Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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sind scharf zu trennen. Roosevelt erinnerte zur Zeit, da er noch für Taft eintrat, daran, daß Abraham Lincoln keiner Kirche angehörte und doch tiefreligiös war. Roosevelt sagte in jener Rede, die als Hohelied der Toleranz anzusprechen ist, die nordamerikanische Republik wird zweifellos unter ihren Präsidenten Protestanten, Katholiken und in kurzer Zeit höchst wahrscheinlich auch Juden zählen. Dazu bemerkt Luzzatti: mir persönlich gereicht es zur Befriedigung, daß Italien der einzige Staat in Europa ist, der bis jetzt diesem Jdeenkreise am nächsten steht. In der Tat hatte Italien einen jüdischen Ministerpräsidenten, Luzzatti selbst, einen jüdischen Kriegsminister (Ottolenghi), und Rom hat noch zurzeit einen jüdischen Oberbürgermeister (Ernesto Nathan), ohne Nachteil für den italienischen Staat, dessen Finanzen Luzzatti, dessen Armee Ottolenghi . reorganisiert hat. Die Bekenntnisfreudigkeit Luzzattis drückt sich besonders in den zwei Essays aus: Die Verfolgung der Juden im Mittelalter und die rettende Tat eines christlichen Heiligen, sowie: Ein Heiliger der Philosophie als Verkünder der Freiheit des Gewissens und Wissens: Spinoza. Von dem christlichen Heiligen (Bernhard von Clairvaux) sagt Luzzatti: Ein Glaube ohne Apostolat Mischt; ein Glaube, der das Apostolat bis zur Gewalt treibt, verroht. Die Gewissensfreiheit vereinigt in einer Geistesgemeinschaft einen Asoka, Themistius, Studita, Bernhard von Clairvaux mit Locke, mit Voltaire, mit Stuart Mill, mit den modernsten Vorkämpfern für die zum Staatsgrundsatz erhobene Freiheit der geistigen Selbstbestimmung. Und von Spinoza heißt es: Wenn die Religionen eine Ge-- fühlsekstase zum Ausdruck bringen, so kann man wohl von einer Vernunftekstase in den großen philosophischen Systemen sprechen. Die Philosophen, die Apostel sind Wanderforscher, Geographen der Seele. In Spinozas „theologisch-politischem Traktat" sieht Luzzatti mit vollem Recht die philosophischen Grundlagen jener Forderung der Trennung von Staat und Kirche, welche an der Berliner Universität einst Eduard Zeller in Worten von schlichter Größe geschichtlich behandelt hat. Die Freiheit ist der wahre Zweck des Staates, das hat schon Spinoza gelehrt, das hat Hegel zum Leitsatz seiner Geschichtsphilosophie erhoben. Die klassische Formel dafür, zu welcher sich Luzzatti rückhaltlos bekennt, stammt von Spinoza; sie lautet: Die Freiheit des Denkens ist nicht nur mit der Erhaltung der Moralität.und. des Friedens im Staate vereinbar, sondern man kann sie nicht unterdrücken, ohne zugleich diese Moralität und diesen Frieden zu vernichten. Luzzatti ist genau wie Spinoza strenger Gottgläubiger. Mit dem größten Physiker der Gegenwart, Lord Kelvin, ruft er uns am Schluffe seiner Effaysammlung zu: Wir sind von Beweisen eines vorhergefaßten, vernünftigen und uns günstigen Planes umgeben. Mit unabweislicher Gewalt stürmen auf unseren Geist jene Aeußerungen ein, die uns das Walten eines freien Willens in der Natur und die Abhängigkeit der lebenden Geschöpfe von einer höchsten Intelligenz zeigen. Die entscheidende persönliche Note Georg von Lukäcs" ist das von Goethe so hoch' bewertete Ehrsurchtsgesühl Unsere Dekadenten schwelgen in Götzendämmerungen, überbieten einander im Zertrümmern aller durch Ueberlieserung geheiligten Tafeln und gefallen sich in einer perversen Zerstörungswut, die sich mit blinder Undifferenziertheit gegen alles Ueberkommene richtet. Um so wohltuender berührt es, wenn ein junger Kenner und Könner wie Georg von Lukäcs seine Seele in die Formen der großen Gegenwartsmeister ergießt, zu denen er nicht