Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
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da er und haben." seine Schwester mir viele Jahre treu gedient „Ich," sagte der Propst nach einer kurzen Pause, indem er Silberstein scharf fixierte, „kann mir selbstverständlich, mein lieber Herr Silberstein, natürlich bleibt das ganz unter uns und im striktesten Vertrauen gesagt — nicht recht erklären, warum Sie die ohne Ihr Zutun bei Ihnen versteckten Waffen durchaus abliefern wollen- und ganz gewiß kann ich Ihnen nicht raten. Stasiu zu denunzieren. Das Denunzieren, wissen Sie ja, ist stets ein ekliges Geschäft und in solchen Zeiten sogar ein nicht ungefährliches —" „Zumal für einen Juden", fiel Silberstein ein. „Ich weiß, daß dann der Haß der Polen sich gegen mich und meine Familie, ja gegen alle Inden bei uns und in der ganzen polnischen Gegend, wenden wird. Aber auch, wenn ich gegen'die Verordnung nicht Anzeige erstatte, wird es mir als Juden doppelt und dreifach schlecht ausgelegt, und in ganz Preußen heißt es, so sind die Juden, wenn sie ein Geschäft machen können, fragen sie nichts nach dem Staat." „Was brauchen Sie sich als Juden groß ein Gewissen daraus zu machen, gegen diese Verordnung zu handeln. Die preußische Regierung muß aus politischen Gründen Rußland unterstützen, vielleicht sogar nur unterstützen zu wollen scheinen, während sie in Wirklichkeit am Ende es gar nicht so ungern sieht, wenn die Polen dem russischen Nachbar das Leben etwas sauer machen." „Letzteres ist nur Ihre Vermutung", unterbrach ihn Silberstein. „Und Ihnen," fuhr der Propst sort, ohne aus die Unterbrechung zu achten, „kann doch, mein lieber Herr Silberstein, wahrhaftig nicht daran liegen, den Russen auch nur die geringste Gefälligkeit zu erweisen. Die Russen sind ja die allerschlimmsten Feinde der Juden. Außerdem habt Ihr doch hier infolge des Aufstandes drüben ganz gute Geschäfte gemacht, macht sie trotz Belagerungszustand wohl noch." „Ich weiß, Herr Propst, worauf Sie anspielen. Aber wir sind hier einige sechzig jüdische Familien, und nur von drei jüdischen Kaufleuten glaubt man, daß sie den Aufständischen heimlich Waffen und andere verbotene Sachen liefern. Dann sind es doch nicht die Juden, sondern nur drei, von denen man es auch nur glaubt. Wenn diese wirklich liefern, dann tun sie es auf ihre eigene Gefahr. Wir anderen Juden haben nichts -von ihrem- Verdienst,, warum sollen wir denn durchaus mit ihnen das Odium teilen? Ich. möchte meine Familie nicht einer Gefahr aussehen und auch nicht Anlaß sein, daß man sagt; wenn die Inden ein Geschäft machen können, dann kümmern sie sich weitet nicht um den Staat." „Sie sollten aber doch ein wenig Dankbarkeit gegen Polen zeigen, das /Euch Juden gastfreundlich ausgenommen hat, und wo Ihr es gut gehabt Habt." „Polen hat uns seinerzeit in -seinem eigenen . Interesse ausgenommen und hat uns nichts geschenkt. -Wir. haben uns um das Land ganz -ebenso verdient gemacht, wie -das -Land sich um uns. Wenn schon das polnische Volk es unter der Adelsherrschast nicht gut hatte, dann können Sie sich denken, daß die'Juden es erst recht nicht gstt hatten. Wir wissen uns sehr wohl zu erinnern, wre selbst besonders.berdienstbölle, ja unentbehrliche Juden unter der Willkür des Adels zu leiden gehabt haben,., wie angesehene Juden auf Kommando eines Schlachziz Majofith tanzen oder, so lange ein Hahn krähte, auf einem Bein stehen mußten." „Und werden Sie, so viel später, etwa in Preußen wie volle