mit Idealismus und häuslichen Tugenden gesättigt." Ein Vergleich mit den „noch unzivilisierten, rohen Massen Europas", namentlich auch im Hinblick auf die Geringfügigkeit der Kindersterblichkeit und die Gesundheit der Schulkinder, läßt die Bezeichnung „als auserwähltes Volk wissenschaftlich gerechtfertigt erscheinen". Jene Vereinigung von „Spiritualität, Jntellektualität und Kampfeskrast", die die Juden „über alle Völker des Altertums — die Griechen ausgenommen — erhob", wurde mit einem übermäßigen Individualismus bezahlt, welcher den Staat verwirrte und teilte. Aber ein halbes Jahrhundert, ehe Jerusalem Titus'Legionen erlag, „hatte es der Menschheit das Christentum gegeben und damit einen neuen Welteroberungsseldzug begonnen. Und 500 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems schenkten seine fahrenden Sprößlinge Mohammed die islamitischen Ideen. So gewann das Judentum den halben Erdball und der Gedanke der jüdischen Mission kam triumphirend zur' Geltung." Immerhin aber erhielt sich ein kleiner Kern des