Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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nehmen; jedoch sei der Handel mit- Spezereien und dergleichen den bisherigen Bäudnern allein Vorbehalten. — Der Pitsche» ner Magistrat achtete aber den Willen der Domänenkammer nicht; deshalb wandte sich diese an den König, der nun in zwei energischen Verfügungen die Aufnahme von Juden in Pitschen befahl. Widerwillig duldete jetzt der Magistrat den Aufenthalt Pappenheims in Pitschen; aber gemäß der Verfügung der Domänenkammer verbot er ihm den Handel mit Kramwaren, obwohl er unterdessen eine der bevorrechteten Bauden gekauft hatte. Natürlich konnte Pappenheim sich hierbei nicht beruhigen; er reichte; eine Beschwerde bei dem König ein; schon zwei Wochen später erhielt er eine Antwort, aus der ersichtlich ist, wie ernstder Fürst dem Juden helfen wollte, sein Recht zu erlangen. Wiederum teilte die Domänenkammer dem Magistrat zu Pitschen den Willen des Königs mit, daß Pappenheim, wie es in dem Erlasse heißt, „als Marktzieher dort geduldet und befugt sein soll, in der Stadt mit solchen Waren einen Handel zu treiben, wozu die dortigen Bäudner vermöge ihres Privilegiums nicht besonders berechtigt sind". Noch mehrere Verfügungen desselben Inhalts ergingen von der Breslauer Domänenkammer, waren aber alle wirkungslos. Die Angelegenheit machte keine Fortschritte, sondern Rückschritte; denn aus weitere Eingaben der Bäudner aus Pitschen wurde eine nochmalige Untersuchung durch den Kriegsrat Fischer angeordnet und ins Werk gesetzt. Einen Monat später erging an Pappenheim der Befehl, das Haus, das er mittlerweile bezogen hatte, zu verkaufen und Pitschen zu verlassen. Als nach einem Jahr Pappenheim gewaltsam aus Pitschen vertrieben werden sollte, bat er um eine^ Frist von drei Monaten, die bald auf eine solche von einem Monat herabgesetzt 'wurde. Da er aber nachwies, daß nur eine kleine Zahl von Bewohnern Pitschens seine Vertreibung wünsche, wurde abermals eine neue Untersuchung.vorgenommen, die aber nichts anderes ergab. Man wollte ihn tatsächlich vertreiben. Er hätte sich zwar noch einmal an die Kriegs- und Dvmänenkammer wenden können, aber sein Vertrauen zu dieser Behörde, die ihn nun schon mehr als drei Jahre in Aufregung und Furcht, in Unruhe und Sorge hielt, war dahin. Nur zu seinem Könige besaß er noch Vertrauen, daher trat er zum zweitenmal mit seiner Frau den Weg nach Berlin an. Er trug dem König, der ihn gnädig anhörte, seine Beschwerde vor; Friedrich tadelte voll Unwillens den Magistrat von Pitschen, zeigte sich dagegen erfreut über den Gerechtigkeitssinn des Juden und sein Vertrauen auf den König. Er meinte, wer so für sein-Recht kämpfe und leide, müsse die Unterstützung des Königs finden. Diese fehlte dem Manne jetzt auch nicht: Wenige Tage, nachdem er wieder in Pitschen eingetroffen warbenachrichtigte die Breslauer Domänenkammer ihn und den Magistrat der^Stadt. es sei Friedrichs unumstößlicher Wille und Befehl, daß man den Aufenthalt Pappenheims in Pitschen gestatte, und daß der. Jude auch mit Spezerei- und Materialwaren handeln'dürfe/ da er eine der sieben privilegierten Bauden besitze. Dem ausdrücklichen Befehle des Königs mußten die städtischen Behörden Pitschens Nachkommen, so unangenehm es ihnen auch wurde. Pappenheim lebte fortan unbehelligt bis zu seinem Tode in Pitschen. Der Beistand Friedrichs des Großen hat ihm im Kampfe gegen antisemitische Behörden und Bürger endlich zu seinem Recht verholfen.; Es ist wohl nicht unangebracht, in diesen Tagen der Feier des großen Königs auf obige fast unbekannte Episode hingewiesen zu