Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Er überlegte hin und her, was er tun sollte, und als . er gar nicht mit sich einig werden konnte, des er, wie er das stets in schwierigen Lagen zu tun gewohnt war, seine Frau herbei, um mit ihr zu beraten. Als Rebekka alles angehört hattesagte sie.: „Was ist da lange zu bedenken? Das einzig richtige ist doch, 'Du gehst zu meinem Bruder und fragst ihn. Esist ja wie eine Fügung Gottes, daß er, vielleicht der einzige Jude in ganz Preußen, gerade jetzt hier Bürgermeister ist." (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — CH. N: Bialik, Gedichte. Aus dem Hebräischen übertragen von Ernst Müller. Köln und Leipzig, Jüdischer Verlag, 1911, Den Kennern und Freunden der neuhebräischen Literatur ist der Name Bialik längst bekannt; sie wissen seine poetische Begabung nach Gebühr zu würdigen und betrachten ihn mit Recht als den genialsten hebräischen Dichter der Gegenwart. Freilich stellen sie ihn nicht, wie gewisse Kreise es. haben möchten, aus eine Stufe mit Jehuda Halevi, nicht einmal mit Jehuda Lüb Gordon, allein sie geben ohne weiteres zu, daß seine Poesie sich durch eine Sprache auszeichnet, von der man wohl mit Herder sagen darf: „Alles in ihr ruft, ich lebe, bewege mich, wirke. Mich schufen Sinne und Leidenschaften, nicht abstrakte Denker und Philosophen; ich bin also für den Dichter, ja, ich bin ganz Dichtung." Nun liegen uns seine Dichtungen in deutscher Ueberiragung vor, aber in einer Form, die schwerlich ungeteilten Beifall finden dürste.. Wir bewundern den Fleiß und die Ausdauer des Uebersetzers, der, seiner eigenen Angabe gemäß,, sieben.volle Jahre der Ausführung seines Werkes gewidmet hat, aber um so mehr bedauern ,wir, daß es ihm so wenig gelungen ist, dem deutschen Leser den unverfälschten Pialik vorzusühren. Gewiß hat Ernst Müller sich redliche Mühe gegeben, lesbare deutsche Gedichte zu schaffen, indem er bestrebt war, „manches an den Wandlungen und der Vielheit, die die Dichtungen selber ausweisen, nachzuleben und zu verstehen". Indessen genügt dies noch lange nicht, um hebräische Poesien mit Erfolg in eine lebendige Spräche übertragen zu können. Hierzu ist nicht bloß gediegene Kenntnis der letzteren-und dichterische Begabung, die beide dem Uebersetzer nicht abgesprochen werden können, erforderlich; hierzu ist mindestens, in gleichem Maß neben vorzüglicher! Vertrautheit mit der hebräischen Sprache und der umfangreichen hebräischen Literatur — nicht nur der allerneuesten, in der „sich alles, was jung und jüdisch ist," nach der Meinung des Uebersetzers, „in geistig hochstrebenden Gemeinschaften um Achad Haam schart oder unbewußt durch ihn befruchtet wird" -- auch ein tiefes Eindringen in den Geist der hebräischen Poesie notwendig. Diese aber scheinen nicht die Domäne des Uebersetzers zu sein, der von Bialik sagt: „Hier erst (in der Jeschibah zu Wolosin) bilden Gemara und die endlos daran sich knüpfenden Dispute den Mittelpunkt des Lebens"; im Ghetto ^vürde man dazu sagen: so redt ein Goi jiddisch. Die uns vorliegende Gedichtsammlung enthält, das 'muß dem Uebersetzer zugestanden werden, dem Ohr wohlklingende Nachbildungen, nicht, aber ernstzusiehmende Uebertragungen, die auch denjenigen befriedigt, der sie mit dem Original vergleicht. Allerdings sind die Schwierigkeiten, mit denen der Uebersetzer zu kämpfen hattenicht zu unterschätzen. Bialik ist, wie Herr Ernst Müller sehr richtig bemerkt, „in einem großen Teil seiner Gedichte Naturlhriker", und die Donnerschläge seiner Naturschilderungen kann keine europäische Sprache wiedergeben, ohne den Blitz der Ausdruckskürze auszulöschen. Allein mit derartigen und in mancher Beziehung weit größeren Schwierigkeiten hatten auch die Uebersetzer unserer klassischen. Dichter: Sachs, G