Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 5 Der Gemeindevote. Beilage zur „Allgemeinen Leitkmg deß Judentums verNn, 2.?ebruar 1912 Korrespondenzen und Sachrichtm. Deutschland. 5-. Berlin, 30. Januar. Zur Stellungnahme gegenüber den von uns mitgeteilten Beschlüssen des Pariser Zentralkomitees vom 3. Januar d. I. und zur Beratung und Beschlußfassung eines. Antrages der D. C. 03., ein deutsches Landeskomitee der A. I. U. zu begründen, war zum vergangenen Sonntag nach dem zweiten Verwaltungsgebäude der Gemeinde in der Rosenstraße eine Versammlung der Deutschen Konferenzgemeinschaft und der Lokalkomitees der Alliance einberufen worden. Aus fast allen Teilen des Reichs war man dem Ruf gefolgt mit Ausnahme einzelner Teile Süddeutschlands, woher die Teilnahme eine nur geringe war. Vom Berliner Lokalkomitee waren 17 Herren erschienen, von der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft 7 Herren und von auswärtigen Lokalkomitees 47 Vertreter. Die Stimmung gegen Paris war eine teilweise recht erbitterte, doch fehlte es auch nicht an einem entschiedenen Ankläger der D.C.G., der auch allein bei der entscheidenden Abstimmung ein entschiedenes Nein dem Antrag auf Errichtung eines Landeskomitees entgegensetzte. Das war der erste Vorsteher der Gemeinde Nürnberg, Herr Justizrat Held. Aber er blieb so ziemlich allein, denn von den anderen Herren aus Süddeutschland enthielten sich die meisten der Abstimmung und behielten sich noch ihre Entschließung vor. Unter den Anwesenden befand sich auch der Landtagsabgeordnete Herr Justizrat Wolff-Lissa, der sich mehrfach an der Debatte beteiligte. Nachdem sich das Bureau gebildet hatte, gab zunächst Herr Justizrat Fuchs einen kurzen historischen Ueberblick. über die Geschichte des Konflikts mit Paris, über die juristische Möglichkeit der Bildung eines Landeskomitees und über dessen Arbeitsgebiet. Dann hielt Herr Rabbiner Dr. Werner eine eindrucksvolle Ansprache, in der er das Verhalten der D. C. G. in dem ganzen Konflikt rechtfertigte und mit flammenden Worten zur Einigkeit und Einheitlichkeit der deutschen Alliancemitglieder mahnte. Schärfere Töne schlug Herr Wittner-Leipzig an, der an die Ehre der deutschen Juden appellierte, die durch Paris verletzt sei. Er gelangte zu dem Antrag, sämtliche Lokal- Komitees aufzulösen, wenn nicht das allgemeine Wahlrecht innerhalb dreierMonatewieder eingeführt würde. Geschähedasnicht.soseiesEhrensache der Deutschen auszutreten und sich dem Hilfsverein der Deutschen Juden zuzuwenden. .Herr Geheimrat Landau widerlegte einige Behauptungen der Pariser Herren, die er als „objektive Unwahrheiten" kennzeichnete, und hob hervor, daß man einzelne Herren der D. C. G. persönlich beleidigte, ja wie dumme Jungen behandelt habe. Auch Herr Rabbiner Dr.. Kopfstein- Beuthen wandte sich in scharfen Worten gegen diejenigen, die dem Präsidium der D. C. G. den Vorwurf entstellter Wiedergabe, der Pariser Beschlüsse zum Vorwurf machten, wie die Herren in Frankfurt, die jetzt mit der Begründung eines südwestdeutschen Bezirks- Komitees drohen. Auch er ist dafür, daß man jetzt entschieden die Konsequenzen ziehen müsse, man nicht immer als Bettler vor den Pariser 'Herren erscheinen dürfe. Herr Rabbiner Dr. Holzer- Worms, der der D. C. G. gewisse Fehler vorwirft, will mehr die ideellen Rechte, nicht die irgendwelcher finanzieller Natur als Programmforderung aufgestellt sehen, dann würden die anderen Lokal- Komitees Gefolgschaft leisten. Wenn Paris nicht das allgemeine Wahlrecht wiedergebe und die Vertretung der Lokal-Komitees zulasse, dann allerdings sei auch er gegen Paris. Herr Landtagsabgeordneter Justizrat Wolff-Lissa führte den letzten Grund des Konfliktes auf den Widerstreit französisch-nationalen - und deutsch-nationalen Empfindens zurück. „Unsere nationalen Gedanken und nationalen Gefühle aber sollen wir uns nicht mit Füßen treten lassen." Auch er rät. zur Einigkeit in den-großen. Gedanken, mögen wir im einzelnen auch uneinig sein. Das Präsidium der D. C. G. verdiene unseren vollen Dank. Von den Herren