Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-26 · Heft 4 (26.1.1912) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229020--68136-3280380
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Juden als les juifs de Frederic le Grand bezeichnete. Friedrich liebte die französische Literatur, schrieb mit Vorliebe französisch, wenn auch nicht einwandfrei, machte grobe Fehler, wenn er sich des Deutschen bediente und hatte kein übermäßiges Verständnis Mr die deutsche Literatur; gleichwohl hat Goetheobgleich Lessing ' vor einer solchen Bezeichnung warnte, mit Recht davon gesprochen, daß durch Friedrichs Taten ein neuer Gehalt in die deutsche Literatur kam, und Scherer hat mit nicht minderem Recht die ganze Epoche der deutschen Literatur während eines großen Teiles des 18. Jahrhunderts als das Zeitalter Friedrichs des Großen bezeichnet. So dürfen auch wir Juden sagen, in der Zeit Friedrichs des Großen, zum geringen Teil durch ihn, größtenteils wider ihn, kommt ein neuer Zug in die Geschichte der Juden in Preußen und Deutschland. Die Aufklärung, der er diente, zog in das Ghetto ein. Moses Mendelssohn, den er nicht gebührend achtete, dem er die Ausnahme in die Akademie verweigerte, wurde der geistige Befreier der Juden. Schon dem Zeitalter Friedrichs des Großen gehört die erste moderne Schule an, in denen Judenknaben deutsch lernten; seiner Epoche verdanken die ersten wirklich deutsch geschriebenen Schriften der Juden ihre Entstehung. Aus kleinen Händlern wurden die Juden Großkaufleute und Fabrikanten. Mochten auch viele die Schäden und Nachteile der neuen Bewegung mehr an sich spüren als deren Vorteile, mochten sie sich der Unsittlichkeit hingeben, französisches Unwesen annehmen und die wahre Aufklärung verwechseln mit leichter Aufgabe der Religion und mit feiger Fahnenflucht — auch die innere Aufklärung, die Befreiung von Mißbräuchen, die Entfernung von leeren Formen, der wirkliche gedeihliche Anschluß an allgemeine und deutsche Kultur beginnt während seiner Zeit. Und es bereitete sich auch unter jenen, die dem Könige am nächsten standen, ein freierer Geist vor in der Beurteilung der Juden. Am Schluß seiner Regierung erschien die weltberühmte, von Ehr. W. Dohm herrührende Schrift mit ihren grundlegenden Verbesserungsvorschlägen über die Läge der Juden. Den ersten Jahrzehnten von Friedrichs Regierung gehören zwei Zeugnisse seiner vertrauten. Räte an, die auch hier ihren Platz finden mögen. Trotz ihrer zum Teil veralteten Sprache gibt sich in ihnen doch ein neuer Geist kund. Im Jahre 1743 bezeichnete der Finanzrat Manitius als hauptsächliche Quelle der beschränkenden Bestimmungen über die Juden „das ex papatu originierende Odium religiosum (den aus dem Papsttum herkommenden Religionshaß), welches der Ursprung alles Unglücks und des Verfolgungsgeistes in der Welt ist". Der Haß gehöre einer vergangenen Zeit an, „bei der jetzigen täglich mehr und mehr 'sich mehrenden Einsicht in allen Fakultäten wird nicht leicht jemand noch so einfältig sein,daß er propter dissensum in cvnceptibuZ (wegen Nichtübereinstimmung in den Auffassungen) und der differenten Gedanken und Meinungen in Religionsbegriffen das inveteratum , odium reiigionis (den veralteten Religionshaß) annoch billigen und einer ganzen Nation deshalb die Toleranz, den Schutz und officia humanitatis (Pflichten der Menschlichkeit) zu versagen vor Recht und billig halten sollte." Als im Jahre 1765 eine Erhöhung der Judenschutzgelder geplant wurde, äußerte sich der Generalfiskal d^Asnieres in folgender Weise: „Wenn ich mir die Frage aufwerfe, worauf denn die Bestimmungen der Juden praestandorum (Abgaben) gegründet werden soll, so antworte ich: ich könnte es nicht sagen und in der Tat, es ist auch