Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. $ Berlin, 19. Januar 1912 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". LorrelponÄmren und Kachrichtm DeutschlsnL. V Berli«, 16, Januar. Die Deutsche Orien ta-s-tlschas« veranstaltete am -Montag, den 14. d. M. im Saale der Singakademie einen Vortragsabend, den der Kaiser durch seine Anwesenheit auszeichnete. Bereits eine Viertelstunde vor Beginn hatte sich der duxch so viele klassische Erinnerungen geweihte Raum mit einer stattlichen Versammlung gefüllt, in der.man verschiedene bekannte und hervorragende Persönlichkeiten, aus den Kreisen der Diplomatie. Beamten- und Gelehrtenwelt sowie der Haute finance bemerkte. Pünktlich um 6 Uhr fuhr der Monarch, in dessen Begleitung sich ^>er Chef des Marinekabinetts Admiral v. Müller befand, am Portal in der Dorotheenstraße vor und wurde von den Vorstandsmitgliedern der Deutschen Orientgesellschast Admiral v. Hollmann, Staatssekretär a.D. Freiherr v. Thielmann und Dr. James Simon zur königlichen Loge geleitet. Unmittelbar darauf begann Professor Dr. Carl Watzing er, Ordinarius der klassischen Archäologie an der. Universität Gießen, seinen durch 'zahlreiche Lichtbilder erläuterten Vortrag über „Deutsche Forschungen in Palästina". Der Vortragende, der im Aufträge der Deutschen Orient gesellschaft 1905 mit Regierungsbaumeister Köhl die Synagogenruinen.Galiläas untersucht und später 1908 und 1909. an den ebenfalls von der Deutschen Orientgesellschaft veranstalteten, vön Professor Sellin (Rostock) geleiteten Ausgrabungen in Jericho teilgen.ommen hat, gab einleitend einen kurzen Ueberblick über die bisherigen Forschungen auf dem Boden des heiligen Landes. Palästina, die Wiege zweier der wichtigsten Kulturreligionen der Menschheit, ist erst verhältnismäßig sehr spät zum Gegenstand eingehender ' und systematischer geographischer und archäologischer Forschung gemacht worden. Millionen haben das Land als Reisende oder Pilger betreten, ehe man daran gedacht hat, es der Wissenschaft des Spatens zu erschließen und zu versuchen ob sich nicht dem spröden Boden steinerne Zeugnisse abgewinnen lassen, die uns in den Stand setzen, die biblischen Berichte teils besser zu verstehen, teils nachprüsend an ihnen Kritik zu üben. Seit etwa zwei Jahrzehnten aber ist in dieser Hinsicht -ein entschiedener Wandel eingetreten; die systematische Erforschung des Landes durch Ausgrabungen hat' begonnen und bereits wertvolle Früchte getragen. Den Engländern, die mit Hilfe des reichdotierten kalestiue Lxploratioü Fund Bedeutendes geleistet haben, folgten die Amerikaner und ' ihnen, mit nicht 'geringeren Erfolgen, die Deutschen. In den Jahren 4901—1903 hat Professor Sellin im Norden des Landes in der Ebene Jesreel im Kisontale — von der das Deborahlied zu erzählen weiß — sehr ergebnisreiche Grabungen angestellt und unter anderem in dem heutigen Tell Tä'annek die Stätte des alten Thaannach entdeckt; ihm schloß sich 1903^1905 Baurat Schumacher an, der im Aufträge des deutschen Palästinavereins und mit Unterstützung der Deutschen 'Orientgesellschaft in derselben Gegend grub und in dem Tell el-mütesellim das biblische Megiddo erkannte; reicheEinzel sunde wurden dabei an "beiden Stellen zutage gefördert. Sind auch alle diese Arbeiten in erster Linie in religionsgeschichtlichem Interesse' unternommen worden, so ist ihr kulturhistorischer und archädlögischer Gewinn wohl mindestens ebenso hoch zu veranschlagen. In kaum geringerem Grade gilt dies von den Forschungen, die der VörtrageNde 1905 mit Kohl und Hölscher in den SynagögenruineN Galiläas vorgenommen, und deren Ergebnisse er seinen aufmerksam folgenden Zuhörern in wohlgelungenen' Lichtbildern vorführte. Bei diesen Arbeiten handelte es sich nicht mm Grabungen, sondern um'die Freilegung -über dem Boden stehender, schuttbedeckker Archit'ekturreste. Was der' der Wissenschaft zu früh entrissene O. P uch st ei n ' für ganz-Syrien im Sinne hatte, - das ist hier für ein engbegrenztes, aber unr so interessanteres Gebiet - mit Erfolg geleistet worden. Aüf neun -verschiedene antike Orte haben sich die Arbeiten erstreckt; ihr wichtigstes Ergebnis ist die Freilegung eines