Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
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eingeleiteten Kolönisationsunternehmungen und beleuchtete die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der Kräfte auf dem Gebiete der neuen, kommerziell basierten Kolonisation. Im Laufe der Diskussion, welche den mit Beifall äufgenommenen Referaten folgte, regte der Generalkonsul der Republik' Bolivia Bankier I. Weiß die Idee an, jüdische- Emigranten in Bolivia) statt im Orient anzufiedeln. Demgegenüber hoben nicht nur die Referenten' sondern auch alle nachfolgenden Redner die unvergleichliche lieber», legenheit des Orients hervor. Der Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde, Tr. Gustav Kohn, wies auf die Gefahren der.Niederlassung' von Juden in einer ungeeigneten Umgebung hin. Nach'den Erklärungen, die der bekannte New Aorker Philanthrop Jacob H. Schiff' ihm gemacht hätte, ist die Ablenkung des Äuswandererstromes von Nordamerika eine dringende Notwendigkeit. Da könne kein anderes Gebiet als der Orient in Betracht kommen, und es sei erfreulich, daß die A.J. K.O., in steter Fühlung mit allen dem gleichen Ziele zustrebenden' Organisationen, durch konkrete, großzügige Kolonisations-, Unternehmungen Und durch Gewinnung neuer Kreise das Werkfördere. Negierungsrat Prof. Dr. Jerusalem setzte sich, unter lebhafter Anerkennung der Ausführungen der Referenten, ip einer begeisterten Ansprache für die Orientkolonisation ein, die bereits auf festem Bodens stehe und/deren weitere Aussichten für jeden Vorurteilslosen überzeugend'seien. Im gleichen Si'ttne und mit derselben Wärme sprach der Reichsratsabgeordnete Dr. Ofner zugunsten des Werkes der A. J.K.O, das den Mann dem Boden, den Boden dem Manne anpasse. Kaiserlicher Rat W. Anninger und Fabrikant S. Kaffel erörterten Details der kolonialen Unternehmungen. Kaiserlicher Rat Jonas Weil, Vizepräsident der Börse für landwirtschaftliche Produkte, betonte die Notwendigkeit der Aufbringung eines tunlichst beträchtlichen Kapitals für das kommerzielle Kolonisations-Institut, da nur dann seriöse Resultate erzielt werden können, und sprach die Ueberzeugung aus, daß die Wiener Judenheit hier im Verein mit anderen Gemeinden ihre Pflicht tun werde. Von großer Wirkung war die Ansprache des k. k. Kommerzialrats Heinrich Mendl, der die Idee der kommerziellen Kolonisation als zeitgemäßen Fortschritt der Philanthropie begrüßte. Diese Idee wäre geeignet, die gesamte Judenheit Europas tatsächlich, wie die A.J.K.O. es anstrebt, im Rahmen eines wirklich aussichtsreichen Werkes zu vereinigen. Er selbst stelle sich der neuen Bewegung als überzeugter Apostel zur Verfügung.' Zum Schluß beantragte kaiserlicher Rat W. Anninger, daß Mitglieder des einladenden Komitees und die durch die eben stattgehabte Besprechung gewonnenen Freunde des Kolonisationswerkes die Aufbringung weiterer Mittel für die Institute der A.J.K.O. persönlich in die Hand nehmen. Es erfolgte dann auch sofort eine Verständigung zwischen den betreffenden Personen, die die weitere Aktion übernommen haben. * ' Von befreundeter Seite wird uns geschrieben: Im letzten Oktoberhefte von „Velhagen & Klassings Monatsheften" leistet sich ein Herr Karl Eugen Schmidt in einem witzelnden Aufsatz- „Die Camelots du Röi" einen antisemitischen Passus, der verdient, niedriger gehängt zu werden. Auf Seite 222 wird wohlwollend des „selbstverständlichen" Antisemitismus der Pariser Königshausierer gedacht, und zu seiner Erklärung wird der schöne Satz ausgesprochen: „Wie es sich eigentlich von selbst versteht,-sind sie (die Camelots) auch Antisemiten, denn die Juden sind in Frankreich noch weit mehr als in anderen Ländern. Fremdlinge, sintemalen es so gut wie gar keine Juden mit französischen Namen gibt. Alle in Frankreich wohnenden Juden stammen aus Spanien oder in der weitaus größten Zahl aus Deutschland." Wir wollen mit Herrn Schmidt weder etymologische noch genealogische Haarspaltereien treiben, noch