Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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der einzelnen Rassen 'und Völker glaubt. — Daß aber die Juden eine solche Mission haben: die Verbreitung des Monotheismus und damit einer auf reiner Moralität basierenden Kultur, das steht unverbrüchlich fest und tritt uns in dem Verlaufe der Weltgeschichte immer und immer wieder entgegen. Abgesehen also davon, daß das Aufgeben seiner Religion stets ein Akt der Feigheit ist, ein schlimmes Zugeständnis seinen Gegnern gegenüber bedeutet, zur Ablegung eines falschen Zeugnisses zwingt, so ist jeder Uebertritt ein Verrat am Glauben der Bestimmung. Dies legt uns eben der Tag der Konsirmation besonders nahe ans Herz und darin liegt heute seine eigentliche und hauptsächlichste Bedeutung. — Nebenbei bat er aber noch, wie ich schon oben sagte, eine dritte, moralische Seite. Diese tritt weniger hervor, weil sie dem Tage der. Barmizwah nicht wie die andere speziell als solche zukommt, sondern nur insofern mit ihm verknüpft ist, als er ein Tag des Nachdenkens, Ueberlegens, Prüfens überhaupt sein soll. Es gibt im Leben des Menschen Zeitpunkte, bestimmte Abschnitte, an denen er gern zurückschaut auf die Vergangenheit und in gewissem Sinne vorwärts blickt in die Zukunft, sowie ein Wanderer beim Besteigen eines Berges von Zeit zu Zeit rastet, Umschau hält über das von seinem Standort aus zu überblickende Gebiet, rückwärts die zurückgelegte Strecke überschaut, danach den Blick vorwärts wendet nach dem nebelverhüllten, wolkenverschleierten Gipfel des Berges und dann frisch gekrästigt, voll neuer Hoffnung und frohen Mutes rüstig weiter schreitet. Eine solche Station, ein Markstein gewiffermaßen, der die Grenze zweier Altersstufen bezeichnet, ist das Konfirmationsfest; und es hat einen großen Vorzug vor allen anderen, die noch folgen, es ist der erste Haltepunkt; der zurückgelegte Weg ist erst sehr klein, der vor uns liegende noch sehr groß. Wenn Du also heut zurückschaust auf die Jahre, die bereits hinter Dir liegen, wenn Du Dir vergegenwärtigst, wie gut Du es bisher gehabt, wie Du dank der Liebe und Sorge unserer geliebten Eltern vor jedem Leid und Schmerz verschont geblieben, die glücklichste Kindheit genossen hast, die einem Menschen beschieden sein kann, und wenn Du Dir nun offen und ehrlich bekennen mußt, daß Du gar oft, dessen uneingedenk, nicht gut und recht gehandelt hast und darüber Reue empfindest, so hast Du den schönen Trost, daß die Vergangenheit noch sehr kurz und die Zukunft noch sehr lang ist, daß noch viele, viele Jahre vor Dir liegenin denen Du Dich ändern, die Vorsätze, die Du heute sicherlich fassest, betätigen kannst. Endlich ist das Konfirmationsfest noch deshalb besonders zu einer solchen prüfenden Rückschau und Einkehr in sich selbst geeignet, weil es Dir an diesem einen Tage so recht deutlich alle Liebe und Gütedie Dich umgibt, hegt und pflegt, vor Augen führt und Dir die Verpflichtung, Dich dieses Glückes würdig zu zeigen, recht eindringlich ins Gewissen ruft. Ich habe es absichtlich vorgezogen, lieber einige Worte über die allgemeine Bedeutung des Konfirmationsfestes mit Dir zu sprechen, als Dir besondere Ermahnungen und Lehren zu geben. Du wirst heute von den verschiedensten Seiten so viele gutgemeinte Ratschläge und wohlgemeinte Lehren erhalten, daß Du, wenn Du nur die Hälfte aller befolgst, schon ein Musterexemplar von Mensch werden mußt. Ich für meinen Teil rate Dir nur, nimm Dir stets nur Dich selbst zum Beispiel, wie Du Dich Dir in Augenblicken des Gefühls höchsten Glückes (z. B. heute abend) zeigst, befolge nur alle die Ermahnungen, die Du Dir selbst in diesen Augenblicken gibst, führe all die Vorsätze aus, die Du da fassest, so ist alles getan, um