Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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tl. Berlin, 30. Januar. Tie Reihe der Montagsvorlesungen an der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums", die zum Besten des Stipendienfonds der Anstalt stattfinden, begann am 22. d. M.. mit einem Vortrag des bekannten Berliner Gelehrten, Geheimen Regierungsrat Professor Dr. S ach au. „Aus den Papieren, der jüdischen Militärkolonie in Elephantine" lautete das Thema, das ' ein äußerst zahlreiches Publikum herbeigelockt hatte. Nachdem der Redner in der Einleitung auf die hervorragende Stellung der Deutschen bei den Ausgrabungsarbeiten im Orient hingewiesen hatte, kam er auf die Papyri zu sprechen, die man in den neunziger Jahren in Elephantine an der Grenze Südäghptens gefunden hat. Diese, merkwürdigerweise vollständig im aramäischen Dialekte geschrieben ohne jedes hebräische Wort, geben uns davon Kenntnis, daß im fünften Jahrhundert vor Christi Geburt dort eine jüdische Militärkolonie unter persischer Herrschaft existiert hat. Es ist eine Zeichenliste für kulturelle Zwecke erhalten geblieben, die vor allem der Namen wegen interessant und bedeutsam ist. Denn neben bekannten biblischen kommen sehr viele neue bislang unbekannte Namen vor, die in der Regel mit Jaho Jahvezusammengesetzt sind. Diese Liste enthält auch Frauennamen, woraus man ersieht, daß dort die Frau zu kulturellen Leistungen gerade so wie der Mann herangezogen wurde. Ueberhaupt war die Frau in jener Epoche dem Manne fast völlig gleichberechtigt. Besonders tüchtig bewies sie sich als Geschäftsfrau. Auffallen aber muß es, daß neben „Jaho" auch noch andere Götternamen sich vorfinden, und daß auf einem uns überkommenen Briefe die Grußformel lautet: „Tie Götter alle insgesamt mögen sich kümmern um dein Heil zu jeder Zeit". Es hat also den Anschein, als ob damals der Monotheismus noch nicht zur völligen Ausbildung gelangt war. Ferner sind mehrere Urkunden erhalten geblieben, die Hausverkäufe und Geldgeschäfte betreffen. Diese Urkunden, die stets in zwei Exemplaren ausgefertigt werden mußten, zeichneten sich durch eine übergroße Ausführlichkeit aus. Der Redner liest eine kurze, aber vollständig erhalten gebliebene Urkunde vor. Von einem Edikt Tarius II, in dem es heißt, daß die Inden ihr Passahfest feiern dürfen oder sollen (das genaue läßt sich nicht mehr feststellen), hat man nur wenige Stücke gesunden. Ganz besondere Aufmerksamkeit verdient das Achika- Buch, eine Novelle heidnischen Ursprungs, von dem zwei Teile in Elephantine ausgegraben worden sind. Diese Erzählung ging in die Weltliteratur über, und wahrscheinlich hat Aesop seine Tierfabeln denen im Achika-Buche Nachgebildet. Die Militärkolonie in Elephantine hat ihre Selbständigkeit lange behalten; uns ist aus dem vierten Jahrhundert eine Urkunde überkommen, die aus dem sechsten Regierungsjahre' des nationalügyptischen Königs Amioteus datiert ist. Wir sehen also, oaß die Revolution, durch die die Aegypter sich vom persischen Joche befreiten, die jüdische Kolonie nicht mitvernichtet hat. Noch sind keineswegs die in Elephantine ausgegrabenen Papyri völlig für die Wissenschaft nutzbar gemacht. Viel Zeit und Arbeit wird man noch daran sitzen müssen, alle Schätze zu heben. Aber diese Arbeit wird wertvoll sein. Elephantine war vergessen. Doch schon jetzt hat man durch die gefundenen Dokumente einen Ueberblick über die religiösen, politischen und literarischen Interessen jener Zeit,. und in wenigen Jahren wird man voraussichtlich ein klares Bild von dem Leben in Elephantine haben und zugleich wichtige kulturgeschichtliche Ausschlüsse über die ganze Epoche. — Reicher Beifall lohnte den Redner für seine interessanten Ausführungen. ' z. Berlin, 30. Januar. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur veranstaltete am 23. Januar einen populär-wissenschaftlichen Unterhaltungsabend, an welchem Herr Fritz Richard vom Deutschen Theater in Berlin „Ernstes und Heiteres" aus modernen, jüdische Themata behandelnden Dichtungen vortrug. Das sehr geschickt zusammengestcllte Programm begann mit der vom Künstler meisterhaft gesprochenen Vision des Ezechiel (von Israel Auerbach), worauf Dichtungen wie Tolstois Legende aus dem Midrasch „Die Hoffnung", „Die Landstreicher" von Morris Rosenfeld „Maaßer bezahlen" von Artur Fitzer und andere folgten. Besonderes Interesse erweckte die vollendete Wiedergabe der Szene des roten Jtzig aus Beer Hofmanns „Graf von Chaxolais". Doch zeigte sich auch sonst das zahlreich erschienene Publikum sehr beifallsfreudig, besonders bei der Erzählung „Die alte Frau Nußbaum" (Jgn. Kohn-Wien) und den „Drei Konfessionen" von Karl Ettling'er. Sämtliche Dichtungen trug Herr Richard frei vor, wodurch der angenehme Eindruck des Abends noch bedeutend erhöht wurde. Reicher Beifall.ward .dem begabten Künstler zuteil, der sich zum Schluß noch zu einer Zugabe bewegen ließ, indem er die Zuhörer mit dem launigen Gedicht die „Metamorphose" von Dr. Dochner (Wien) bekanntmachte. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Nürnberg, sprach Rabbiner Dr. Bäck-Düsseldorf über das Judentum in der alten Wende der Zeiten; in Hoppstädten a. d. Nahe Rabbiner Dr. Straßburger über „Der Kampf um Heine — ein Kampf des Antisemitismus"; Lehrer Ludwig: „Die Juden unter, den Hohenzollern, II. Teil"; in Köln Dr. Moritz de Jorge über „Bismarck und die Judenemanzipation"; in Aachen Rabbiner Dr. Grunwald-Wien über die „Hygiene der Inden"; in Memel Rabbiner Dr. Beermann - Insterburg über „Unser Kampf ums Recht"; in Rakel Hofrat Dr. Adolph Ko Hut über die namhaften jüdischen Humoristen Deutschlands in der Gegenwart: *** Berlin, 30. Januar. Am 25. d. M. schied unerwartet aus arbeitsreichem Leben der Geheime Sanitätsrat Dr. Moritz Jastrowitz. Mit ihm ist eine markige Gelehrtengestalt dahingegangen, die sich ganz aus eigener Kraft zu hohem Ansehen emporgerungen hatte. Er war am 20. Dezember 1839 zu Löbau in Westpreußen geboren. Als ältester von sechs Geschwistern, in engen, bürgerlichen Verhältnissen, hatte er eine schwere Jugend. Seiner Lernbegier konnte er zu Hause nur wenig Genüge tun. Notgedrungen mußte er Kaufmann werden, aber dieser Beruf gab ihm keine Befriedigung. In aller Stille bildete er sich weiter und ließ sich, 19jährig, in die Obersekunda des Gymnasiums zum Grauen Kloster in Berlin aufnehmen, wo er 1861 das Zeugnis der Reife erhielt: Er studierte dann in Berlin und wurde 1866, nach Erlangung der Approbation, Assistent von Westphal an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Charite. Dann wurde er dirigierender Art der Maison de Sante. Später wirkte er als Konsiliarius an der Heilanstalt Berolinum von Fränkel und Oliven in Lankwitz. Von Beginn seiner Assistentenzeit an war er als wissenschaftlicher Schriftsteller tätig; aus der Fülle der von ihm beobachteten Fälle von Nerven- und Geisteskrankheiten hat er eine große Zahl von Arbeiten ver' öffentlicht. Als die soziale Gesetzgebung in steigendem Maße neurologischer und psychiatrischer Begutachtung bedurfte, zog man sehr bald Jastrowitz heran, und bis in die letzte Zeit war er vielfach als geschätzter Obergutachter tätig. In allen wissenschaftlichen Gesellschaften war er ein geschätzter Redner, der Verein für innere Medizin und Kinderheilkunde, dessen Schriftführer er seit vielen Jahren gewesen, hatte ihn anläßlich seines 70. Geburtstags zum Ehrenmitglied ernannt. Nicht minder geschätzt und geachtet war er innerhalb unserer Glaubensgemeinde, für die er stets das lebhafteste Interesse bekundete. Er war ein edler Mensch und gesinnungstreuer Jude, dessen Angedenken alle, die ihm im Leben nahestanden, stets in Ehren halten werden. L. Berlin, .30. Januar. Tie Konzerte des Vereines zur Pflege hebräischer Musik sind nun zu einer regelmäßig wiederkehrenden Veranstaltung geworden. Sie sollen dem löblichen Zwecke dienen, dem hiesigen Publikum Kompositionen hebräischer Texte und jüdischen Charakters vorzuführen, die in Berliner Synagogen nicht gesungen werden, und ihm so allmählich einen Ueberblick über die Erzeugnisse synagogaler Musik verschiedener Länder und Zeiten bis auf den heutigen Tag gewähren. Diesem Ziele ist der künstlerische Leiter der Veranstaltungen mit seinem am 27. d. M. gegebenen Konzerte (dessen starker Besuch übrigens die beste Kritik früherer Aufführungen war) wieder um einen bedeutenden Schritt nähergekommen. Besonderen Anteil an diesem Erfolg hatte zweifellos die große Gewandtheit, mit der Herr Kellermann die alten Melodien für unseren modernen Geschmack bearbeitet hatohne ihnen ihre Originalität zu rauben. Da es zu weit führen würde, auf Einzelheiten einzugehen, sei nur ganz allgemein auf die meisterhafte Bearbeitung des flw’al j’de awodechö“ und auf den sein melodiös durchgearbeiteten Satz-der Ruth-Sprüche, sowie auf die Cello-Piecen mit Orgelbegleitung (Haoetie8bsjad), die übrigens ihre Wirkung auch aus ein nichtjüdijches Publikum nicht verfehlen dürften, hingewiesen. — Als moderne jüdische Chorkompositionen hörten wir den Sulzerschen -Psalm-72