Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
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„Da könnte ich", erwiderte Silberstein, „ganz ebenso gut nur gleich zum Oberst selbst gehen." V „Du meinst doch nicht, daß mein.Bruder Dich anzeigen und Dich,- seine einzige Schysester und ihre Binder unglücklich machen wird?" „Gern wird er es natürlich nicht tun. Aber er wird es tun. Ich kann Dir schon jetzt sagen, was er mir antworten würde, wenn ich ihn fragte., „Du hättest", so ungefähr würde er sagen, „mich nicht fragen sollen. Jetzt bin ich nicht mehr bloß Dein Schwager und Privatmann, sondern ich habe ein Amt, ein Ehrenamt, zu vertreten. Da wäre es ein Unrecht von mir nicht nur gegen die Stadt und gegen den Staat, sondern auch gegen die Juden, wenn ich aus Rücksicht auf meine Familie nicht täte, was unzweifelhaft meine Pflicht ist. ' So würde er reden, so gewiß, wie ich hier bei Dir sitze." „Mein einziger Bruder, der Sohn des frommen Rabbiner Aronsohn — Friede sei mit ihm — wird im Gegenteil wie Esther sagen:'Wie könnte^ich sehen, daß meinen Angehörigen Böses geschieht,': und wie. könnte ich sehen, daß meine Verwandten zugrunde gehen." .„Das hat Esther sagen können, weil ihr Mordechai die Schlechtigkeit Hamanns enthüllt hatte, und weil die Juden unschuldig waren. . Hier liegt doch aber, tatsächlich eine Schuld vor, selbst wenn man mir glaubt, daß die Waffen ohne mein Wissen in die Scheune gebracht worden sind." Rebekka war zwar nicht ganz überzeugt, aber gewohnt, sich der Autorität ihres Mannes zu unterwerfen, wenn er so bestimmt eine Ansicht äußerte, schwieg sie erst, um nach einer Weile, während Silberstein sorgenvoll zum Fenster hinaussah, wieder zu beginnen: „Nun, was wirst Du tun? Was kannst Du tun? Weißt Du was? Ich denke. Du gehst zum Rabbiner. Der ist doch weit in der Welt herumgekommen und weiß in. der Gemara Bescheid, er wird Dir am Ende auch gut raten können, was man bei einem solchen Malheur am besten tut." y „Was kann mir die Gemara nutzen? Was weiß der Rabbiner in solchen Sachen zu raten?" „Zu meinem Vater — Friede sei mit ihm — sind auch alle Juden, ja sogar mitunter die Goim gekommen, um sich raten zu lassen, und er hat auch fast immer Bescheid gewußt und gegeben, und darum haben ihn auch alle so geehrt. Tws, lieber Natan, jedenfalls kann es doch nicht schaden." Sil.berstein sah zwar nicht ganz den Nutzen einer solchen Befragung ein, aber teils, weil er sich wirklich keinen Rat wußte, teils, weil er das-Bedürfnis hatte,; sich mit einem Manne zu besprechen, dem er unbedingt vertrauen konnte, sagte er: „Hast recht. Rebekka, ich werde einmal zum Rabbiner gehen." Silbersteiu machte sich alsbald auf den Weg. Auf der Straße mußte ihm wohl ein anderer Gedanke gekommen sein, denn er schlug plötzlich einen anderen Weg ein und gelangte in die Straße, in welcher sein Schwager wohnte, von dem er wußte, daß er unt diese Zeit im Vorgarten seinen Kaffee zu trinken und seine Pfeife zu rauchen.pflegte. Er tat so, als wollte er rasch vorübergehen. Aronsohn" hatte ihn aber bemerkt und ries ihm nach : „So stolz, Schwager, gehst hier vorbei und blickst nicht einmal herein?" - - - „Werde ich einen Augenblick hineinkommen. Ich wollte nämlich zum Rabbiner gehen, um ihn etwas zu fragen!" - „Ob eine Gans, die sich den Fuß gebrochen, oder die eine Nadel verschluckt hat,/ koscher ist und von -Juden gegessen werden darf?" - . , ...... r- „Keine religiöse, sondern - eigentlich . sogar mehr eine politische Frage." j . t ... , ,>Was soll der alte und altmodische Mann von Politik verstehen. Darf man vielleicht auch die Frage erfahren?" ' „Warum nicht? Sie ist nur so in der Unterhaltung heute aufgeworfen worden. Die Frage ist: was hat wohl ein Jude zu tun, wenn bei ihm sich. Konterbande befindet, die ohne sein Missen ihm ins Haus '.geschmuggelt worden ist wie etwa früher öfter, um Juden ins Unglück zu stürzenermordete Kinder ihnen heimlich ins Haus gelegt-. worden sind." „Was er zu tun hat? Das scheint Mir unter dem Belagerungszustand überhaupt keine Frage zu sein." „Doch, lieber Schwager! Es ist sogar ein schwieriges Dilemma. Zeigt er an, dann.rächen sich an ihm und wie gewöhnlich in solchen Fällen gleich an allen Juden im Orte, die Polen. Zeigt er nicht an, dann kann die Sache'doch entdeckt oder gar. von den Leuten, die die Konterbande ihm heimlich ins Haus geschleppt, denunizert werden, und er spaziert ins Gefängnis.". „Ich weiß zwar nicht," sagte Aronsohn, „was der Rabbiner sagen kann oder wird. Ich kann Dir nur sagen" — und Aronsohn nahm eine strenge Amtsmiene an — „was Du mir da erzählt hast, scheint mir nicht ein bloßes Problem zu sein, sondern ein Körnchen, vielleicht einen ganzen Scheffel Wahrheit zu. enthalten. . Ich könnte nur raten, daß der betreffende Sohn Israels schleunigst.seinen angeblichen mysteriösen Fund sofort zur Anzeige, bringt." - „Und die Rache der Polen." „Die zu verhüten, wird Sache der Regierung sein. Das Regiment Soldaten wird schon aufpassen." „Die Soldatem" erwiderte Silberstein, „werden nicht ewig hier sein, und Rache kann auch kalt genossen werden." „Und wenn die Polen, die die Waffen versteckt haben sollen, selbst denunzieren?" „Dann kann er immer noch seine Unschuld beschwören?" „Doch höchstens, daß er die Waffen nicht.selbst bei. sich untergebracht, nicht aber, daß er sie weiter verheimlicht hat. Ob man ihm Überhaupt glaubt, ist sehr zweifelhaft. Nun, lieber Schwager, ich kann Dir nur sagen, sollte ich dahinter kommen, daß ein Jude in der von Dir geschilderter; Lage sich befindet, dann werde ich schon dafür sorgen, daß eine Untersuchung vorgenommen wird." „Offen gestanden," sagte Siberstein, „ich hatte gleich gedacht, daß Du so sprechen wirst." v,. , „Und ich füge noch hinzu," ergänzte der Bürgermeister und sah dabei seinem Schwager scharf ins Auge, „ich — ich würde auf keinen, wer es auch sei, Rücksicht nehmen." „Wie gesagt, ich habe mir das gleich gedacht und hatte darum auch gar nicht erst Herkommen wollen, obgleich es näher lag, Dich und nicht den Rabbiner zu befragen. Es war aber einmal vorgeschlagen worden, Dich zu befragen, und so habe ich es schließlich doch getan." ' / „Geh Du jetzt nur ruhig auch zum Raßbiner, aber wenn er Deine Frage anders beantwortet, wie ich es getan, dann wäre es nicht gut, danach zu handeln." (Fortsetzung folgt.) lgriekkstten. ' N. D. in B. Unserem Berliner H-Jtorrespondenteur ist in seinem in Nr. 2 des „Eemeindeboten" zum Abdruckrgelangten Bericht über, die Philippson-Gedenkfeier in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums leider ein Irrtum unterlaufen^ Nicht..Herr Geheimrat. Professor. Dr. Ludwig Geiger, sondern, der .Vorsitzende, Herr Justizrat Dr. Her man Veit Simon, hat die Begrüßungsredegehalten. ..