haben. Erich Loewenthal. Drei berühmte Milche Autoren. as soeben erschienene zweite Januarheft der Zeitschrift „Nord, und Süd" bringt aus per, Feder ihres neuen Herausgebers Professor Dr. Ludwig Stein eine philosophische und geisteswissenschaftliche Rundschau, die auch für die Leser der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" von" Interesse: sein dürfte. Unter der Ueberschrift „Der Essay als Kunstwerk" macht uns der Verfasser nach einem geistreichen Hinweis auf Nietzsche, der in seinen „unzeitgemäßen Betrachtungen" die Kunstgattung .des' philosophischen Essays zu höchster Meisterschaft gesteigert hat, mit drei neuen Publikationen bekannt, die als Symptome für die innere Wandlung der'Literaturgattung des Essays im Geiste seines Schöpfers, Montaigne, dieses berühmtesten aller esprit vagabonds, aneinander gereiht sind: Luigi Luzzatti, „Freiheit des Gewissens", deutsch von Dr. S. Blowstein, Leipzig, Dunker & Humblot. Georg v. Lukacs, „Die Seele und die Formen", Essays, Berlin, Egon Fleischel L Co. und Walther Rathenau, „Zur Kritik der Zeit", Berlin,. S. Fischer. Da alle drei Autoren unserer Glaubensgemeinschaft angehören,, so hat das, was Ludwig Stein über sie und ihre Werke in seiner Rundschau mitteilt, gesteigertes Interesse für uns, und wir glauben im Sinne unserer Leser zu handeln, wenn wir seine bemerkenswerten, fesselnden Ausführungen, soweit sie das Judentum betreffen, hier wiedergeben: Luzzatti schenkt uns den populär - wissenschaftlichen, v. Lukacs den literargeschichtlichen, Rathenau den volkswirtschaftlichen und völkerpsychologischen Essay großen Stiles: Der essayistische Vorwurf Luzzattis heißt: Trennung von Staat und Kirche, der von Lukacs: der Essay als Kunstform, der/ Rathenaus endlich: die Mechanisierung der Welt. Der ehemalige italienische Ministerpräsident Luzzatti spricht zu uns mit dem Pathos einer gefesteten, unbeirrbaren Grundüberzeugung, die feuerfest, und wasserdicht ist, zumal sie in einem nahezu 40 jährigen Ringen als Vordermann auf der Bühne des Welttheaters herangereift ist. Der Reiz von Lukacs liegt in seinem sorgsam abgewogenen, das jugendliche Ungestüm glücklich eindämmenden Kunsturteil. Bei Walther Rathenau überrascht die Weite des Blicks neben einem Bildungsumfang, der von der Basis der Reälwissenschaften, von denen er ausgegangen ist — Rathenau ist von Hause aus Ingenieur — bis zur Pyramidenspitze erlesenster geisteswissenschaftlicher, insbesondere philosophischer Erudition emporführt, Luzzatti wird, wie männiglich bekannt, starke Hinneigung zu französischer Art und Sitte nächgesagt. Gilt er doch als Urheber der stillen Verständigung zwischen Italien und Frank»^ reich. Um so wohltuender berührt daher die „Vorrede zur deutschen Ausgabe" seines in romanischen Landen längst hochbewerteten Essaywerkes „Die Freiheit des Gewissens und Wissens in ihrem Verhältnis zum modernen Staat", in welcher Luzzatti sein Gefühlsverhältnis zum Deutschtum in folgende Worte kleidet: Des Deutschen Seele ist mystisch und positivistisch zu gleicher Zeit; sie hat den Weg zurückgelegt von dem Wesen des Christentums in der Auffassung Harnacks bis zu der fruchtbarsten industriellen Betätigung. DerDeutsche ist zugleich ded reinste Idealist und der geschickteste Kaufmann/ der erfolgreichste Finanzmann. So vereinigt er in sich zwei wesentliche Eigenschaften, die gewöhnlich einander ausschließen. Luzzatti ist eine durch, und durch religiöse Natur. Gerade deshalb ist er jedem kirchlichen Extrem abhold. Er sieht im fanatischen Bekenntniseifer mit einprägsamem essayistischen Stichwort eine „moralische Krankheit". Religion und Kixche