Heinrich Fränkel,Landtagsabgeordneten Wolfs, den Rabbinern Dr. Weiße und Kopfstein und Herrn Wittner-Leipzig ist inzwischen eine. Resolution eingegangen folgenden Inhaltes: „Die anwesenden Mitglieder der deutschen Lokal-Komitees sprechen einmütig ihr uneingeschränktes Vertrauen zum Präsidium der D. C. G. und zugleich ihr tiefstes Bedauern darüber aus, daß das Pariser Zentralkomitee kränkende Aeußerungen über einzelne Mitglieder des Präsidiums in seinen Zuschriften an die Komitees getan hat." Diese Resolution gelangte dann am Schlüsse der Beratung zur Ananhme. Herr Dr. Eschelbacher-Freiburg gibt ein Bild der Stimmung in Süddeutschland, wo man meistenteils noch immer auf einen ehrenvollen Frieden mit Paris rechne. Herr Rabbiner Dr Kälter-Danzig tritt für die deutschen Forderungenein und schließt sich im wesentlichen der Auffassung des Herrn Landtagsabgeordneten Wolff-Lissa an. Dann kommt Herr Justizrat Held-Nürnberg zu Worte, der das Gröblichste, was geschehen sei, einen Artikel in der Kölnischen Zeitung bezeichnet, der am Sonnabend erschienen sei und unter Berufung auf eine Denkschrift der D.C.G. in einem deutschchauvinistischen Tone gehalten sei, dessen Echo aus den heute gehörten Reden herausklinge. (Vom Vorstandstische wird erklärt, daß das Präsidium dem Artikel absolut fernstehe, ihn weder direkt noch indirekt inspiriert habe und man ihn gleichfalls bedauere.) „Ferner hat man hier Süddeutschland gegen Norddeutschland ausgespielt (mit erhobener Stimme) „ich protestiere, hiermit auf das entschiedenste gegen diese Scheidung, gegen das Wort von der Mainlinie in der Alliance/' Er hält nach all den Vorgängen es für unmöglich, daß man von Berlin aus jetzt noch Fühlung mit Paris finden könne und beantragt schließlich, die Frage der Bildung eines Landeskomitees zu vertagen und durch unbeteiligte süddeutsche Parlamentäre den Versuch einer friedlichen Verständigung noch einmal zu unternehmen. Auf seine zahlreichen Angriffe gegen die Leitung der D.C.G. antworten die Herren Justizrat Fuchs und Landtagsabgeordneter Wolfs, von denen letzterer die doch zutage getretene Tatsache eines, Sondermarsches der Süddeutschen konstatiert und die Hoffnung ausspricht, daß Herr Justizrat Held sich bemühen werde, die „Mainlinie" zu überbrücken, sowie schließlich Herr Rabbiner Dr. Werner, der eine ganze Reihe von Richtigstellungen gibt und nochmals zur Einigkeit mahnt. Auch Herr Assessor Friedmann tritt den Ausführungen des Herrn Held entgegen. Nachdem Herr Wittner-Leipzig seinen Antrag zurückgezogen,; ber Antrag Held abgelehnt worden war, desgleichen ein Antrag Adler-Berlin, der die Mitwirkung des Zentralkomitees bei der Bildung des Landeskomitees bzw. die Mitwirkung bei der Statutenberatung fordert, gleichfalls nicht die Zustimmung der Versammlung gefunden hatte, wurde der folgende von Herrn Rechtsanwalt Salomon-Berlin gestellte und von Herrn Landtagsabgeordneten Wolfs , amendierte Antrag mit allen gegen eine Stimme bei mehreren Stimmenenthaltungen angenommen: (Antrag Dr. Salomon:) 1. Die heutige Versammlung beschließt die Begründung .eines Landeskomitees behufs Zusammenfassung der in Deutschland bestehenden Lokal-Komitees. 2. Sie bestellt eine Kommission von 15 Mitgliedern, 8 aus Norddeutschland und 7 aus Süddeutsckland, die beauftragt werden, die Satzung dieses Landeskomitees nach Maßgabe des Artikels 18 der Satzung der „Alliance Isra61ite Universelle“ vorzubereiten. Es gelangten dann die Zustimmungserklärungen und die ablehnenden Antworten zur Kenntnisgabe. Frankfurt hat einen Protest gegen die Bildung des Landeskomitees, die statutenwidrig sei^ eingesandt und zugleich sich Vorbehalten, seinerseits ein südwestdeutsches Bezirkskörnitee zu begründen. Ihren Anschluß an das Landeskomitee haben bisher bereits 4'> Lokal-Komitees vollzogen, eine andere Anzahl ihren Beitritt in Aussicht gestellt, abgelehnt haben bisher nur. wenige, außer Frankfurt, Stuttgart und andere auch Gleiwitz und Posen. Dagegen sind Berlin, Köln- München, Stettin. Danzig, Königsberg- Breslau, Leipzig, Dresden usw. beigetreten.