ein braver, tüchtiger Mensch zu werdender, mit sich selbst zufrieden, seine Eltern und .Lehrer zufriedenstellt. Nun wünsche ich Dir noch, daß das Fest recht schön und heiter verlaufe, daß Du recht viel hübsche Geschenke und Bücher, von der Uhr ganz zu schweigen, bekommst; laß Dir in meinem Namen von Onkel X. irgendein schönes Buch, einen Klassiker, wenn Du nicht alle erhältst, sonst etwas anderes geben und denke, wenn Du darin liest, an Deinen fernen. Dich innig liebenden, allzeit treuen. Bruder. Me Woche. Berlin, 6. Februar 1912 ie reaktionäre!: Parteien können die empfindliche Niederlage, die sie bei den Neichstagswahlen erlitten haben, nicht verschmerzen. Neben der Regierung, die sie für den Ausgang der Wahlen verantwortlich machen, find es natürlich die Inden, die als Sündenbock herhalten müssen. Der kleine David hat den Riesen Goliath erschlagen. Die 600 000 Inden haben den 60 Millionen Christen in Deutschland bei der Reichstagswahl ihren Willen ausgezwungen. Also behauptet ganz ernsthaft die Presse der Hauptleidtragenden Parteien. Die „Kreuz-Ztg." weiß sogar von einem „unter jüdischer Führung stehenden Großkapital" zu erzählen, das sich schon im vergangenen Sommer in die äußere Politik eingemischt habe, und fährt dann fort: „Vielleicht erfahren wir noch die Lösung des Rätsels, über das sich die deutschen Diplomaten so gründlich ausschweigen, wie man von Agadir zu dem Marokko-Abkommen gelangt ist, und weshalb der Reichskanzler über dies Abkommen so wehmütige Worte gesprochen hat. Schon heute finden Banksachverständige diese Lösung in der Konferenz der führenden Geldmänner mit dem Staatssekretär des Auswärtigen. Ulüvahrscheinlich ist das nicht, und die Beweise werden ja zu beschaffen sein. Ganz klar zutage aber liegt die direkte Einmischung der jüdischen Finanz in die Parteibewegung: Das Ansgehen des größten Teiles der nationalliberalen Partei im Linksliberalismus und das durch diesen vermittelte Stichwählabkommen des Gesamtliberalismus mit der Sozialdemokratie ist alles das Werk der ihrer Macht bewußt gewordenen Bank- und Börsenwelt, die sich so gern euphemistisch als „deutsches Bürgertum" bezeichnet und sich ebenso' euphemistisch den Namen „Hansabund" beigelegt hat . ." Der Haß ist aber ein schlechter Ratgeber. Das hat auch die „Kreuz-Ztg." sehr bald zu ihrem Leidwesen erfahren müssen, denn die offiziöse „Nordd. Allg. Ztg." erhielt vom Reichskanzler den Auftrag, die Behauptung von der Einmischung deutscher Finanzkreise in die äußere Politik des Reichs und von der Konferenz mit dem Staatssekretär des Auswärtigen in das Reich . der Fabel zu verweisen. Wir brauchen wohl nicht erst hinzuzufügen, daß der angeblich beherrschende Einfluß des („jüdischen") Großkapitals aus die Wahlbewegung und das Parteileben ebenfalls nur in der Phantasie der „Kreuz-Ztg." besteht. Die Geldmittel des Hansabundes stammen nur zu einem geringen Bruchteile aus Börsen- und Bankkreisen, zum überwiegenden Teile aus den Kreisen der Industrie und des Handels. Oder hat das konservative Blatt vielleicht gar die Niesensummen im Auge, mit denen die beiden Abwehrvereine in die Wahlbewegung „eingegriffen" haben? Die „Deutschsoz. Kl." wissen ja ebenfalls Schauergeschichten hiervon zu erzählen: „Gerade in unsere Wahlkreise haben die jüdischen. Verbände ungeheure Summen hineingeworsen. Kassel, Eschwege und Fritzlar haben den Juden Vermögen gekostet. Wie tapfer unsere Leute dort gefochten haben, das ahnen die meisten gar nicht." Das „Vermögen", das die beiden Abwehrvereine der Wahlbewegung geopfert haben, beträgt, nach den Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, ungefähr 40 000 Mark; so viel sind insgesamt zum gemeinsamen Wahl-, svnds eingegangen und in etwa *20 Wahlkreisen mehr oder