Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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Siedlungsgebiet für die Juden und über die Notwendigkeit der.Beobachtung kommerzieller Prinzipien bei der Humanitären Förderung der Kolonisation. Herr E r n st L ö w e n b e r g, Berlin, berichtete über die Don der A. I. K. O. bereits in die Wege geleiteten Kolonisations- Unternehmungen und die von ihr zum Teile geschaffenen, zum Terl vorbereiteten Finanzinstitute. Beide Referate fanden lebhaften Beifall. In einer, Besprechung, die sich an die Versammlung angliederte^ beschloß dev Kreis der Einberufer aus Antrag von Herrn Dr. W e l t s ch ein größeres Komitee zu bilden, das aus zwei Sektionen bestehen wird. Die xrste wird sich, unter Heranziehung sinanzkräftiger und sinanzkundiger Persönlichkeiten, mit der Unterstützung der kommerziellen Institute der A. I. K. O. befassen/ während die zweite die Propaganda für die A. I. K. O. als humanitäre Organisation in Prag und in anderen jüdischen Gemeinden Böhmens in die Hand rühmen wird. ,■0 # Nach langjährigen schweren Kämpfen ist es, wie aus Bukarest gemeldet wird, endlich gelungen, die endgiltige Abschaffung des Gerichtseides „More Judaico" zu erwirken. Der Oberste Gerichtshof hat in seiner jüngsten Entscheidung 'diese für die rumänischen Juden beschämende Eidessormel ein für allemal aus der Gerichtspraris eliminiert. Laut dieser oberstgerichtlichen Entscheidung wurde angeordnet, daß die jüdischen Parteien in Zukunft bei Abnahme des Gerichtseides nicht mehr in die Synagoge geführt werden dürfen. In einer Zirkularnote an die Richter des Landes wurde es diesen zur Pflicht gemacht, jeden Cid, ohne Rücksicht auf die Konfession der zu beeidenden Partei im Gerichtssaale bei' der Verhandlung abzunehmen. Auch die Eidesformel für Juden wurde dementsprechend modifiziert. Neoerend % tz. Males Srnstm, Oberrabbiner der Möifchen Gemeinde in Gibraltar. Familie des würdigen Geistlichen, dessen wohl- 3 gelungenes Bild wir einem Berliner Freunde verdanken, stammt aus Tetuan in Marokko. Der Vater hieß Jesaia, die Mutter Meschoda. Da die Eltern schon mehrere Kinder verloren hatten, machten sie das Gelübde, das Kind, das sie erwarteten, so bald als möglich nach Palästina zu bringen. Sie erfüllten das Gelübde, als der Knabe, den sie Moses nannten, der am 7. Schrat 5605 (1845) geboren ist, sechs Monate alt war. Sie' lebten mit dem Kinde mehrere Jahre in Caiffa (Palästina). Der Unterricht, der dem Kinde zuteil werden konnte, war überaus dürftig. Als er elf Jahre alt war, eröffnete er mit einem Vetter ein Geschäft, das aber sehr geringe Erträge abwarf. Während dieser Zeit wurde er von dem Vater im Sohar und im Talmud unterrichtet. 13 Jahre alt übernahm er die Stelle eines Schreibers. Dort wurde er zufällig von dem Oberrabbiner von Jerusalem, dem Reverend David ben Simeon gesehen. Der Geistliche erbat von dem Vater die Erlaubnis, den Knaben nach Jerusalem zu überfühyen, ihn in sein Haus aufzunehmen und als seinen Sohn zu behandeln. Aber die Eltern scheuten sich, den Knaben so weit von sich zu entfernen und schickten ihn nach Liberias, wb er bei dem Oberrabbiner Hayna Samuel Cohen unterrichtet würde. Er besuchte, von seinem Lehrer besonders gefördert, die dortige Talmudfchule. Er machte große Fortschritte in Bibel, Talmud, Grammatik, auch in der Kabbala und in der Philosophie. Mit 17 Jahren verheiratete er sich. Er fristete seinen Unterhalt durch Erteilung von Unterricht. 