Bürger behandelt?" bemerkte der Propst gereizt. „Wir leben unter preußischem Schutze, erfreuen uns der preußischen Gesetze und Ordnung und dürfen hoffen, daß uns in nicht zu ferner Zeit wie in anderen Kulturstaaten auch das volle Bürgerrecht gegeben werden wird." „Worauf gründen Sie diese Hoffnung?" fragte der Propst spöttisch. „Darauf," erwiderte Silberstein, „daß Preußen, wennauch nicht immer schnell, so doch stetig fortschreitet, und daß die Hohenzollern sich stets bestrebt haben, allen ihren Untertanen gerecht zu werden." „Na, Herr Silberstein, -wir wollen uns nicht weiter aus Politik einlassen, obwohl ich Ihnen noch manches erwidern könnte. Aber Sie sollten doch, daran denken, daß das Hemd' einem näher ist als der Rock. Ich meine, mehr als das geringe Interesse, das der preußische Staat daran haben kann, ob etliche Revolver für die gegen Rußland rebellierenden Polen bei Ihnen oder bei einem anderen liegen, sollte Sie angehen das Interesse für die Stadt, für Ihre Glaubensgenossen, für Ihre eigene Familie." - * „Eben das habe ich ja im Auge." „Dann haben Sie es nicht recht oder nicht genug im Auge. Denn Sie können sich doch denken, daß, wenn Sie den Denunzianten spielen, die Polen Sie wie einen Feind und Verräter behandeln. Ihnen und den anderen Juden den roten Hahn aufs Dach setzen. Sie durchprügeln, massakrieren werden." Der Propst hatte das so gesprochen, daß es wie eine Drohung klang. Dann nahm er plötzlich eine freundliche Miene an und sagte: „Sie sehen doch ein, mein lieber Herr Silberstein, daß ich recht habe und daß ich es wirklich gut mit Ihnen meine." „Ich weiß," sagte Silberstein, „daß wir Juden, wie wir auch handeln mögen, immer Unrecht bekommen. Halten einige von uns mit den Polen, dann fallen die Deutschen Über uns her, obgleich doch viele echte Deutsche ganz Polen geworden sind. Halten einige von uns es mit den Deutschen, dann fallen die Polen gleich Über alle Juden her. Und genau so ist es mit den politischen Parteien. Die Konservativen verlangen, daß alle Juden konservativ seien, und wenn nur einige Juden zur Fortschrittspartei gehören, dann werden alle Juden von ihnen als Fortschrittler in Acht und Bann getan. Sind aber Juden konservativ, dann schiebt man ihnen allerlei unlautere Motive unter. Wir sollen immer nur den Zwecken anderer dienen, nie nach eigener Ueberzeugung handeln. Ich kann , mir sehr gut denken, daß es unter uns Inden welche gibt, die, weil sie oder ihre Angehörigen einst unter polnischer Herrschaft gelebt haben oder auch aus anderen Gründen mit den Polen und ganz besonders mit den polnischen Insurgenten sympathisieren. Warum sollten nicht Juden, und zwar noch mit mehr Recht für Langiewitsch schwärmen, wie vor nicht langer Zeit gute Deutsche für Mieroslawski geschwärmt haben? Die meisten von uns aber neigen zweifellos zu Preußen, ja zu Deutschland hin. Wir^. lieben, wie nur natürlich, den Boden, aus dem wir geboren und groß geworden sind, wo wir die ersten Eindrücke empfangen haben. Dieser Boden gehört jetzt zu Preußen und die preußischen Zustände gefallen-rms besser als die polnischen. Warum wir Juden durchaus alle ans einer Seite sollen stehen müssen, während allen anderen doch gestattet ist, zu denken und zu handeln, wie ihnen recht scheint, das kann ich nicht verstehen. Sie haben recht, Herr Propst, die nähere Gefahr ist es, die mich zu Ihnen geführt hat. Doch diese Gefahr droht nicht nur mir und meinen Glaubensgenossen, sondern der ganzen Stadt und allen ihren Einwohnern