Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229019--68125-3280368- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gegen einen Pfefferkorn und Hogstraten sicherte, daß. hier der kirchliche, der christliche Pharisäismus zu entschiedenem Protest herausförderte) zum Protest gegen den' Fanatismus eines rohen, beschränkten Geistes, der für seine Roheit und Beschränktheit die Maske der Frömmigkeit in. Anspruch nahm. So war es der Geist einer neuen Zeit, einer humaneren Zeit, die mit Reuchlin seine erste Regung in Deutschland entfaltet^ einer Zeit, von der wir alle noch Weit abstehen, die erst durch uns noch geschaffen werden soll, wo es nicht mehr gilt, ob jemand ein Jude oder Grieche ist, wo es aber währ wird, was Lessing seinen Juden sagen läßt: „Es eifre jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach." Auch noch aus anderen Reden Kalthöffs können wir seine Vorurteilslosigkeit erkennen; doch darüber ein anderes Mal. Lin Mtrmms. (Nach einer wahren Begebenheit erzählt.) Von Ludwig Klausner-D awoä. II. ^ur Vesperzeit stellte Stasiu sich ein. Silberstein hatte sich so weit gefaßt, daß er ihn in aller Ruhe auffordern konnte, mit ihm nach dem Heu zu sehen. „Braucht sich Pani erst gar nicht nachzusehen. Js sich noch etwas da, muß sich aber Pani bald neues besorgen." „Doch, ich will einmal Nachsehen, wie viel ungefähr ich nehmen soll", sagte Silberstein ruhig und ging voran. Auf dem Heuboden angekommen, schob er das Heu, das er. selbst, um einer zufälligen Entdeckung vorzubeugen, wieder in die frühere Lage gebracht hatte, weg und fragte, was die Kisten zu bedeuten hätten. „Weiß ich gar nicht, wo sich das hergekommen." „Wer denn sollte es wissen, Du Elender", rief Silberstein, erst recht wütend über das Benehmen des Burschen, der so ruhig blieb'und ganz harmlos tat. „Schnell heraus mit der Wahrheit! Wer hat Dir diese Sachen zum Aufbewahren gegeben?" Erschrocken über den Zornausbruch seines Herrn rief Stasiu >,Matko Boska" (Mutter Gottes). Silberstein, der diese Worte für einen Ausruf der Angst und für eine an die Mutter Gottes gerichtete Bitte um Beistand hielt, rief erregt: „Da kann keine Malko Boska helfen- Gesteh, wer hat Dir alle diese Sachen gegeben?" „Malko Boska" stammelte Stasiu eingeschüchtert. Jetzt verlor Silberstein, der nur an die Gefahr dachte, der er ausgesetzt war, wenn er als Beherberger verbotener Waffen oder gar als Schmuggler von Kriegskonterbande ertappt würde, ganz ünd gar die, Geduld. Er holte die Peitsche — was zu damaliger Zeit in der Nähe von Rußland durchaus kein ungewöhnlicher Akt war, was jeder andere an seiner Stelle als zeit- und ortsüblich auch getan hätte — Silberstein also holte die Peitsche, fuchtelte erst mit ihr vor Stasius Augen und schlug, als dieser die so gegebene Frist nicht zu einem Geständnis benutzte, nach russischer Manier auf Stasiu los. Da er aber das Austeilen von Peitschenhieben nicht gewohnt war, oder auch weil Stasius Ergebung in sein Schicksal ihn rührte, hielt er nach einiger Zeit inne und fragte: „Wirst Du mir jetzt sagen, wer Dir das alles zugesteckt hat?" i Stasiu entgegnete:- „Glauben Sie, gutes Pani, Malko Boska"., . „Laß mich mit Deiner — und hier wäre dem Kaufmann beinahe ein Wort, entschlüpft, das jeder Pole, , jeder