26 Jahre alt unternahm er eine größere Reife -durch die ganze Türkei, immer bereit, zu lernen und gefördert-von den Gelehrten, die er in den verschiedenen Städtenbesonders in Saloniki traf. Längere Zeit, 15 Monate, hielt er sich in Marokko aus,' wo er seine Gattin verlor. Dann kehrte er nach seiner Vaterstadt . zurück, wo . er als, Lehrer und Gelehrter einen außerordentlichen Ruf genoß. Seine größeren Reisen führten ihn auch nach Gibraltar, wo er gleichfalls als Lehrer großen Zulauf fand. Im Jahre 1883 kehrte er nach Tetuan zurück und verheiratete sich zum zweitenmal. Aus seinen , verschiedenen Reisen war er häufig aufgefordert worden, die Stellung eines Rabbiners zu übernehmen. Endlich, im Jahre 1889 nahm er das ihm mehrfach an getragene Anerbieten an:" die Stellung eines Oberrabbiners in Gibraltar, Seitdem wirkt er dort in großer Frömmigkeit und mit außerordentlichem Eiser. Er lebt seinem Amt, seiner Familie und seinem Studium. Er fühlt sich nur wohl in seiner Familie. Er predigt gewissenhaft jeden Sabbat. Trotz seines strengen Festhaltens an Satzungen und Gebräuchen ist er duldsam gegen Andersgläubige. Gleich am ersten Tage seiner Ankunft begleitete er die Leiche eines Christen bis zur Türe des.Kirchhofs mit der Begründungwir müssen ‘^rieben haben mit den Christen, sie sind unsere Brüder. Er wird wegen seiner Frömmigkeit und - Gelehrsamkeit ungemein geschätzt, häufig auch von den Auswärtigen zu Gutachten aufgefordert. Er ist ^außerordentlich gelehrt; gegenwärtig veröffentlicht er zwei Werke, das eine UPS DPT) das andere Q'MN. Er ist gern bereit, diese beiden Werke auch den deutschen Gelehrten zugänglich zu machen, die Kenntnis davon zu haben wünschen. Er ist von einer unendlichen Anspruchslosigkeit, Geschenke lehnt er grundsätzlich ab, selbst den Entgelt für den Unterricht von Kindern nimmt er ungern an. Er arbeitet Tag und Nacht. Seinen Schülern gegenüber ist er ein gütiger und freundlicher Lehrer. Unter den zahlreichen Schriften, die er bisher veröffentlichte, befinden sich Gebetsammlungen und Reden und von den letzteren besonders solche bei großen politischen Ereignissen, z. V. dem Jubiläum, dem Tode der Königin Viktoria, bei der Krönung des Königs Eduard, bei der Krönung des gegenwärtigen Königs. . Im Jahre 1904 wurde er von der Gemeinde in Lissabon berufen, um die neuerbaute Synagoge dort einzuweihen und folgte dieser ehrenvollen Aufforderung. Er wird von ayen Mitgliedern seiner Gemeinde geliebt und geschätzt und lebt in herzlichem Einverständnis mit den jüdischen Familien seines Bezirks. ’) L. G. E Das jüdische Mntlitz. Von Rahel Edelstein-Friedmann, Wien, n den jüdischen Blättern wird gegenwärtig der neueren V anthropologischen Forschungen erwähnt, welche sich mit dem Verschwinden des jüdischen Typus in den aus Mischehen hervorgegangenen Individuen befassen. Es wird hierbei der sogenannten Mendelschen Theorie gedacht, wonach . der jüdische Typus als der schwächere Teil bezeichnet wird, der eben infolge seiner Schwäche unterliegen müsse. In folgendem sei es versucht, für die allerdings richtige Tatsache, daß der jüdische Gesichtsausdruck in Sprößlingen von Mischehen sich verliere, eine andere als die angeführte Ursache aufzufinden und nachzuweisen. Ein Typus, der sich durch Jahrhunderte und -tausende in jenen Merkmalen, welche ihn von dem seiner Landesbrüder und Zeitgenossen unterscheiden, unverrückbar und.ausgeprägt erhalten hat, kann nicht „schwach", auch nicht der „relativ ■ *) Die hier gegebenen Mitteilungen verdanke ich dem Sohne des Herrn Benaim, der als Kaufmann und Vertreter europäischer Häuser für Marokko tätig ist.' ' ' " '