hier die Frage erörtern, ob Namen wie Bizet, Fould, Crämieux, Raynal, Valabregues usw. spanisch oder deutsch sind' Nur gegen die nichtsnutzige, in früheren Zeiten kränkende, heute absolut sinnlose Phrase von der Fremdheit der Juden im Vaterlande soll nachdrücklich protestiert werden. Sie gilt für kein Kulturland mehr,- nicht für Frankreich, wo die Juden sich in allen Stellungen des öffentlichen Dienstes seit einem Jahrhundert bewährt und seit ebenso langer Zeit mit der übrigen Gesellschaft verschmolzen haben. Sie gilt aber auch nicht für „andere Länder"', am; wenigsten für Deutschland, wo die -Ballin, Ehrlich, Rathettau, Liebermann, Wassermann wirken) und wo soeben viele Tausende christliche bürgerliche Wähler unbeirrt für jüdische Reichstagskandidaten gestimmt haben. -Die Juden aber werden gut tun, sich den Kryptoantisemitismus in Zeitschriften, die sie lesen und unterstützen, wohl zu merken. . Friedrich der Große. Äs Ltkchützer eines Juden. Ein kleiner Beitrag zur Charakteristik des großen Königs. egen die Behauptung, Friedrich der Große sei ein Antisemit gewesen, spricht folgende Erzählung, die in ihren Hauptzügen auf noch)vorhandenen Akten beruht. Unter den Soldaten, die Friedrich II. den Sieg bei Leuthen erringen halsen, befand sich auch ein junger jüdischer Soldat namens Pinkus Seligmann Pappenheim. Er befreite durch seinen Mut und seine Tatkraft einen hohen preußischen Offizier, der schwer . verwundet war. aus den Händen der Feinde und trug ihn vorsichtig und langsam auf dem Rücken aus . dem Schlachtfeld zu einem Feldchirurgen. Der König, der von dieser tapferen Tat hörte, ließ den jüdischen Krieger kommen und lobte ihn, indem er sagte: „Er hat Seine Sache brav gemacht, Sein König ist mit Ihm zufrieden", und forderte ihn aus, wenn er einst in Not wäre, sich an seinen König zu wenden. Erst fast 23 Jahre später trat dieser Fall ein: Pappenheim hatte in Pitschen in Oberschlesiew ein Grundstück gekauft und ein Haus darauf bauen lassen. Als er nun Anfang 1780 das Gebäude beziehen wollte, verbot es ihm der Magistrat der Stadt mit der Begründung, „neue Bäudnereigerechtsame" könnten nicht erteilt werden, sieben; Bäüdner hätten das Privilegium, Handel mit Materialwaren zu betreiben. Alle Beschwerden waren vergeblich; er durfte sein Haus nicht beziehen. Da faßte er den Entschluß, bei dem König selbst Hilfe zu suchen. In ungefähr vierzehn Tagen kam er mit seiner Frau in Berlin an, und schon am folgenden Tage trug er dem König seine Beschwerde vor, wobei er an die gnädigen Worte des Königs in der Schlacht bei Leuthen erinnerte. Friedrich II. versprach ihm, sich seiner anzunehmen, und entließ ihn und seine Frau mit den Worten: „Nun geht in Gottes Namen, Euer Recht soll Euch werden." Schon wenige Monate später erhielt der Magistrat von Pitschen eine Kabinettsorder des Königs, dem „pp. Pappenheim" und seiner Frau das Wohnen in Pitschen zu erlauben. Einer Beschwerde des Magistrats antwortete sofort eine neue Verfügung, den Befehl des Königs zu erfüllen. Doch verspürte der Magistrat wenig Lust dazu; er richtete eine neue Eingabe an den. König: . . Pitschen wäre zwar nicht besonders privilegiert, keine Juden zu dulden, indessen verdient doch der Umstand, daß die Stadt als eine der ältesten Städte in Schlesien noch immer von Juden rein und verschont geblieben ist, eine nicht-unerhebliche Betrachtung (!)"; er forderte, daß, wenn Juden in die Stadt aufgenommen werden müssen, diesen wenigstens verboten wäre, eine der sieben privilegierten Krambauden, eine Brauerei oder eine Branntwein-Brennerei käuflich zu erwerben, und ihnen nur der Handel mit „Fabriquen-Waren", wie es in der Eingabe heißt, gestattet sein sollte. Jetzt beauftragte der König, die Kriegs- und Domänenkammer in Breslau, die Angelegenheit weiter zu verfolgen und zu -erledigen. Sie antwortete auf die Eingabe des Magistrats. und' eine andere der' interessierten Bänder, man müsse Pappenheim erlauben, in Pitschen seinen Wohnsitz zu