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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-09 · Heft 6 (9.2.1912) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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minder nutzbringend angelegt worden. Den Konkurs hat kein Jude wegen allzu generöser Dotierung , des Wahlfonds anzumelden brauchen, nur eine Politische Partei hat Konkurs machen müssen — die deutschsoziale Partei. *■ Im neuen Reichstage wird die Fraktion der Fortschrittlichen Volkspartei zwei Juden, die Abgeordneten Justizrat Wald st ein -Altona und Dr. Haas-Karlsruhe, in ihrer Mitte haben. Damit wird eine von antisemitischer Seite geflissentlich genährte Legende, daß die bürgerliche Linke jüdische Kandidaten nur aus aussichtslose Posten stelle, aus der Welt geschasst. In der sozialdemokratischen Fraktion werden etwa 10 Juden sitzen. Die führenden Organe der reaktionären Parteien rechnen, nach bekannter Manier, zwanzig Juden heraus. Nun, wir hätten nichts dagegen und würden uns freuen, wenn dem so wäre. Der Hilfsverein d e r deutschen I u den sendet mi§ folgende ihm zugegangene Telegramme: Kiew, 1. Februar. Seit Jahresfrist wird die O Öffentlichkeit in Rußland durch einen Ritualmordprozeß in Kiew in Erregung versetzt. Ein gewisser Justschinsky wurde in Kiew ermordet aufgefnnden. Da man den Mörder nicht ausfindig machen konnte, so wurde von den reaktionären Gesellschaften in Kiew daran gearbeitet, den Mord als einen Rituälmord hinzustellen und gegen die Juden auszubeuten. Es wurde ein Jude in Haft genommen, dem in dieser Woche der Prozeß gemacht werden soll. Nunmehr hat ein bekannter Journalist, Stephan Bruschkowski in Kiew, sensationelle Enthüllungen gemacht, zu denen er auf Grund eines umfangreichen Materials gekommen ist. Hiernach ist der Mord das Werk einer berüchtigten Verbrecherbande, die unter Leitung des in Kiew ansässigen.französischen Staatsangehörigen Mifle und der Verwandten des ermordeten Justschinsky steht. Für Mifle und Genossen war die Beseitigung Justschinskys notwendig, weil dieser Kenntnis von ihrem verbrecherischen Treiben hatte und sie Verrat von seiner Seite fürchten mußten. Zwei Zeugen, die mit der Verbrecherbande in Beziehung standen, die ehemalige Geliebte Mifles, Tschebyrjakowa. und der Tischler Petrow, haben außerordentlich schwerwiegende Tatsachen bekundet, die zur Feststellung der wirklichen Mörder führen müfsen. Gestern hat Stephan Bruschkowski der Kiewer Staatsanwaltschaft sein Material übermittelt und die beiden genannten Zengen der Staatsanwaltschaft vorgeführt. Die alnvesenden Staatsanwaltsgehilfen weigerten, sich aber, die Bekundungen der Zeugen, die die Situation völlig ändern und Licht in das Dunkel bringen, entgegenzunehmen, und begründeten ihre gesetzwidrige Weigerung damit, daß der Hauptstaatsanwalt in Angelegenheit Justschinsky nach Petersburg abgereist sei. Die Weigerung, solch wichtige Zeugen zu vernehmen, ist um so unerhörter, weil der Prozeß wegen des Mordes Justschinskys schon in dieser Woche beginnt und weil sich gerade jetzt der Ministerrat, der auch höheren Orts zu berichten beauftragt ist, mit der Angelegenheit befaßt. In der Kiewer Bevölkerung, auch in der nichtjüdischen, herrscht über diese Vorkommnisse eine außerordentliche Aufregung, da man mehr und mehr zu der Ueberzeugung gelangt, daß man die Wahrheit in der Angelegenheit Justschinsky unterdrücken und die Juden als Schuldige hinstellen will, um einen Vorwand zu haben, gegen die Juden zu Hetzer?und Unruhen und Pogrome hervorzurufen. Kiew, 2. Februar. Die rätselhafte Mordaffäre Justschinsky in Kiew, die ganz Nußland seit einem Jahre in Aufregung hält, die manchen Btiuisterrat und selbst die Duma beschäftigt hat, ist jetzt ihrer Aufklärung nahe. Die gestern gemeldeten Enthüllungen des Journalisten Brasul Bruschkowski füllen ganze Spalten der Kiewer und sonstigen russischen Zeitungen. Unter dem Drucke der öffentlichen Meinung hat auch die Kiewer Staatsamvaltfchast ihre anfängliche gesetzwidrige Haltung aufgeben müssen. Noch spät am Mittwoch abend würbe dem Verlangen Brasuls nachgegeben und er und seine Zeugen einem fünfstündigen Verhör unterwürfen. Die von Brasul angegebenen Zeugen machten für Miste und' seine Bande sehr gravierende Aussagen. Der Tischler Petrow hat kurz vor der Ermordung Justschinskys gesehen, wie Mifle eine Schusterahle präparierte. Nach der Ermordung Justschinskys fanden zwei