eiger, Kämpf, Seligmann, Heller usw. zu kämpfen, und doch ist es ihnen gelungen, dem deutschen Leser Uebertragungen zu. bieten, die das Original ziemlich getreu wiederspiegeln. Vielleicht wäre eine gleichwertige Uebertragung auch dem Uebersetzer der Bialikschen Gedichte gelungen, wenn er mit der Veröffentlichung .noch sieben Jahre gewartet und' sich während der Zeit etwas'! intensiver mit der hebräischen Literatur und dem Geist-der hebräischen .Poesie beschäftigt hätte. . A. JLr — Gabriel RiessersLeben und Wirken. Von Jos. Feiner. Leipzig. Verlag von Gustav Engel, 1911. Die dritte Auflage eines jüdische Dinge behandelnden Buches ist ein so seltenes Ereignis, daß es schon deshalb.Erwähnung verdient. In unserem Falle ist die Hervorhebung aus doppelten Gründen gerechtfertigt: der Gegenstand ist würdig und^ die Behandlungsart ist ansprechend. Der Verfasser wendet sich oft in Redeform an seine; ' ~ Leser; das ist ein wirksames Mittel, wenn es geschickt angewendet wird. Der Veifa.sser zitiert viel aus Riesters Schriften. Auch dies ist durchaus zu billigen, weil diese Arbeiten immer noch nicht genügend gelesen werden. Er ist endlich von warmer Begeisterung für seinen Helden erfüllt, und dieser Held verdient, daß man mit Begeisterung über ihn spricht. L. G. Sxrechsaal. Rawitsch, den 6. Januar 1912. Sehr geehrte Redaktion! n Nummer 1 Ihrer, sehr geschätzten Zeitschrift versucht Herr Professor Dr. Martin Philippson, meine Ausführungen in Nummer 52 des vorigen Jahrganges Ihrer Zeitschrift über die Versammlung des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bundes vom 6. November in verschiedenen Punkten zu „berichtigen". Leider kann ich diese „Berichtigung" nicht unerwidert lassen, da die darin enthaltenen Angaben irrtümlich sind. 1. Ich muß bei meiner früheren Behauptung, daß in jener Versammlung vpn gesetzestreuer Seite außer mir nur Herr Rabbiner Dr. Cohn-Jchenhausen sprach, stehen bleiben. Von den in seiner „Berichtigung" von Herrn Philippson als weitere gesetzestreue Redner aufgeführten Herren Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln und Heinrich Seligsohn-Samotschin hat sich der erstere selbst durch Unterzeichnung des bekannten Aufrufes der „Freien Jüdischen Vereinigung" schon vor Jahr und Tag auf den Boden der Mittelpartei gestellt, während Herr. Seligsohn ausweislich der Präsenzliste und des Protokolles weder jener Versammlung beiwohnte, noch in ihr das Wort ergriff. Uebrigens zählt der persönlich von mir sehr geschätzte Herr Seligsohn sich selbst nach seinen eigenen Angaben auch nicht zur orthodoxen Richtung. 2. Das Eingeständnis des Herrn Prof. Philippson, daß der Ausschuß zu jener Versammlung nur Herren, die er für Freunde des Gemeinde- Bundes hielt, eingeladen hat, ist sehr erfreulich. In dem Einladungsschreiben hatte er angegeben, daß sämtliche sich hervorragend am jüdischen Leben betätigende Herren mit Einladungen bedacht seien. 3. Herrn Philippsons Behauptung, daß ich einer der heftigsten Gegner der ganzen bisherigen Arbeitsweise des Gemeinde-Bundes sei, ist irrtümlich. Ich betätige diese Sympathie für den Gemeinde- Bund seit vielen Jahren, indem ich dem Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bunde als persönliches Mitglied einen Jahresbeitrag zahle. Ach gebe allerdings gern zu, daß die Bestrebungen des Herrn Prof. Philippson hinsichtlich der preußischen Judenorganisation und der, um diesen Zweck zu erreichen, gewünschten Statutenänderung nicht meinen Beifall haben. Trotz alledem stehe ich nicht an, die mancherlei Verdienste des Herrn Prof: Philippson um die Wohlfahrtseinrichtungen des Gemeinde. Bundes auch an dieser Stelle aufs lebhafteste anzuerkennen und bedaure es aufrichtig, ihm ent gegen treten, zu müssen. In vorzüglicher Hochachtung Georg Hermann Loewy, Bankier.