panegyrisch - verhimmelnd, wohl aber im Erschauern der Andacht emporblickt und ihrer inneren Form habhaft zu werden sucht. Die Welt der Form ist eine gebende, glück- 'spendende und gebärende; sie ist wahrer, wirklicher und! lebendiger als das Leben. Und darum erblickt er in Platon den größten Essayisten, der je gelebt und geschrieben hat, der dem unmittelbar vor ihm sich abspielenden Leben alles abrang und so keines vermittelnden Mediums bedurfte; der seine Fragen, die tiefsten, die je gefragt wurden, an das lebendige Leben anknüpfen konnte. . Es wird von Lukäcs noch öfter zu sprechen sein. Paul Ernst hat schon auf den merkwürdig gefeilten deutschen Stil dieses Ungarn hingewiesen, der sein erstes Werk, ein Buch über das moderne Drama, noch in ungarischer Sprache geschrieben hat. Heute und hier sei vorerst auf diese bedeutsame Studie über das Wesen der Form und die Theorie des Essays voranzeigend hingewiesen. „Th6 book of the season" wird, wenn nicht alle Anzeichen trügen, die dritte hier zu besprechende Essaysämmlung sein: Walther Rathenaus „Zur Kritik der Zeit", das soeben bei S. Fischer herausgekommen. Seine „Impressionen" und „Reflexionen", beide in vier Auflagen herausgekommen, haben bei ihrem Erscheinen Lärm geschlagen und ein weithin schallendes Echo geweckt. Feinschmecker haben in seinen (meist pseudonymen) Beiträgen in der Hardenschen „Zukunft" längst herausgespürt, daß sich hier ein kommender Mann der Literatur ankündigt. Platon sagt bekanntlich: es wird in der Welt erst besser werden, wenn entweder Könige Philosophen oder Philosophen Könige werden. In unserer „mechanisierten oder entgermanisierten Welt", wie Rathenau unser Zeitalter charakterisiert, kann es erst besser werden, wenn Männer, die mit dem wirklichen Leben in engster Fühlung stehen, auch seine Theorien auszubauen die innere Berufung besitzen. Was nutzen uns heute verträumte Ideologen, die am wirklichen Leben mit verbundenen Augen Vorbeigehen? Wir brauchen Männer von Welt, die den Erdumkreis mit offenem Blick durchwandern und das Räderwerk der ganzen Kulturmaschinerie mit dem Kennerauge des philosophisch geschulten Technikers durchmustert haben. Non scholae, sed vitae. Rathenau ist kein Systemphilosoph, wohl aber ein Lebensphilosoph, der die Höhen ' des Daseins und die Niederungen des Lebens nicht vom Büchertisch allein aus beurteilt, sondern vom Laboratorium und Bankpult, von ernsten Weltreisen und großen Lebensbeziehungen aus das Leben dort packt, wo es am gewaltigsten, pulsiert. Das Problem Rathenaus ist, wie wir bereits wissen, die Mechanisierung der Welt. Er versteht darunter die Wirkung der Verdichtung und Umschichtung, der Mechanisierung und Entgermanisierung auf die Welt, die Menschen und das Leben unserer Zeit. Was ich mit Dilthey das westeuropäischamerikanische Kultursystem zu nennen pflege, das heißt bei Rathenau die zentraleuropäische Kultur, welche die Mechanisierung der Welt bis in die letzten uns bekannten Konsequenzen durchzusühren im Begriff steht. Die Struktur der Großstadt hat alles egalisiert und mechanisiert, das ist das Zentralproblem Rathenaus. Den mechanisierten Besitz nennen wir Kapital. Der Vorgang, der von außen und Physikalisch betrachtet als mechanisierte Gütererzeugung erscheint, dieser Vorgang stellt sich von innen, menschlich und organisatorisch betrachtet, als Kapitalismus dar. Diesen Kapitalismus hat Sombart in seiner bis zur Karikatur gesteigerten Weise auf das Judentum zurückgeführt. Dagegen macht Rathenau (ohne Sombart mit Namen zu nennen) geltend: Er (Sombart) denke daran, dem kleinen Volksstamm, dem die Welt die Hälfte ihres Gesamtbesitzes an peligißser Transzendenz schuldet, nun auch die Summe der