Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-02 · Heft 5 (2.2.1912) · p. Seite 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 5 (2.2.1912)
Date
1912-02-02
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229021--68161-3280406
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Kampf um die InquMion in Portugal 1522—1557. Von Dr. Sch. O chser-Kuttenplan. '' . '' ' i. 7/ ''' 7-,'/ 2s kann ruhig gesägt werden, daß vielleicht noch nie seit Menschengedenken ein historischer Vorgang von der ganzen kultivierten Welt mit einer so ruhigen Selbstverständlichkeit zur Kenntnis genommen, daß man noch niemals das plötzliche Verschwinden einer Königsdynastie mit so großer Gleichgültigkeit übergangen habe,, wie es vor kurzer Zeit erst in Portugal der Fäll war. Die politischen, historischen, Wochen- und Tages-Zeitungen haben jene Ereignisse mit keinem, größeren Interesse der gesamten kultivierten? Menschheit mitgeteilt, als wie ungefähr den Abgang eines Ministers von seinem Posten oder den Tod einer Persönlichkeit von höherer Bedeutung. Nichts anderes aber als gewöhnliche Zeitungsnoten waren jene mit größter Kaltblütigkeit dem Publikum mitgeteilten Nachrichten, daß dieser oder jener geistliche Orden, der noch gestern das Zepter in Portugal geschwungen, heute schon in Brüssel oder in Triest Zuflucht gesucht und für vorübergehende Zeit auch gefunden habe. Im Grunde genommen waren ja diese Vorfälle in Portugal nichts anderes als eine Wiederholung jener in Frankreich, wo mit aller Macht die vollständige Trennung von Kirche und Staat durchgeführt ward, mit dem Unterschiede bloß, daß die Portugiesen nur noch eine Königspuppe vom Stamme der Coburg-Braganza zu entfernen hatten. Letzteres war aber nichts anderes als der Deckmantel des Kampfes/ und vorläufigen Sieges des Modernismus gegen die römische Unkultur. Verblüffend aber muß eine Parallele wirken, welche zwischen den eben angedeuteten Ereignissen in Portugal und denen vor einem halben Jahrtausend daselbst gezogen wird.- Jetzt wie damals ein „Dummkopf auf dem Throne,,der den Ruin seines eigenen Landes gradezu herbeigeführt". Jetzt wie/ damals ein Kampf, der von den Bedrückten mit aller Ruhe und aller Energie geführt ward. Jetzt aber der Sieg der Aufklärung und geistigen Freiheit, damals ein Sieg der Finsternis und geistigen Unterjochuüg. Der Verbannung der verschiedenllichen Patres, Fratres und Sorores aus dem Ländchen, das sie durch fünf Jahrhunderte gequält und gemartert haben, lodern jene Fackeln des Weltgerichtes voran, welche ein großes Stück trauriger Geschichte wieder ins -Gedächtnis rufen. Joao III. (1522—1557) ward im Schoße der römischen Kirche erzogen und ihr mit Leib und Seele verfallend Ein Wüstling sondergleichen führte er trotz seiner Frömmigkeit einen ausschweifenden Lebenswandel Seine Gemahlin Catharina, eine spanische Prinzessin, übte auf sein geistiges Leben in jeder Beziehung einen verderblichen Einfluß aus,' und wegen ihrer großen Verschwendungssucht mußte er sich schon' kurze Zeit nach seinem Regierungsantritt um genügende Geldmittel umsehen. Ein geordnetes Staatswesen - stand ihm aber nicht zur Verfügung, um es bis aufs Blut aussaugen zu können; er sah sich deswegen gezwungen; zu einem außergewöhnlichen Mittel zu greifen, zur Inquisition. Freilich gab es damals keine Juden in Portugal mehr, aber desto mehr Protestanten und Marannen. Letztere, auch „Neuchristen" oder „Geheimjuden7 genannt, waren die direkten Nachkommen jener Täuflinge, welche im Jahre 1497 zum Christentum übergetreten waren, um sich vor der Auswanderung zu schützen/ In ihren Händen allein lag die Industrie und der Handel des Landes, sie waren die Repräsentanten des eigentlichen Wohlstandes und die hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft und der Kunst/ Vom Großvater Joaos, Manuel, besaßen sie noch das „Dekret der Milde", demzufolge sie durch b0 Jahre vor kein JnqUisitionstribunal gezogen werden dursten. — Um nun der Ausführung seiner festen Pläne eine gesicherte Basis zu verschaffen, ließ Joao durch einen Marannen Henrique Nunes, später auch Firme fe (der Glaubensstarke) genannt, dessen eigene Brüder genau beobachten und kontrollieren und Nünes ging so weit, daß er nicht nur alle Märannenfamilien, an denen er die Anhänglichkeit zur alten Religion entdeckt hatte, dem Könige namentlich verriet, sondern daß er an die Spitze jener schwarzen Liste den Namen seines eigenen Bruders setzte. Zum Lohne für seine Hinterlist wurde er bald darauf während einer Inspektionsreise von zwei Marannen ermordet. Nun führte JoLo die Cortes ins Feld, welche bei ihrem Zusammentritte, Herbst 1525, mit öffentlichen Anklagen auftraten, die Marannen wären Getreidewucherer, Ratenschieber und als alleinige, Apothekenbesitzer und Aerzte Giftmischer schlimmster Sorte. Der König hatte somit eine richtige Basis gefunden, auf Grund welcher er bereits ein Verfahren gegen die'sogenannten Glaubensabtrünnigen eingeleitet hatte, und sicher hätte diese Untersuchung die schlimmsten Folgen nach sich gezogen, wenn Joao nicht dank' eines merkwürdigen Vorfalles abgelenkt worden wäre. Von Rom aus mit Geleitbriesen des Papstes - Clemens VII. versehen, war der berühmte Schwindler Dawid Reubeni nach Lissabon gekommen, hatte sich beim Könige vorgestellt und dessen Gunst in einem solchen Maße erlangt, daher ihm eine Hilfe von acht Schiffen und 4000 Feuerwaffen versprach, damit dessen Bruder, ein angeblicher jüdischer König' von Chabar in Asien, gegen Araber und' Türken einen wirksamen Krieg führen könnte. Aber die Eingenommenheit des Königs für diesen Schwindler währte nur ganze kurze Zeit, weil ein Hofbeamter Diego Pires (1501—1532) unter dem Namen Salomon Molcho bekannt, sich von Reubeni so weit hätte hinreißen.lassen, daß er offen zum Judentum übertrat. Dazu kam noch, daß der portugiesische Gesandte am päpstlichen Hofe, Miguel de Silva, den König auf die Pläne jener beiden Männer aufmerksam machte und ihm erzählte, Reubeni und Molcho möchten einen jüdischen Staat begründen. Die Folge war, daß Reubeni die Order erhielt, Portugal sofort zu verlassen und daß Molcho vom Schauplatze verschwand. Kurze Zeit daraus wurde dem Könige hinterbracht, daß die Marannen in Badajoz mehrere Frauen, die zu Kerkerstrafen verurteilt worden waren, aus dem Gefängnis mit Gewalt befreit, und daß sie in Gouvea öffentlich ein Marienbild verunglimpft hätten. Wieder war es die Königin, die intrigierte und die sich alle Mühe gab, ihren Gemahl zu veranlassen, mit aller Strenge gegen die Neuchristen vorzugehen. Schließlich wandte sich Joäo an den judenfreundlichen Papst Clemens VII. mit der Bitte, er möge das portugiesische Königshaus vom „Dekrete der Milde" entbinden und gestatten, daß endlich einmal die Inquisition auch in Portugal eingeführt würde. Inzwischen war aber Molcho in Rom eingetroffen und hatte sich durch seine Phantastereien bier Gunst des Papstes dermaßen erworben, daß Clemens die in Portugal sehnlichst erwartete Entscheidung immer länger verschob. Endlich gelang es dem Kardinal Antonio Pucci nach zwei Jahren, den Papst auf seine Seite hinüberzuziehen- und tatsächlich erließ Clemens am 17. Dezember 1531 eine Bulle, in der er die Einführung der Inquisition gestattete. Nur duldete er es nicht," daß ein Dominikanermönch zum Generalinquisitor ernannt würde, er entsandte/ vielmehr tu dieser Eigenschaft einen Franziskaner,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.