Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
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uns zum Besuch. der dort im Palazzo Theodoli unter* gebrachten LLpo8iLion6 Artistiea. äeZÜ Inäipenäenti, der Aus-, stellung der unabhängigen Künstler, also einer Art Sezession, auffordert. Vor den anderen Kunstausstellungen hat sie den Vorzug, daß sie auch abends bei künstlicher Beleuchtung zugänglich ist. Hauptsächlich, durch die Bemühungen des von jüdischen Eltern stammenden Malers Maurizio Rava zustande gekommen, beweist sie wieder einmal, daß unsere Raffe stets an der Spitze steht, wenn es gilt, ein Ideal in die Tat umzusetzen. Im übrigen scheinen die Israeliten aus dieser Ausstellung weniger stark vertreten als in Balle Giulia. Ein großes Bild von Rava (Saal 16) zeigt diesen selbst an der Seite einer blonden Frauengestalt, wie er aus seinem Atelierfenster den Blick auf den neuen Stadtteil Prati di Castello, jenseits des Tibers schweifen läßt. In demselben sowie im 19. Saale sind außerdem impressionistisch gehaltene Aquarelle Ravas aus Tunis, Sfax, Kairovan und Souß untergebracht. Es sind meist sonnenbeschienene Straßen oder Marktplätze mit Arabern als Staffage. In Saal 18 hat Paolo Rodocanachi einen Hochgebirgsgipfel mit Gletscher ausgestellt, übertrieben impressionistisch. Motive des Alten Testaments sind auch hier wenig behandelt. Erwähnenswert ist in Saal 4 die von dem christlichen Bildhauer Pietro Piraino stammende Büste eines kraftstrotzenden, knochigen Jünglings mit der Unterschrift David. Weder ist es in den vorangegangenen Zeilen unsere Absicht gewesen, etwa ein Verzeichnis aller als Juden geborenen Künstler, von denen Werke in Balle Giulia, bei den Jndipendenti und in Castel S. Angeto ausgestellt sind, zu geben, noch auch jeden einzelnen nach Schule und Richtung zu charakterisieren. Denn selbstverständlich sind unter den Israeliten alle Schulen und Kunstrichtungen vertreten. Es kam vielmehr für uns der kulturhistorische Gesichtspunkt in Betracht. Bei dieser Gelegenheit sei noch bemerkt, daß es zur wesentlichen Erleichterung unserer und ähnlicher Arbeiten beitragen würde, wenn ein internationales Adreßbuch derjenigen Künstler vorhanden'wäre, die dem Judentum angehören.> Könnte nicht die A-llianee IsraÄite die Bearbeitung eines solchen in die Hand nehmen, das vielleicht außerdem die Namen der lebenden jüdischen Gelehrten und Literaten enthalten könnte? Ist es doch besonders bei jungen Künstlern und Gelehrten oft schwer festzüstellen, ob sie noch dem Judentum angehören! Es würde genügen, daß alle drei bis fünf Jahre eine neue Auflage eines-solchen Nachschlagewerks erschiene, welchem, dadurch, daß es von der Alliance herausgegeben würde, der Charakter einer Buchhändlerspekulation oder einer Reklame für angehende Künstler und Gelehrte genommen würde. AZas nun weiter unsere Wanderung durch die angeführten Kunsttempel betrifft, so zeigt sie, ebenso wie die vor einigen Jahren in Deutschland veranstaltete jüdische Kunstausstellung, daß man, zurzeit wenigstens, von einer jüdischen Kunst noch nicht, ebenso wie man von einer nationalen Kunst bei den meisten Kulturvölkern nicht mehr sprechen kann. Es tiibt wohl jüdische Künstler, bedeutend an Zähl und Qualität, über bisher haben sie wenig geschaffen, was ein spezieller Ausstuß ihrer Raffeneigentümlichkeit wäre. Um das selbst auf jüdischer Seite noch nicht ganz gewichene Vorurteil, daß die Juden. es wohl in Musik und Dichtung, aber nicht auf den Gebieten der Bildhauerkunst und Malerei mit anderen