Katholik als eine fürchterliche Blasphemie angesehen hätte. , Aber gewohnt sich zu beherrschen, unterdrückte er, was ihm auf der Zunge schwebte, hieb von neuem auf den Knecht los und. rief, „So etwas macht die Mutter Gottes nicht. Du ganz elender, schändlicher Mensch. Der Mutter Gottes fällt es nicht ein. mich, meine Frau und meine Kinder unglücklich zu machen' Und Dir, Du undankbarer Mensch, hätte so etwas auch nicht einfallen dürfen, da Du doch weißt, was für Strafen mir drohen. Haft Du es etwa schlecht bei mir gehabt?" „Serr gut, serr gut, Hab ich gehabt bei geliebtes Pani. Meine Schwester hat es auch ganz serr gut gehabt. Wir werden beide zum Heiligen Josef beten, daß er vor Pani Gnade erwirken soll bei unser Heiland Jesus Christus. Ganz gewiß werden wir tun und wird sich Herr Jesus helfen, Pani." „Das wird mich gewiß sehr freuen, Stasiu. Nun aber sag^, da Du doch sonst ein anständiger Kerl bist, die Wahrheit: von wem hast Du —" „Ganz gewiß, Pani, von Malko Boska." Silberstein holte von neuem mit der Peitsche aus, ließ sie aber bald sinken und sagte : „Ich werde mich nicht länger mit Dir abärgern. Ich gehe zum Oberst, und wer weiß, ob er Dich nicht gar aufhängt. Besseres verdient ein solcher Mensch wie Du gar nicht." „Kann sich meinetwegen Oberst Stasiu aufhängen, so viel er sich will. Aber ich bitten serr guten gnädigen Herrn Stasiu nicht anzeigen. Hat sich ganz gewiß Malko Boska alles Stasiu gegeben und wird sich Malko Boska serr gnädigen Herrn strafen. Wird sich-anzünden gnädigen Herrn sein schönes Haus, werden sich verbrennen auch Speicher, werden tot machen liebe kleine schöne Jungchen, was sich nicht mehr wird spielen und lachen können mit Stasius Schnurrbart. Zeigen sich nicht an gutes, liebes, serr gutes, serr geliebtes einziges Pani, weil sich ganz bestimmt wird strafen Malko Boska, ja ganz gewiß, so.wahr ich hoffe selig zu werden:" ,-Jch werde schon wissen, was ich zu tun habe", sagte Silberstein, schloß ab und ging, ohne Stasiu weiter eines Wortes zu würdigen, davon. Er war aber nur wenige Schritte gegangen, als Stasiu ihn einholte und nochmals bat, ihn nicht anzuzeigen. „Schlagen lieber, gutes Pani, Stasiu nochmals tüchtig. Kann sich das gar nicht schaden Stasiu, schlechtes Stasiu. Aber nicht anzeigen. Denken Pani an gute, liebe Frau, an schöne liebe Fräulein, an liebe Kinderchen!" Silberstein tat so, als achtete er gar nicht mehr auf das, was Stasiu ihm sagte. Als er aber in seinem Zimmer sich befand und auf seinem Sorgenstuhl Platz genommen hatte, gingen ihm Stasius Reden gar sehr durch den Kopf. Zwar die Rache der Mutter Gottes fürchtete er natürlich nicht. Wohl aber -sagte er sich, die Waffen sind Stasiu von Polen, die seinen Fanatismus kannten und benutzten, für die Insurgenten übergeben worden, und sie werden sich, zumal an einem Juden, schwer rächen, der die Waffen ausgeliesert hat. Sie werden in der Tat das tun, was Stasiu die Mutter Gottes tun lassen will. Zuletzt dachteerauch, in welchem Licht er dem Obersten erscheinen würde, wenn er selbst anzeigte, daß auf seiner Scheune Waffen lagen. Daß Stasiu der Schuldige' sei, würde er ihm am Ende gar nicht glauben. Und noch schlimmer wäre es: wenn die Waffen ohne seine Anzeige durch Zufall oder Verrat entdeckt würden.