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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-19 · Heft 3 (19.1.1912) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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Was sollten unter solchen Umständen aber die Juden/ die später Hinzügekommen sind, noch wirtschaftlich erreichen können? Gewiß waren sie im türkischen Reiche politisch frei und erfreuten sich in ihrer neuen Heimat verbriefter Rechte wie vielleicht kaum sonstwo. Allein auch die schönste politische Freiheit vermochte nichts gegen eine wirtschaftliche Gebundenheit, die sich, wie in unserem Falle, mit Notwendigkeit aus den Verhältnissen selber ergab. Zur Schaffung neuer ökonomischer Werte und zur Erschließung noch unbenutzt gelassener Produktionsquellen war, wie die Dinge einmal lagen, keine Möglichkeit geboten. Die Juden hätten somit den Konkurrenzkampf mit den Griechen und Armeniern aufnehmen und sie aus ihren bisherigen Positionen zu verdrängen suchen müssen. Allein für einen solchen Kampf waren diese Positionen doch zu stark und deren Verteidiger viel zu geschickt. Und so ist den Juden schließlich nichts anderes übriggeblieben, als sich mit dem zu bescheiden, was die beiden anderen Nationalitäten ihnen gelaffen haben: mit einer durchaus untergeordneten Stellung im Wirtschaftsleben der herrlichen Stadt am goldenen Horn. Der geistige.' Niedergang der spanischen Judenheit in der Türkei ist eine Tatsache, die nicht bestritten werden kann. Auch in den Ländern, wo es den Juden noch so schlecht ging, hat es an hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten, die in den wichtigsten Angelegenheiten eine entscheidende Rolle zu spielen berufen waren, eigentlich nie gefehlt. Selbst in einem Lande 'wie Rußland finden wir jüdische Kapitalisten und jüdische Großunternehmer, jüdische Dichter und jüdische Maler, jüdische Bildhauer und jüdische Musiker: Pioniere der Zivilisation und der Kultur auf den mannigfachsten Gebieten. Sobald dem Juden nur ein wenig Luft und Licht gelassen wird, beginnt die in ihm latente Triebkraft sich sofort zu regen. Eine Ausnahme davon scheinen indessen die Juden im Reiche des Halbmonds zu machen. Die ihnen bei der Einwanderung gewährte Freiheit hat während der vier Jahrhunderte im Grunde kaum irgendwelche wertvolle Früchte getragen. Sie ist in ihrer Wirkung, wenn ich so sägen soll, rein passiver Art geblieben. Es stimmt, die Juden brauchten sich nicht zu beklagen, sie wurden nicht unterdrückt, wurden nicht verfolgt, sondern wurden stets mit großem Wohlwollen als vollberechtigte Staatsbürger behandelt. Allein zu einer aktiven Ausnutzung der so geschaffenen Situation, zu einer wirklichen Anteilnahme am öffentlichen und sozialen Leben, zu einem energischen Vorstoß und zu einem imponierenden Erfolge im Wettkampf um die Kulturgüter ist es hier fast nirgends gekommen. Eine erschöpfende Erklärung für diese merkwürdige Erscheinung ist mir, soweit ich bis jetzt die Literatur verfolgen konnte, nicht begegnet. Dabei handelt es sich um ein Problem, das zweifellos der größten Beachtung wert ist. In den oben gemachten Darlegungen (und was. ich über die Juden Konstantin opels sagtet trifft im allgemeinen auch aus die anderen Juden der Türkei zu) eröffnet sich immerhin, wie mir scheint, eine gewisse Perspektive nach dieser Richtung. Es war die Welt, in die sie verpflanzt wurden, die sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Wir erkennen ihren Zustand, den wirtschaftlichen wie den geistigen, als das Produkt der. Verhältnisse, ohne uns gleich der Milieutheorie verschwören zu müffen.' Iustizrat Dr. Max Lob, 1860—1911. Däbei bleibt die tröstliche Aussicht, daß mit denn vollendeten Umschwung der Dinge in der Türkei sich auch eine Regeneration des jüdischen Elementes/dort vollziehen wird. 1; ■".v. - v Dr. Max Lob. 17.Dezember v. I. ist nach langen, schweren Leiden in ' Mainz Justizrat Dr. Max Löb im 52. Lebensjahre gestorben. Er war in Worms geboren, ließ sich zu;Beginn der 80 er Jahre in Mainz als Rechtsanwalt nieder und brachte es schnell zu einem der gesuchtesten Rechtsbeistände der Stadt, dessen Ruf weit über die Grenzen seines Tätigkeitsbezirks hinausdrang. Er würde mit Ehrenämtern aller Art überhäuft. 'So saß er in der Verwaltung der israelitischen Gemeinde, war mehrfach Präsident der Loge U. O. B. B., arbeitete in der Berliner Großloge und stand an der Spitze der verschiedensten interkonfessionellen und konfessionellen Wohltätigkeits-Anstalten. Ein Stadtverordnetenmandat mußte er wegen Gefchäftsüberhäusung ablehnen. Bedeutsames hat er auch im Kampf für die Gleichberechtigung der Staatsbürger jüdischen,'Glaubens geleiftet.^Jn ihm ist, wie die „Mainzer Volkszeitung" schreibt, der glänzendste und meist beschästigte.Anwält in Mainz dahingeschieden; ein Mann, in dem sich mit hervorragendem juristischen Wissen und rhetorischen Können auch ein warmes Gemüt vereinte- Kein öder und vertrockneter Paragraphenmensch,' sondern ein Mann, der aus der Tiefe zu schöpfen verstand, literarisch und politisch ein freier Kopf. Seine Ptaidoyers waren in der Regel Musterleistungen und deshalb besonders wirksam, weil in ihnen ein warmes Empfinden pulsierte. In den letzten Jahren vertrat Dr. Löb auch die „Mainzer Volkszeitung" und viele Gewerkschastsorganisationen bei gerichtlichen Auseinandersetzungen. Politisch zählte er sich zur Fortschrittlichen Volkspartei, lehnte aber jede politische öffentliche Betätigung ab. In dem Kampf um die Gleichberechtigung der Juden stand er mitten in den vordersten Reihen und nahm sich mit rührenderSelbstlosigkeit besonders auch der armen, von Land zu Land gehetzten russischen Glaubensgenoffen an. Diesen Kampf führte er wohlweniger aus rein religiösen Gründen, als vielmehr aus dem bei ihm so stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit.' Alle diejenigen, die Gelegenheit hatten, Dr. Löb persönlich kennen zu lernen, werden diesem glänzenden Anwalt des Rechts und warmen Menschenfreund ein dauerndes Andenken bewahren. Wenige Tage nach dem Tode des vortrefflichen Mannes farid in Mainz eine Versammlung der Fortschrittlichen Volks- Partei statt, bei welcher der Vorsitzende, Rechtsanwalt Soldan, dem verstorbenen Ausfchußmitgliede Dr. Löb eine warm empfundene Gedächtnisrede hielt/ Die Partei habe mit ihm einen sehr empfindlichen Verlust erlitten. Sein Idealismus, seine Schaffensfreudigkeit und seine schwungvolle Beredsamkeit habe die Partei aus eine glänzende Höhe gebracht. Dtzgerrseitige Hilfsbereitschaft und Freundschaft habe der Dahingegangene mehr gewertet als alles andere. Wer wie der Refererit Gelegenheit hatte, aus dem Frank-' fürter Judentag Löbs begeisterte, von echtem Pathos erfüllt^,'

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