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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-19 · Heft 3 (19.1.1912) · p. Seite 34

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
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hat aberv nicht schon Jesaja (gleichviel ob Deuteryöder Tritojesaja) verkündet:. „Mein Haus soll.ein Bethaus genannt werden für alle Völke r"? (Jesaja 56, 7.) , Herzerfreuend ist es daher, wenn man einmal auf Männer, wie Pastor Kälthoff, der schon 1878 dasselbe Schicksal wie jetzt Pfarrer Jätho erlitten hat, trifft, die sich durch Vorurteilslosigkeit auszeichnen und sie auch in ihren Werken zum Ausdruck bringen. - Im Jahre 1904 — zwei Jahre vor seinem Tode — schrieb mir Kalthoff, als ich ihm meine Arbeit über „Friedrich Hebbel und die Juden" einsandte, die teilweise auch in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" erschienen ist: „Wo der Rassenhaß und Klassenhaß immer mächtiger werden, hat der Humanitätsgedanke eine immer größere Mission zu erfüllen. Da muß jeder auf seinem Posten seine Schuldigkeit tun, und ich bin Ihnen dankbar, daß Sie sich als einen Mitarbeiter für diese Sache zu erkennen gegeben." Mag man auch sonst die Ansichten Kalthoffs, der lange Zeit Vorsitzender des Monistenbundes war, nicht teilen, so ist es doch zu bedauern, daß seine Werke verhältnismäßig wenig bekannt sind. Seine Reden, die er als Pastor der St.-Martini- Kirche in Bremen hielt, sind hochinteressant. Uns interessiert namentlich eine Rede über Reuchlin, die sich in der Sammlung „Das Zeitalter der Reformation", Nachgelassene Predigten mit Vorwort von Friedrich Steudel (verlegt bei Eugen Diedrichs, Jena 1907) findet. Er behandelt in dieser Rede das Thema - der „Judenfrage". . Er bezeichnet daselbst die Antisemiten als eine Gesellschaft, in die „ein Mensch, dem freiheitliche, humane Ideen mehr sind als ein leerer Schall, nicht gern hineingehören möchte". Er nennt Johannes Pfefferkorn einen „Antisemiten schlimmster Sorte" und schildert dann, wie Reuchlin zum Anwälte der Juden geworden sei, nicht um der Juden, sondern um der Christen willen, weil Reuchlin gesehen hatte, daß „zu einer Befruchtung des Lebens mit neuen Lebenskeimen, zu einer Renaissance der Zeit, neben der Wiedererweckung der.Griechen und Römer auch eine solche der Juden gehöre, daß die neue Synagoge im Talmud und alle dazugehörigen Schriften geradeso gut eine Bereicherung unseres Lebens bedeute wie die neue Philosophie, die an Platons Namen sich anschließt und in der Näturbetrachtung des Aristoteles .sich weiterentwickelte". Ganz besonders interessant sind nun die folgenden Ausführungen Kalthoffs, die es verdienen, wortwörtlich angeführt zu werden. - -Und hat denn Reuchlin nicht recht, gehabt? Semitische Gelehrte find es doch gewesen, die unserem Volke die Elemente der Naturerkenntuis vermittelten, als die Kirche mit ihrer allein seligmachenden Glaubenslehre jede Forschung, die außerhalb der Umschanzung eines engen Buchstabens geübt werden sollte, mit Feuer und Schwert verfolgte. Semitische Händler sind es gewesen, die den Güterverkehr der Nationen lebendig erhielten, als die Kirche den Güteraustausch mit ihrem kanonischen Recht und ihren Zinsverboten lahmlegte. Semitische Lebensanschauung war es, die den Menschen auf die Erde zurückholte, wenn die Kirche alles Sinnen und Trachten des Menschen auf den Himmel hingelenkt hatte. Und wie sind uns erst die Augen äufgegangen für den Wirklichkeitssinn der jüdischen Religion, seitdem wir den Geist der hebräischen Poesie durch Herder, den sittlichen Ernst und die Größe der hebräischen Prophetie durch die neue Erfassung des Alten Testamentes kennengelernt haben! Es ist nicht zuviel gesagt, daß erst in der Berührung mit hebräischem Geistesleben unsere Religion von dem alten Wahne,, daß Glaube ein