Rassen aufnehmen könnten, zu beseitigen, erweist sich geeigneter als eine jüdische Kunstausstellung solch ein internationaler Wettstreit, bei dem die Aussteller das enge Sieb andersgläubiger, also nicht zu ihren Gunsten voreingenommener Kommissionen «u passieren haben! Gerade der Erfolg, welchen in diesem Jahrejüdische Künstler fast-aller zivilisierten Nationen auf einer klassischen Kunststätte davongetrageneiner Stätte, welcher ein Raphael, ein Michelangelo und deren Zeitgenossen den Stempel der Unsterblichkeit aufgedrückt haben, führt uns zum Bewußtsein, daß das Vorurteil früherer Jahrhunderte durch Ausschließung der. Juden von der Ausübung der schönen Künste der Menschheit im allgemeinen einen viel größeren Schaden bereitet hat als den Juden selbst: Um wieviel. Kunstschätze wäre die Menschheit reicher, wenn es der verachteten und verkannten Rasse vergönnt gewesen wäre, an der Kunsttätigkeit im.Zeitalter der Renaissance teilzunehmen! Hat man doch in Balle Giulia den Eindruck, als ob ein langer, künstlich - durch Deiche zurückgehaltener Fluß nunmehr, da man seit kurzem begonnen, diese. wenigstens an einzelnen Stellen zu durchstechen, sich mit elementarer Gewalt Bahn bricht und an der Befruchtung eines wertvollen Geländes den ihm von Natur zukommenden Anteil nimmt! Und ein anderer Gedanke, die Zukunft betreffend, drängt sich auf: Wie viele, im jüdischen Volkstum schlummernde künstlerische Kräfte könnten durch die Alliance Israelite und ähnliche Wohlfahrtseinrichtungen geweckt und dem modernen Kulturleben zugeführt werden! Dabei wäre aber das Problem nicht außer acht zu lassem auf welche Weise diese neuen, tüchtigen Kräfte in eine befriedigende ökonomische. Lage zu bringen wären. Denn schon letzt sind leider die ersten Anzeichen für die Bildung eines Proletariats auch unter den jüdischen Künstlern vorhanden, denen ihre Abstammung den Wettbewerb durchaus nicht erleichtert, so viele gegenteilige Ansichten auch darüber verbreitet sein mögen! Vielleicht täte man gut, gerade die besten der neuen Kräfte dem Kunsthandwerk zuzuführen. Was nun speziell die Israeliten Italiens betrifft, so ist zu bemerken, daß in den letzten 50 Jahren religiöser, politischer und sozialer Freiheit ihre Gemeindenwelche bekanntlich die ältesten Europas sind, allerdings durch den stark vorgeschrittenen, von S. D. Luzzatto vorausgesehenen und darum gefürchteten Asfimilationsprozeß viel von ihrer religiösen Kraft und Betätigung eingebüßt haben, daß dafür aber auf jedem Gebiet der modernen Kultur ein gewaltiger Aufschwung eingetreten ist. Und zum Verzweifeln am Bestände des Judentums in Italien ist trotz aller Assimilation kein Grund vorhanden, wenn wir an die heidnischen Altäre und Opferszenen denken, die uns unter den Kunstwerken der Diokletiansthermen vor Augen gekommen. Trotz. allen Glanzes, ist diese heidnische Kultur längst untergegangen, während die jüdische Religion dieselbe wie vor 2000 Jahren geblieben ist. Von der heidnischen der Römer ist nur noch das übrig, wassich in anderer Form in die christliche hinübergerettet hat> und was die nie ruhende Kritik nun auch zu zerstören droht. Lin Dilemma. (Nach einer wahren Begebenheit erzählt.) Von Ludwig Klausner-Dawoe. ' . IV. tt der, Tat war merkwürdigerweise der Jude Aronsohn V zurzeit der provisorische Bürgermeister des Städtchens- Aronsohn war Kämmerer gewesen, als der Bürgermeister plötzlich starb, und er war die einzige Persönlichkeit, die überhaupt gewählt werden konnte, wenigstens provisorisch das Amt des Bürgermeisters zu versehen.