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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-19 · Heft 3 (19.1.1912) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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in Kleinasien und Arabien, ebenso wie die Provinz, die diese Stadt zur Hauptstadt hat, „Rumelien" genannt wird. Und aus der Hauptstadt wurde dann die Weltstadt, die ihresgleichen nicht kennt: Nicht mehr als Schöpfung eines einzelnen — constantinopolis — sondern als die Stadt, die einzige Stadt — wie Stambul aus sten polin sich entwickelt hat — sollte sie fortan noch ihren Namen führen. Freilich war gerade für solche Verhältnisse das türkische Regime das am wenigsten geeignete. Aus dem nomadisierenden Bewohner der Steppe zum kriegerischen Eroberer entwickelt bildet der Türke, in seinen Tugenden wie in feinen Fehlern, die Vollendung des militärischen Typus. Alle, die ihn kennen, stimmen darin überein, daß der Nachkomme der Osmanen tapfer, bedürfnislos, geduldig, treu, ehrlich und freimütig ist Bei dem Niedrigsten ebenso wie bei dem Höchsten findet man den gleichen Ernst im Gesicht; die gleiche Gemessenheit im. Benehmen, die gleiche Zurückhaltung in der Sprache und in der Bewegung. Der Markt ist kaum weniger würdevoll als die Moschee. Ueberall herrscht eine große Sparsamkeit mit Worten und Gesten; nirgends kommt lautes Lachen, plebejisches Schreien oder lästiges Gedränge vor. Allein umgekehrt wiederum — und das ist die Kehrseite der Medaille — läßt sich auch nirgends von kaufmännischer Spekulation, von industriellen Unternehmen, von modernkapitalistischer Betriebsart eine Spur finden. Recht stark frei-, lich blühte von jeher das Gewerbe in Konstantinopel. Straßennamen, wie Tschakmakdschilar (Feuerstrahlerzeuger), Kilidschilar (Schwertfeger), Sedefdschilar (Perlmutterarbeiter), Tschömlekdschilar (Töpfer),iHassirdschilar (Binsenmattenarbeiter), Norgand-. schilar (Bettdeckennäher), Kürekdschilar (Ruderschnitzer) zeugen von den mannigfachen zur Ausübung gelangten, inzwischen allerdings zum Teil wieder eingegangenen Gewerbearten. Und es ist geradezu bewundernswert,. wie außerordentlich geschickt die meisten Arbeiter mit keinem anderen Werkzeuge als einem Messer, einem Hammer oder einem Beile, wobei ihnen zudem lediglich ihre hohlförmig zusammengelegten Füße als Werkbank dienen, zu hantieren verstehen. Ruder,. Holzpantinen,- Schläuche für die Wasserpfeife, Zigarettenspitzen, Kaffeekannen, gehämmertes Kupfergeschirr, Einlagearbeiten, Hufeisen und Hufnägel sind solche mit den einfachsten Mitteln verfertigten Erzeugnisse des Konstantinopeler Gewerbes. Doch schon die primitive Herstellungsform zeugt dafür, daß das unser ganzes jetziges Produktionsverfahren beherrschende Gesetz der Oekonomie hier noch gar keine Rolle spielt. Nirgends der Versuch einer vernünftigen Zeitausnutzung, nirgends die Mühe einer praktischen Kraftersparnis. Ueberall und in allem bloß Ueberlieserung, überall und in allem Mittelalter. Einen einzigen modernen Großbetrieb gibt es in Konstantinopel — eine Bierbrauerei, deren Besitzer ein Schweizer ist und bei deren süffigem Produkt ein etwas besserer Geschmack nicht erst „noch ein letztes zum Abgewöhnen" nötig hat. Von dieser Charakteranlage des Türken, die weit mehr auf eine Züchtung des ritterlichen Kriegers als auf die Pflege des erwerbenden Bürgersinnes hinauslief, erhielt nun in der Folge das ganze Staatsleben im osmanischen Reiche sein Gepräge. Kein Schritt wurde unternommen, die wirtschaftliche Lage des Landes zu. bessern, kein Versuch gemacht, die schlummernden Kräfte zu wecken und die ungenutzten Schätze zu heben. Selbst was geschah, geschah lediglich im Dienste des Militarismus. So wurden wohl Wege und Straßen angelegt, aber nicht um Handel