Knaben, der Knabe Tfchebyrjakow, der später merkwürdigerweise ebenfalls einen rätselhafte Tod fand, und der Knabe Sarusky, diese Ahle. Sie war voll Blut. Neben' der Ahle fanden sie an der Mvrdstelle auch eine eigentümliche Feile. Als Mifle Kenntnis von diesem Fund erhielt, wurde er sehr erregt, und befahl, diese Gegenstände in eine Klosettgrube zu werfen. Die Mutter des getöteten Knaben Tfchebyrjakow und der Knabe Sarusky inachten nach dieser Richtung die bestimmtesten Aussagen. Zugleich erzählte die Mutter, eine ehemalige Geliebte Mifles, von geheimnisvollen Zusammenkünften Mifles und seiner Genossen Neschinski, Prichodko, Nasarenko und anderen vor und nach Ermordung Justschinskys. Sie schwuren sich gegenseitig, das Geheimnis ihrer Verschwörung zu wahren und bekräftigten ihren Schwur mit ihrem Blut, indem sie sich Einschnitte in die Hand machten. Mifle äußerte mehrmals vor Petrow, seine ehemalige Geliebte würde ihn zugrunde richten, und er stellte daher ihrem Leben nach. Durch Verbreitung des Märchens von eineni Ritualmorde versuchte die Verbrecherbande den Verdacht von. sich abzu lenken. * Das Präsidium der Allgemeinen I ü d i s ch e n K o lonisations - Organisation schreibt uns: Im Anschluß an die vor kurzem stattgehabte Versammlung im Sitzungssaale der Wiener Kultusgemeinde hat sich in Wie n ein K om i t e e gebildet, das in erster Linie die Förderung der F i n n n z i n sti t u t e der A. I. K. O. zum Zweck hat und dessen Mitglieder bereits eine Reihe von Beteiligungen gezeichnet haben. Sobald das Komitee auf dem Wege der Kooptieruug seinen Ausbau vollendet hat, wird es an namhafte Mitglieder der Wiener Kultusgemeinde einen Aufruf erlassen. Ferner beschloß das Komitee, die von Dr. Alfred Nossig lind Herrn E r n st L o e w e n b e r g in der Wiener Versammlung erstatteten Referate in Druck zu legen und zu verbreiten. Am 28. Januar hat nun auch in Prag im Festsaal des Israelitischen Rathauses eine Versammlung zugunsten des Werkes der A. I. K. O. stattgefunden. Die Einladungen waren von einem Kreise angesehener Mitglieder der Prager Kultusgemeinde ansgegangen, dem unter anderem der Oberräbiner Dr. E h r e n s e l d, die Leiter der Kultusgemcinde Dr. Arnold Rosenbacher, Dr. Lud w i g B e n d i e u e r , kaiserlicher Rat S. H a u r o w i tz, kaiserlicher Rat Robert Fuchs, kaiserlicher Rat Moritz H ahn, Dr. N. L. K o h n e r, die Präsidenten der Humanitätsvereiue Bnai Brith Dr. M o r i tz Hammerschlag, Dr. G u st a v G i n tz, Dr. Arnold Pollak, der Leiter der Prager Filiale der Israelitischen Allianz Heinrich D e u h o s, ferner die Herren kaiserlicher Rat Leon Bondy, K. G. Bacher, Ad. Glaser, k. k. Kommerzialrat M. I o ß , Dr. F r i e d r ich Kauf m a n n , Präsident der Advokatenkammer für das Königreich Böhmen, S. Lieb er s und Dr. Weltsch nngehörten. Unter den Anwesenden bemerkte man kaiserlichen Rat G o t t l i e b P o l l a k, Dr. Por - g e s, Vorsteher der Kultusgemeinde Karolinenthal, Dr. A r j e, Rabbiner von Smichow, kaiserlicher Rat D. Tr oll er, Dr. Ludwig Pick, Dr. W. S ch l e i ß n e r, kaiserlicher Rat V. K l e m p e - rer, kaiserlicher Rat M. Thias und viele andere hervorragende Mitglieder der Prager Kultusgemeinde. In seiner warm gehaltenen Eröffnungsansprache hob der Vorsitzende Dr. L. Ben dien er die Motive hervor, die seinerzeit zwei internationale jüdische Konferenzen in Berlin veranlaßt hatten, die A. I. K. O. ins Leben zu rufen. An diesen Konferenzen hatte sich Dr. Bendiener als Vertreter der Prager Kultusgemeinde beteiligt. Trotz des augenblicklichen Nachlasses blutiger Pogrome ist die Lage der jüdischen Massen in Rußland eine höchst kritische. Ein permanenter wirtschaftlicher Druck Zwingt sie zur. Auswanderung, der sich aber nun England und Amerika verschließen. Deshalb mußte ein neues Abfluß- und Ansiedlungsgebiet gesucht werden. Ein solches bot sich nur in den Ländern des Orients. Dieser zeitgemäßen, Humanitären Ausgabe, der Ansiedtung der Juden im Orient, dient die A. I. K. O. Nach dem Vorgänge auswärtiger jüdischer Großgemeinden und dem ermunternden Beispiele Wiens würde sicherlich auch die Prager Gemeinde, ihren Traditionen gemäß, dem förderungswürdigen Werke ihre volle Unterstützung angedeihen lassen. Der ans Berlin eingetrossene Vorsitzende des geschäftsführenden Ausschusses der A. I. K. O., Dr. Alfred Nossig, sprach über die Vorzüge des Orients als

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