Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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. materiellen Lebensordnung gutzuschreiben. Der. Irrtum liegt n der Verkennung der Tatsache, daß Kapitalismus, so. gut: wje.^Technik, Wissenschaft, . Verkehr-. Kolonisation, Städteentwicklung.; .oder ,Weltpolitik, nur/ Einzelerscheinungen der Gr.undfunktion hedeuten, die in der Verdichtung und ihrer Selbstbehauptung,, der Mechanisierung, liegt. -Unter Mechanisierung der Welt, versteht Rathenau die Mechanisierung der Produktion nicht bloß, sondern auch der Organisation, der .Gesellschaft' ebenso wie des Lebens. Im Prismaseines Geistes brechen sich, die Strahlen aller unserer Lebenswerte, Technik, Naturwissenschaft, Kunst, Politik und Finanz-erfahren hier eine geradezu radiumistische Durchleuchtung, die .es .Rathen.au ermöglicht- . mit . Zeit und Welt -ins reine, zw kommen. Die. Mechanisierung dex. Welt ist der Zentralstrang seines Denkens, von welchem aus. Rathenau mit jener konstruktiven Finesse, die den Ingenieur verrät, sichere Geleise in die Peripherie des Lebens hineiubäut. Er packt das Mafchinenzeitalter wagemutig und beherzt am seiner empfindlichsten Stelle und bohrt sich mit . nachtwandlerischer Sicherheit in den tiefsten Schacht ein, der. von der Oberfläche des Lebens zu seinem metaphysischen Untergründe, dem Weltenplän,. führt. Rathenaus „Kritik der Zeit" ist nicht mehr und nicht weniger als eine Philosophie 'jenes Masch.lnenz'eitalters, das sein Freund Gerhart Hauptmann dichterisch 'und Meunier bildnerisch am tiefsten ' erfaßt hat. Sein. Problem ist: die Auslösung jenes Erscheinungskomplexes von Welt, und Leben, welche die Mechanisierung und Entgermanifierung unseres Zeitalters herbeigeführt hat , auf die einfachste, durchsichtigste Formel zu bringen, eben damit aber die scheinbar unentwirrbare Mannigfaltigkeitund Komplikation unseres. Zeitalters auf rationale, d. h. verstandesmäßig erfaßbare Einsicht zurückzuführen. Wie Luzzatti,, so nimmt auch Rathenau, dessen „Höre Israel" einst Alarm geblasen hat, zum Judentum, dem alle drei hier vorgeführten Essayisten ihrem Ursprünge .nach angehören, Stellung. Das feige Verkriechen, Beschönigen, Bemänteln,. Zudecken oder gar Verleugnen ist nicht die Art aufrechter, gedankentapferer . und gefühlsbeherzter Männer. Rathenau erklärt, ohne, in die Uebertreibungen Sombarts zu verfallen, warum' gerade die Juden den Marschallstab des mechanistischen Menschen im Tornister tragen. Dabei findet er gleichzeitig - für das. germanisch freie Stammeswesen Töne höchster Bewunderung. Germanisches Selbstbewußtsein, Unabhängigkeitsgefühl und Herrentum - ist uns überliefert, germanischer Ehrgeiz, und Gitelkeitshang ist undenkbar. Deshalb hat er auch für "den'Nationalismus geschichtliches Verständnis-. Er steht in ihm eine natürliche -Reaktion auf .die ungleichmäßige Verteilung^ der mechayistischen Vorteile. Mut und Zweckfreiheit sind, nach Rathenaudie Grundstimmungen des germanischen Geistes. Seiner Bismarckbewunderung gibt er rückhaltlosen Ausdruck. , Er sieht in seiner politischen Genialität Krastüberschuß, Freiheit und somit/Humor. Nur darf Freiheit nicht mit Frivolität, Phantasie -nicht mit Phantastik verwechselt, werden. . FrLvolitLL--i.st..,unfitttich, •: Phantastik.irreal.. . Das Germanentum..ist. 