noch in seinen Trümmern großartigen und. baugeschichtlich ungemein interessanten Synagogrnbans im alten KaPerNaum (heute unter dem Namen Tell-Hum ein großes Ruinenfeld). Schon der Grundriß des Tempels von Kapernaum, dessen Anlage durchaus das Schema der dreischiffigen römischen Basilika zeigt, die durch Hinzufügung von Sitzreihen zum-Versammlungsraum wird, läßt uns als seine. Entstehungszeit das erste oder zweite nachchristliche Jahrhundert erkennen. Wesentlich denselben Typus, der auch für die Anlage christlicher Gotteshäuser vorbildlich wurde, zeigen auch die untersuchten Synagogenreste an den anderen Orten. Eine weitere Untersuchung ergab, daß alle Synagogen jener Zeit zweistöckig, d. h. oben mit'Emporen versehen, waren, auf denen die Frauen Platz nahmen. Ueberaus interessant. sind die, wenn auch spärlichen Reste eines künstlerisch durchaus unverächtlichen Skulpturenschmucks. Reiche figürlicheDekoration muß sowohl die Aüßenfronten wie die Jnnenräume vieler diesev Synagogen geschmückt haben. Auch die Pulte für den Thoravorleser, die vielfach die Form eines muschelförmigen Baldachins zeigen, ebenso wie die Schränke, die der Aufbewahrung der Thorarollen dienten, trugen Arabeskenschmuck und lassen die Absicht künstlerischer Gestaltung erkennen. Zum Schluß gab der Vortragende ein zusammenfassendes Bild von den Ausgrabungen in Jericho, wo man die alte kanaanitische Mauer, die nur einen Umkreis von 600 Meter hatte, ausdeckte. Sie war aus Ziegeln erbaut und 3 Meter bis .3,50 Meter dick. In 2,50 Meter Abstand folgte hinter ihr eine zweite 1,50 Meter starke Mauer. Beide waren oben durch starke Holzplanken verbunden. Die hintere Mauer war höher als. die vordere und wurde selbst - noch an einer Stelle durch einen Turm überragt. Die kanaanitische Stadt ist durch-Feuer zerstört worden, und erst gegen Ende des Reiches Israel .ist dort wieder eine Festung durch einen König angelegt worden, der Jericho, um einer Unterminierung vorzubeugen, mit einer zyklopisch angelegten Steinböschung umwallte, auf der sich , erst die Ziegelmaüer erhob. Auch der dort, yvn ihm erbaute Palast konnte zum Teil, ebenso wie mehrere Privathäuser aufgedeckt werden. Das Königshaus erinnert in seiner Anlage an syrische und hetitische Schlösser. . Aus den gefundenen Geräten kann man ein Bild der Kultur des Landes-im siebenten Jahrhundert vor .Christi gewinnen. Auch diese Mauern fielen nach Judas Zerstörung. Das Jericho der Makkabäerzelt und des Herodes lag weiter nach Süden zu. ^Die Trompeten von Jericho, mit denen Josua die Mauern der Stadt umblies," bemerkte der Vortragende zum Schluß launig, „habe man zwar nicht gefunden, aber dafür die toten Steintrümmer zum Reden gebracht." Mit dem Wunsche, daß die Deutsche Orientgesellschaft das so glücklich begonnene Unternehmender palästinensischen Ausgrabungen mit gleicher Tatkraft und gleichem Erfolge weiterführen möge, schloß Professor Watzinger seinen gehaltreichen Vortrag.— Der Kaiser unterhielt sich nach Schluß des Vortrages mit den Vorstandsmitgliedern der D. O.-G. und zog'dann auch den Vortragenden noch in ein längeres, lebhaftes Gespräch. H. Berlin, 16. Januar. Der Vortragsabend des „Vereins ffür jüdische GesiHichte und Literatur" am 9. d. M. war als Vorfeier für das Zentenarjubiläum der Emanzipation der preußischenIuden am 11. März d. I. gedacht. Den Vortrag-hielt Herr- Professor Dr. Martin Philippson. . Der Redner legte in äußerst interessanter und instruktiver Weise-dar, wie sich das Los der Juden, die vo m Großen Kurfürsten in das-Land, gerufen und von ' ihm auch gut behandelt: wurden, unter den preußischen Königen zumeist recht traurig gestaltete. Friedrich der Große, der.„tolerante" König, -suchte? die Juden auf alle Art zu bedrücken- Sein Neffe, Friedrich Wilhelmll., der ihm auf den Thron folgte, war den Juden günstig gesinnt, aber, seine Beamten, in. Friedrichs des Großen Schule erzogen,.ließen -es zu einer - vollständigen Gleichberechtigung nicht kommen. Erst unter:seinem Nachfolger wurden . sie.: als Staatsbürger - anerkannt. .Friedrich Wilhelm III. selbst war ben Juden -keineswegs freundlich gesinnt, aber die Zeitumstände waren gewaltig, und der König mußte