niemals ein billiges und in der Vernunft gegründetes Principium in dieser Materie, ausfindig" zu machen. Der Ursprung der Judenschutzgelder ist durch ganz Europa in den Verfolgungen, die' die Juden erlitten, in deren Verbannung aus .verschiedenen Ländern, in dem Haß eines abergläubischen und ungerechten Volkes zu suchen. Dazu kam, daß die Fürsten ihre Ausnahme als ein Mittel betrachteten, ihre oassa anzufüllen und sich wenig daraus Mächten, ob die Juden, die auch wirklich damals sehr unnütze und zum Teil schädliche Mitglieder des Staates waren, fertig werden konnten oder nicht." Die Verfolgungen haben aufgehört, die Frage nach der Schädlichkeit der Juden könne man mit nein beantworten, wenn sie aber wirklich Schaden bereiteten, so könnte dieser durch eine Summe Geldes nicht wieder gutgemacht werden. Dann fuhr er fort: „Daraus erhellet, daß die Erhöhung, wenn nicht die Beibehaltung der Juden praestandorum mit den gesunden prmeipüs (Grundsätze) nicht harmonieret, weil man findet, wenn man auf den Ursprung dieses Instituts (Einrichtung) zurückgeht, daß es sich auf Leidenschaften und Mängel der Einsicht gründet." Das sind erfreuliche Stimmen aus der Zeit Friedrichs des Großen, sie entsprechen seinem erleuchteten Geiste mehr, als die drückenden Maßregeln, denen er freilich seine Zustimmung gab. Im Hinblick auf solche Aeußerungen und auf den Geist, dem sie entsprangen, dürfen auch wir den zweiten Säkulartag der Geburt Friedrichs des Großen froh begrüßen. Trotz aller Schatten: das Licht begann unter ihm, wenn auch noch schwere Finsternis folgte. Auch heute sind noch nicht alle Nebel gewichen, es ist für uns keineswegs alles erreicht. Aber die Aufklärung, die Friedrich der Große verkündete und teilweise betätigte, ist ein kostbares, unentreißbares Erbe für den Preußischen Staat geblieben, und die Befreiung, die. volle Gleichheit, die mit der Aufklärung zusammen siegreich durch die Welt zieht, wird nicht ausbleiben. Sir Mache. Berlin, den 23. Januar 1912. ie Stichwahlen haben begonnen; ein sicheres Resultat läßt sich noch nicht übersehen. Soviel ist gewiß, daß bereits dreizehn Mitglieder der antisemitischen Partei und der wirtschaftlichen Vereinigung gewählt worden sind. Die Zahl ist zwar gegenüber den 21 Mitgliedern des vorigen Reichstags erheblich zurückgegangen, aber es ist immer noch zu viel. Erfreulich ist immerhin, daß ihre Stimmenzahl in Kurhessen, der ehemaligen Hochburg des Antisemitismus, stark zurückgegangen ist. In der vorigen Wochenschau ist von der Judenfreundlichkeit des Zentrums die Rede gewesen. Eine gegenteilige Stimme entnehme ich dem „Kölnischen Stadtanzeiger". Dort heißt es: Bei den vielfachen Meinungsverschiedenheiten, die innerhalb der israelitischen Bürgerschaft bzw. der Stellungnahme bei den Wahlen am 12. Januar besonders dem Zentrum gegenüber herrschen, wollte ich mir von den führenden Persönlichkeiten des Zentrums authentische Auskunft über die ihnen nachgesagte antisemitische Gesinnung holen. Je nach Beantwortung der von mir'zu stellenden Fragen wollte ich mich entscheiden. Ich besuchte daher die am Mittwoch den 27. Dezember im Viktoriasaal am Waldmarkt angesagte Zentrumsversammlung. in der die Herren Giesberts, Justizrat Trimborn, Dr. Jörg, Dr. Kuckhoff usw. sprachen. Da nach dem Verlauf der Versammlung eine Diskussion nicht stattfinden sollte, reichte ich - folgende vier Anfragen schriftlich bei der Leitung der Versammlung ein: Wie stimmt es mit der angeblichen Toleranz des Zentrums überein, daß das Zentrum hier in Köln seinen offiziellen Parteisaal, die Bürgergesellschaft, einer antisemitischen Radauversammlung (Diedr. Hahn) zur Verfügung stellte, da das Zentrum doch wußte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.