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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-26 · Heft 4 (26.1.1912) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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Entgegen der unhaltbaren Anschauung.der Anhänger der orthodoxen Vereinigung, die jedes Wort des Talmud als von Gott gegeben änsehen, müsse das liberale Judentum scharf zwischen Gottes- und Menschenwerk, zwischen, innerem Wesen und äußerer Form. scheiden. .Gerade das' historische Judentum verlange geistige und sittliche Fortentwicklung im Sinne einer geläuterten Gotteserkenntnis. So sei das liberale Judentum das w e seystreue, das orthodoxe nicht gesetzes-, sondern formentreues'Judentum. Die erste positive Aufgabe des wesenstreuen oder liberalen Judentums sei, von seinen Anhängern Aneignung einer geläuterten Gotteserkenntnis, sittliche Entwicklung, Schaffung neuer Formen zu fordern. Die Religion des Judentums wirke schon durch ihr Dasein, und ihre Ruhmeszeit stehe -erst noch bevor. Für sie müsse das Judentum erhalten werden, und die Aufgabe, ^s zu erhalten, habe die liberale Vereinigung. Sie müsse durch ihre Fortentwicklung in liberalem Sinne zur Menschheitsreligion werden Das liberale Judentum sei das Judentum schlechthin- Zum zweiten Punkt führte der Redner aus: Die vielen bestehenden Parteien und Richtungen im Judentum seien für dasselbe, ein gutes Zeichen. Denn kämpsen heiße leben, und so sei das Judentum von heute lebendiger als je. Aber es sei bemerkenswert, daß, wenn es gegen das liberale Judentum gehe, alle Parteien, seien sie noch so verschiedener Art, einig seien. Es sei ein Fehler des Liberalismus, baß er sich bisher nicht um seine Gegner bekümmert Und sie nicht bekämpft habe. Als Gegner seien zu betrachten der Zionismus und die Trennungsorthodoxie. Der Zionismus habe den Begriff des nationalen Judentums geschaffen, ein. Begriff, der niemals losgetrennt^von der jüdischen Religion bestanden habe. Nach Anschauung des Zionismus können selbst Atheisten Juden sein. Der Zionismus wolle uns zu Gästen fremder Nationalität in unserem Vaterlande machen. Die. Vereinigung für das liberale Judentum müsse daher die Jugend vor dem Einfluß des Zionismus schützen.. Die Hauptgegnerin sei aber die Trennungsorthodoxie, die ihren Sitz in Frankfurt a. M. habe; "'.sie ' sei. zwar eine kleine Gruppe, aber rührig und sie scheue kein Mittel, selbst nicht das des Anrufens der'Staatsbehörden, um ihre einseitigen und auf Spaltung im Judentum hinäüslausenden Ziele zu erreichen. Während das liberale Judentum niemanden, auch die Orthodoxen nicht in ihren Anschauungen beeinflussen und keine Gegnerschaft im Judentum haben wolle, trete diese separatistische Orthodoxie rücksichtslos auf und bezeichne in unerhörter Ueberhebung und Anmaßung die Liberalen als Nichtjuden und erachte es als Pflicht jedes Orthodoxen, sich von den Liberalen zu trennen. Sie wolle eine innere und eine äußere Trennung herbeiführen und sie erkläre, daß der Gegensatz zwischen, Liberalismus und Orthodoxie im Judentum größer sei als der zwischen der protestän tischen und der katholischen Kirche. Ja, sie bezeichne das liberale Judentum als Antijüd entum. Sie arbeite mit Fanatismus und Intrige im ganzen .Deutschen Reiche und habe leider auch Erfolge aüfzuw.eisen, weil sie über eine zwar. kleine, aber doch feste Organisation verfüge und in allen Gemeinden Deutschlands auf 'Spaltung der Glaubensgemeinschaft hinarb'eite. Dieser' Trennungsothodoxie, die vor'allem in' Süddeutschland wühle, müffe scharf entgegengetreten werden, und