Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelehrten, als er seine Mitarbeit an den „Volksschriften" zusagte. Dabei ist das. was mir vorschwebt, noch unendlich mehr als die Popularisierung unserer Literatur. * Von den Uebeln, unter denen die moderne Judenheit schier zusammenzubrechen droht, ist vielleicht das . allerschlimmste das offene oder latente Geständnis von der Inferiorität des jüdischen Stammes und der jüdischen Religion. Wenn es dem Antisemitismus gelungen ist, unsere Gleichberechtigung zu erschüttern, ihre ehrliche Durchführung auf Jahrzehnte hinauszuschieben, so sind diese Erfolge fast gering zu achten gegen den Erfolg seiner Thesen von der Minderwertigkeit des Judentums als Raffe und Religion innerhalb der Judenheit selbst. Wie hätte die Fahnenflucht unter den Westjuden derart um sich gegriffen, wären nicht diese mit viel Geist und noch mehr Applomb in die Welt gesetzten Thesen von solcher verheerenden seelischen Wirkung gewesen. Daß bezüglich des jüdischen Stammesbewüßtseins hierin eine bedeutsame Wandlung zum Bessern zu verzeichnen ist, müssen wir als einengroßen Erfolg der jüdisch-nationalen Bewegung dankbar anerkennen. Weniger ist bis heute für die Religion geschehen. Noch immer spukt die Mär in den Köpfen der jüdischen Intelligenz, daß das Judentum als Religion den christlichen Religionen nicht ebenbürtig sei, daß -sie unfähig war, seit den Propheten die Entwicklung ins Große zu nehmen, daß ihr noch vieles anhänge, wodurch sie einen Vergleich mit dem Christentum nicht vertrage. Ich gehöre wahrlich nicht zu denen, die um jeden Preis Fehler und Mängel bemänteln, beschönigen wollen; daß wir - einen systematischen Ausbau unserer Religion vermissen, ist zweifellos nach mancher Richtung von großem Schaden. Auch stehe ich nicht auf dem Standpunkt, daß es einer Religion nicht anstehe, in manchen Dingen von anderen Religionen zu lernen. Aber gerade weil ich der Wahrheit die Ehre geben will, schmerzt es mich, sehe ich Juden gegen die jüdische Religion Anklagen erheben, die in nichts zerrinnen würden, besäße man eine bessere Kenntnis derselben, ihrer Entwicklung, der einzelnen Phasen ihrer Geschichte. Wie oft hätte der intelligente Jude Gelegenheit, unrichtige Anschauungen in christlichen Kreisen zu entkräftigen. seinen. Kindern eine bessere Meinung von der jüdischen Religion beizubringen, besäße er nur selbst eine bessere Kenntnis dieser Religion. Diese Erwägungen haben mich bewogen, die Herausgabe von „Volksschriften über die israelitisch-jüdische Religionsgeschichte" in Angriff zu nehmen. Die Vorbereitungen sind getroffen. An 60 jüdische Gelehrte, Männer von Ruf und Ansehen, haben ihre Bereitwilligkeit erklärt, an den Volksschrifteu mitzuarbeiten. Das erste Heft der Volksschriften wird im Oktober dieses Jahres erscheinen. Nun liegt es an der jüdischen Intelligenz, den Nachweis zu erbringen, daß sie freudig die Gelegenheit wahrnimmt, über die jüdische Religion richtige Kenntnis zu erwerben. Das Abonnement der Volksschristen beträgt pro Jahr ^Kronen!! So richte ich denn meinen Appell an die jüdische Intelligenz aller Länder: Wollet ihr selbst orientiert sein über eure Religion, ihre Entwicklung und Bedeutung? Wollet ihr euch die Möglichkeit schaffen, Andersgläubigen rechte Auskunft bieten zu können