Dogma, ein Lehrsatz fei, erlöst worden ist und wir gelernt haben, daß Religion selber ohne Poesie und Prophetie ein Leib ohne - Seele ist! Und wir können, noch so vieles heute lernen von dem Geiste der. Synagoge; die strikte Gerechtigkeit und das Gefühl der Solidarität, eben jenen Gemeingeist, . den. das Christentum in dem Maße, wie es sich gegen das Judentum wandte, immer mehr verlor, um dafür eine Kirchenherrlichkeit mit Priesterherrschaft und Laienunterwürfigkeit einzutauschen. Wir können lernen, daß eben dieser Gemeingeist auch heute noch die Wurzel der Kraft ist, aus der das Judentum inmitten der heutigen Welt.seinen Bestand wahrt, ein Gemeingeist, der bei aller Energie der Zusammengehörigkeit doch das Denken seiner Glieder freiläßt, unendlich freier jedenfalls, als es die konfessionell organisierten Kirchengemeinschaften tun. Da gäbe es noch vieles zu lernen, wonach unsere christliche Kultur schon lange ringt, und das ist jedenfalls ein arges Mißverhältnis, daß, während unsere christliche Kultur von den Juden in allen. Zügen in sich ausgenommen wird, uns Christen das geistige Leben des Judentums noch eine verschlossene Welt geblieben ist, nicht weil die Juden selbst ihre Literatur unter Verschluß gehalten Hütten, sondern weil wir es nicht für der Mühe wert gehalten, weil wir zu stolz und siegesbewußt waren, sie gründlicher, tiefer zu studieren- So leben sie, nicht ohne ihre Schuld, ihre eigene Welt für sich; wir wohnen mit ihnen Haus an Haus, Straße an Straße, kennen ihre Namen, ihre Geschäfte, wohl auch ihre Fehler und Schwächen, aber nicht den Pülsschlag ihres geistigen Lebens, und auch wenn wir das Alte Testament lesen, wenn wir es unsere Kinder in den Schulen lesen lassen, so betrachten wir es durch unsere eigene christliche Brille, es soll uns beweisen, was wir aus ihm entnehmen wollen, nicht zu uns reden von der Geschichte des Judentums, sondern von der Vorgeschichte des Christentums. Wenn wir heute zur richtigen Beurteilung eines Menschen vor allen Dingen ihn erst verstehen wollen, verstehen in der Gesamtheit seiner Lebensbedingungen, aus denen er hervorgegangen ist : nun, dann können wir von vornherein sagen, daß alle unsere Beurteilung des heutigen Judentums eine sehr unvollkommene, schiefe sein muß, weil wir es nicht an der Quelle seines eigenen Lebens, in der Geschichte seines Werdens und seiner Entwicklung bis in die Gegenwart hineinstudieren. Da liegt nach meiner festen Ueberzeugung heute, wie zur Zeit Reuchlins, ein Brennpunkt der Judenfrage; wir fordern freilich nicht mehr, wie Pfefferkorn, daß die Schriften der Juden verbrannt werden, aber wir kennen sie auch nicht, lesen sie auch nicht, sie sind für uns gerade so gut nicht da, als wenn sie verbrannt wären. Und der andere Brennpunkt ist der, daß wir unsere konfessionellen Verbände immer noch als Marksteine, der sittlichen Lebenswertung nehmen, statt dem Menschen als Menschen ins Auge, ins Herz zu schauen und ihn nach dem zu schätzen, was er als Mensch ist und als Mensch tut. Wenn der Jude ein untreuer Ehemann, ein gewissenloser Geschäftsmann ist, dünn heißt es: seht, das ist der Jude — und wenn der Christ genau dasselbe ist, wenn er noch schlimmer ist, dann bleibt er immer nur die Ausnahme, niemand denkt daran, das ganze Christentum daraufhin an? Zusehen, ob nicht auch da vieles faul sei, daß solche Pflanzen in ihm haben gedeihen können. Es ist der Pharisäer, der in uns urteilt, der .so gerne einen Sündenbock hat, auf den er alles, was schlecht und schadhaft ist, abladen kann, statt an seine eigene Brust zu schlagen und dabei sich zu bessern. Das war der tiefere Grund, der einen /...Reuchlin seinen Grimm so kräftig entladen ließ, der ihm die begeisterte Zustimmung aller freien, edlen Geister seiner Zeit im Kampf

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