die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, als Organisation der Liberalen, habe die Aufgabe,' dieso Wühlarbeit der T-rennungsyrthpdMe. uri6;.".die''Spaltungder ' jüdischen Gemeinden Deutschlands zu hindern. Sie dürfe nicht aushören,' für Wahrheit, Recht und Einheit einzutreten.'' "! , Was die positiven Aufgaben der Liberalen Vereinigung; im Dienste der jüdischen Religion betreffe, so müsse man endlich vom Wort zur Tat schreiten. Es,sei Einheitlichkeit und ■ Klarheit im religiösen Leben zu schaffen durch Aufstellung eines kurz formulierten Bekenntnisses des liberalen Judentums, in welchem auch die äußeren Formen zu ihrem Rechte gelangen müßten. Wenn man über stete Abnahme der Religiosität im; Judentum klage, so sei dies-nicht richtige m Wirklichkeit habe nur die Beachtung der äußeren Formen der Religion abgenommen. Das religiöse Leben aber sei niemals so stark ge- - gewesen wie jetzt. Das Streben nach Sittlichkeit, nach einer.; geläuterten Gotteserkenntnis, Pflege der Wohltätigkeit, der ernste Fleiß auf allen Gebieten werktätigen Lebens, die vielen . jüdischen Vereinigungen und Stiftungen, die Arbeitsamkeit und Nüchternheit der jüdischen Bevölkerung, das sei lebendige Religion des Judentums. — Notwendig sei die Schaffung eines einheitlichen Gottesdienstes und eines einheitlichen Gebetbuches mit größerer Heranziehung der Landessprache, sowie von Lehrbüchern der jüdischen Religion auf Grundlage der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, ebenso eine theologisch-wiffenschaftliche Untersuchung des Zeremonial- und Ritualgesetzes und eine Revision des Schulchan aruch. Das religiöse Leben in der Familie, wobei die Frau viel leisten könne, sei zu stärken, neue Formen seien züschaffen. Einrichtungen zur Förderung der Kenntnis der Religion und der Geschichte des Judentums seien zu treffen. Die Vereinigung müsse zu einer einheitlichen und anerkannten Vertretung des Judentums werden durch Schaffung einer ständigen religiösen Zentrale. Das liberale Judentum sei die höhere Entwicklungsstufe des historischen Judentums nnd dazu bestimmt, die Menschheitsreligion der Zukunft zu werden. Die Ausführungen des Redners , fanden großen und ungeteilten Beifall. Der Vortragende, hat in dankenswerter Weise durch seine inhaltsreichen und geistvollen Ausführungen dem ferneren Wirken der Liberalen Vereinigung viele wertvolle Anregungen gegeben. Leb. , ■ IiMlches von drn IulülsumssusltrllunMN in Nom. Von Romanus. ' . ‘ IV. ad}bem wir den Rundgang durch die einzelnen Pavillons '‘WW beendet haben, wenden wir uns dem Hauptgebäude zu. Bemerkenswert in jeder Beziehung ist im ersten internationalen Saale eine im antiken Stile gehaltene Porträtbüste mit rot getöntem Ueberwurf. Eine klassische Ruhe ist über den Marmor ausgebreitet. Es ist ein Werk von dem Wiener Albert Schloß. Biblische Motive, aber nicht von jüdischer Hand sind in demselben Saal behandelt: Der Prophet Ezechiel von Graziosi, dem man die starke Nachahmung Rodins anmerkt, und eine der zahlreichen Even dieser sonst an biblischen Vorwürfen eben nicht reichen Ausstellung, eine Arbeit Eduard Zimmermanns.. Es folgen nun im zweiten Saale mehrere Werke, deren Urheber jüdischer Abkunft sind. Wir drücken uns. in dieser Hinsicht absichtlich etwas vorsichtig aüs, da wohl kaum nn einem anderen Lande die Juden, besonders der höheren Stäupe, so wenig auf ihren Ursprung halten als m Italien, obwohl sie doch oder vielleicht gerade weil sie hier die weitgehendsten Freiheiten genießen. Zwei Oelgemälde Amalie- Bessos/ einev auch gesellschaftlich in Rom eine hohe

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