über alle Phasen der jüdischen Religion? ' . Wollet ihr euren Kindern Verständnis geben für eure Religion, dadurch Liebe zum Judentum? Wohlan, hier wird euch geboten, in einfacher, leichtfaßlicher Form Wesen und. Entwicklung eurer Religion kennen zu lernen; nehmet die Gelegenheit wahr, lasset sie euch nicht entgehen, wenn euch euer Judentum noch am Herzen liegt. Ihre Mitarbeit an den „Voksschriften" haben bis jetzt schon zugesagt: Dr. I. Abrahams, Cambridge. Dr. L. Baeck, Düsseldorf. Dr. H. Bergnrann, Prag. - Dr. I. Bergmann, Berlin. Dr. S. Vernfeld, Berlin. Dr. A. Biach, Brüx. " Dr. L. Blau, Budapest. Dr. Ph. Bloch, Posen. Dr. H. Chajes, Florenz. Dr. S. Daiches, London. Dr. M. Doctor, Kassel, Dr. I. Elbogen, Berlin. Dr. S. Eppenstein, Berlin. Dr. D. Feuchtwang, Wien. Dr. M. Freudenthal, Nürnberg. Dr. S. Funk, Boskowitz. Dr. M. Gaster, London. Dr. L. Geiger, Berlin. Dr. I. Goldschmidt, Offenbach. Dr. L. Goldschmidt, Proßnitz. Dr. P. Goodman, London. Dr. M. Grunwald, Wien. Dr. I. Guttmann, Breslau. Dr. I. Hirsch, Karolinenthal. Dr. E. Hofmann, Neichenberg. Dr. B. Jacob, Dortmund. Dr. W. Jerusalem, Wien. Dr. A. Kaminka, Wien. Dr. L. Kecskemeti, Großwardein. Dr. B. Kellermann, Berlin. Dr. G. Klein, Stockholm. Dr. K. Köhler, Cincinnati. Dr. S. Krauß, Wien. Dr. Th.Kroner, Stuttgart. .Dr. R. Leszynsky, Berlin. Dr. E. Levin-Dorsch, Marburg. Dr. L. Levy, Brünn. Dr. I. Lewkowitz, Schneidemühl. Dr. H. Malter, Philadelphia. C. G. Montestore, London. Dr. E. Neumann, Großkanizsa. Dr. F. Perles, Königsberg. Tr. I. Pollak, Prag. Dr. S.' Poznänski, Warschau. Dr. N. Redisch, Brünn. Dr. S. Samuel, Essen. Dr. I. Scheftlowitz, Köln. Dr. C. Seligmann, Frankfurt a. M. Dr. M. Simon, Manchester. Dr. L. Stein, Berlin. Dr. S. Stern, Saaz. Dr. A. Tänzer, Göppingen. Dr. K. Thieberger, Budweis. Dr. L. Venetianer, Neupest. Dr. M. Vexler, Paris. Dr. H. Vogelstein, Königsberg. Dr. M. Wiener, Düsseldorf. Im ersten Jahrgang (1912/13) werden erscheinen: 1. Religion und Wissenschaft, von Dr. Ludwig Stein, Berlin. 2. Die Prophetie, von Dr. Max Wiener, Düsseldorf. 3. Pharisäer und Sadduzäer, von Dr. Rudolf Leszynsky, Berlin. 4. Moses von Dr. Eugen Levin-Dorsch, Marburg. 5. Das Judentum und die christlichen Religionen, von Dr. Leo Baeck, Düsseldorf. 6. Die jüdische Religion und die Philantropie, von Dr. Paul Goodman, London. 7. Jüdisches im Christentum, von Dr. Ludwig Venetianer, Neupest. Letrschtunsm?ur Oriostbesmtrn-- oerlicherung. as neue Gesetz, betreffend die Privatbeamtenversicherung, bringt unzweifelhaft auch den Gemeindebeamten große Vorteile. Während früher die Gemeindebeamten in den kleinen Gemeinden gar keine Pensionsberechtigung hatten und höchstens auf die Gnade der Gemeinde angewiesen waren, für ihre Witwen und Waisen in keiner Weise gesorgt war, zeigt dieses Gesetz den großen Fortschritt, daß endlich einmal diese Beamten vor der Sorge im Alter geschützt sind. Auch für die Gemeinden selbst hat dieses Gesetz einen sehr großen Nutzen. Während früher die mittleren - und kleineren Gemeinden nur sehr junge Kräfte anstellten, die sie am liebsten später in größere Gemeinden versetzt zu sehen wünschten, um im Falle ihres Alters oder Todes keine Pension oder Reliktenversorgung zu tragen, sind die Gemeinden, auch die kleineren, dieser Sorge enthoben.