'sein ^Ideal- - das'..Judentumseine Ueberlieferung. Mit stolzer Gebärde tritt er in -seinem polemischen Scharmützel mit Köhler, das por Jahresfrist viel Staub aufgewirbelt hat, allen Versuchen eines modernen Marranentums hocherhobenen: Hauptes .entgegen.. In. seinem Aufsatz „Staat und Judentum" . stellt Rathenau vorurteilsfrei fest, was meinem aufgeklärten Juden unserer Zeit die Taufe bedeutet. Rathenau hält die herrschende. Judenpolitik für rückständig, falsch, unzweckmäßig und, unmoralisch. Wie sehr, Rathenau im. Rechte: ist, zeigt, ein 'Wck guf. Holland, Italien, England, Skandinavien, Ungarn und Amerika. Ueberall dort, , wo die _ Taufe, die nicht aus reiner Ueberzeugung erfolgt, welche jeder, Aufrechte respektieren wird, sondern nur des winkenden Lohnes willen, muß der Schlichte und Geradsinnige etwas Peinliches; empfinden. In Holland- Italien und in Ungarn gehören 8ie I Juden nicht trotz, sondern wegen der Freiheiten, die sie in - » jenen Ländern genießen, zu den Stützen, der staatserhaltenden ' i Mächte. Der holländische Jude ist royalistisch bis in. die y Knochen, der ungarische patriotisch bis in die Fingerspitzen.^ Die deutschen Juden, sagt Rathenau, tragen einen erheblichen Teil unseres Wirtschaftslebens, einen unverhältnismäßigen ' Teil unserer Staatslasten, und der freiwilligen Wohlfahrts¬ und Wohltätigkeitsaufwendungen auf ihren Schultern, Daß sie in weit überwiegender Zahl staats fördernd gesinnt bleibenbeweist einen Gemütszug, der praktischem Christentum nicht. unähnlich sieht. Ein sonderbares Zusammentreffen fügt es, daß die hier vorgeführten drei Essaysammlungen, die man getrost den besten unseres „mechanistischen Zeitalters" zuzählen darf, mir für die zweite Januarrundschau von „Nord und Süd" zugegangen sind. Alle drei Essayisten haben das Gerneinsame, daß sie zum „Kulturblock" gehören, nicht zerstörerisch, sondern aufbauend wirken. Luzzattis Essays bauen Wissen und Gewissen, von Lukäcs^s Kunst' und Poesie, Rathenaus Wirtschaft und Völkerpsychologie in positivem Sinne aus. Sie widerlegen das Märchen, von der rein negativen, destruktiven Tendenz des hochentwickelten'Juden. Ist dieses zeitliche Zusammentreffen der drei italienischen, ungarischen und deutschen Essayisten ein Symptom oder ein bloßer Zufall? Wenn es ein Zufall sein sollte, so ist es sicherlich ein ungewöhnlich geistreicher Zufall." „Nord und Süd" ist unter den deutschen populär-wissen- ' w - schaftlichen Zeitschriften gegenwärtig wohl die einzige, deren Leitung in den Händen eines Mannes sich befindet, der, als hervorragender Gelehrter allgemein geschätzt und geachtet, auch.ein überzeugungstreüer Jude ist. Wir dürfen daher hoffen, daß unter seiner Redaktion in „Nord und Süd" neben Politik, Kunst, Literatur und Wissenschaft auch die des Judentums zu ihrem Rechte kommen und nicht, wie wir es selbst von sogenannten liberalen Zeitungen gewohnt sind, oberflächlich oder gar als Aschenbrödel behandelt werden wird. A.K. y : * Wr poWoen Aukssben des liberalen Judentums. Vortrag, gehalten von Rabbiner Dr. Taenzer (Göppingen). - jer Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin veranstaltete am Dienstag' den 18, Januar d. I. unter Leitung. des Herrn Justizrats Plonsker. einen Vortragsabend im Festsaal des Logenhauses zu Char" lottenburg. Herr Dr. Tänzer aus Göppingen behandelte „die positiven Aufgaben des liberalen Judentums" in etwa fünsviertelstündigem Vortrag. Er führte aus: ° Die VereiEuug für das liberale Judentum in.Deutschland sei vor vwr Jahren begründet worden, um die notwendige Aufklärungsarbeit für das.religiös-liberale Judentum, zu leistem. Ihre Aufgabe sei es zu zeigen, daß reformiertwerden dürfe und wie reformiert werden müsse. ' Redner will , : , l. den religiösen Charakter des liberalen Judentums- 2. seine Stellungnahme den Gegnern gegenüber, . , : 3. seine positive Arbeit im Dienst der jüdischen. Religion zur Darstellung bringen. ■