und Wandel zu stützen oder Industrie und Landwirtschaft zu fördern, sondern einzig und allein zum Zwecke und vom Gesichtspunkte strategischer Unternehmungen. Freilich war derartiges nur möglich bei so wunderbaren natürlichen Bedingungen, wie wir sie kennen gelernt' haben und' dieeine unversiegbare Quelle von Arbeit und Reichtum für die Gegend darstellten. Die Länder, welche jetzt das Gebiet des osmanischen Reiches' ausmachen, waren nun einmal in früheren Zeiten die einzige und sogar nach der Umseglung Afrikas noch immer bequemste Verkehrsstraße zwischen Asien und Europa, deren .Wert auch infolge der Durchstechung des Suezkanals nicht verschwand. Von alters her nahm daher der Handel von Indien, Persien und China durch die Levante seinen Weg, und er hörte nicht auf, ihn über Konstantinopel auch weiterzugehen, selbst nachdem die erfolgte Seeverbindung auf der einen und die Unzuträglichkeiten, die mit der türkischen Verwaltung verknüpft waren, auf der anderen Seite ihm vielfach neue Bahnen gewiesen hatten. Immerhin blieb bei alledem die geschäftsbeflissene Bevölkerung Konstantinopels doch nur auf den Handel beschränkt; Änd dies nicht einmal in der Form des Warenaustausches, sondern wesentlich in der Rolle des Vermittlers und Maklers. Die Türkei bildete den Binnenstaat zwischen Asien und Europa, und die Kaufmannschaft der Hauptstadt. besorgte den Transitverkehr zwischen den beiden Kontinenten. Das war alles. Als produzierendes Land und als Land, das seine Produkte auf den, Weltmarkt zum Verkaufe bringt, kam die Türkei kaum in Betracht. Denn erstens wurde -tat sächlich./sehr wenig produziert, und zweitens blieb das, was in einem gewissen Ueberschuß produziert wurde, bei den schlechten ■. Verkehrsbedingungen, auf den Lokalabsatz ange wiesen. Man könnte handelstechnisch sagen, das ganze Jnnenland gliche einer Wüste mit zwar sehr vielen frucht baren Oasen, die indessen voneinander getrennt sind und zueinander keine Beziehung haben. Allerdings aber auch dafür mit einem. Küstenstrich, der, gleichsam als ideale Karawanenstraße die Verbindung Mit der Außenwelt in. geradezu unerreichter Weise aufrechtzuerhalten angetan ist. An dieser Küste, in ihrer weiten Ausdehnung, wohnten in uralten Zeiten die Griechen, und in den wichtigsten Plätzen, namentlich in der Hauptstadt, waren die Armenier, die in Anatolien von jeher ihren Wohnsitz hatten, angesiedelt. Gerade als Besiegte der Türkei, als die früheren Herren und dabei doch Tributpflichtigen, als der Gegend Urbewohner und dennoch Unterdrückte schlossen sich diese beiden nationalen Elemente aufs engste unter sich zusammen. Nicht lediglich individualistisch und wie gesonderte Glieder, sondern als zusammengehöriges Ganze sahen sie sich an und lebten und handelten auch danach. Jene charakteristische. Erscheinung beim Juden, „daß er niemals als isoliertes Individuum handelt, sondern stets als Glied der ausgebreitetsten Handelskompagnie in der Welt, da er nur die Judenschaft am rechten Orte elektrisieren darf, um im Augenblick so viele Helfer und Helfershelfer zü haben als er immer braucht", eine Erscheinung, in der Sombart ein so bedeutsames Moment der Eignung der jüdischen Rasse für den Handel erblicken will, finden wir also auch hier beim Griechen und, in vielleicht etwas geringerem Maße, beim Armenier. Hinzu kommen natürlich noch die anderen „jüdischen" Eigenschaften dieser beiden Völkerschaften, ihre hervorragenden geistigen Fähigkeiten, ihr ausdauernder Fleiß, ihr geschmeidiger Sinn, ihre „Zweckbedachtheit und Zielstrebigkeit", um mich mit Sombart auszudrücken. Wobei sich zudem die Griechen, als die autochthonen Küstenbewöhner, ganz besonders für die Schiffahrt und den Seeverkehr'geeigne t erwiesen. *

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