Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-19 · Heft 3 (19.1.1912) · p. Seite 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229019--68117-3280360
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

verbreitetes Pamphlet van Theodor Fritsch, in dem behauptet wird, daß die rabbinischen Schriften' den Juden"Raub,-Mord und Meineid vorschrieben, verfaßt haben. Wir bitten die verehrliche Redaktion, in ihrer geschätzten Zeitung darauf hinzuweisen, daß in diesem Flugblatte die von Theodor Fritsch aufgestellten Behauptungen durchgängig widerlegt und als grobe Irreführungen der öffentlichen Meinung gekennzeichnet werden, daß ferner unser Verein jedem Interessenten das aufklärende Flugblatt in einer beliebigen Anzahl gratis und franko zustellt. . Das Flugblatt des Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens „Antisemitische Wahrhaftigkeit" enthält eine so vernichtende Widerlegung der angeblich aus dem Talmud entnommenen christenfeindlichen Stellen, daß es die allgemeinste Verbreitung verdient. Wir haben in einer der früheren Uebersichten Erklärungen von Nationalliberalen über ihre Stellung zur Juden frage ausgenommen. Heute sind wir durch die Liebenswürdigkeit eines Freundes unseres Blattes in der Lage, zwei Stellen aus dem „Mainzer Journal" Raum zu geben, bedeutsamen und hocherfreulichen Kundgebungen der judenfreundlichen Gesinnung des Zentrums. Der Kandidat Kommerzienrat Molthan führte in einer Versammlung folgendes aus: Er wies mit Entschiedenheit die Angriffe zurück, die jüngst in einer nationalliberalen Versammlung in Mainz gegen das Zentrum in bezug,auf seine Stellung zum Judentum erhoben worden sind. Keine Partei habe für das Judentum soviel getan, als gerade die Zentrumspartei, die es nie dulden werde und durch die Tat bewiesen habe, daß es für keine Ausnahmegesetze gegen irgendeine Konfession zu haben sei. Laute Zustimmung und der anhaltende Beifall der Versammlung zeigten dem Redner, daß er nach dem Wunsche der Anwesenden gesprochen hatte. Sehr wichtig ist auch die Bemerkung des Führers der Zentrumspartei in Hessen, des Herrn Justizrat Dr. Schmitt: Was die Stellung des Zentrums zum Judentum anlangt, so weist Redner ebenfalls mit großer Entschiedenheit die Angriffe des jüdischen Rechtsanwalts in der nationalliberalen Versammlung am Mittwoch zurück. Was das Zentrum für die Juden getan, das möge man aus den Dankschreiben ersehen, die der Zentrumsführer Windthorst von den angesehensten Juden Deutschlands erhalten hat. Jedenfalls werde man dafür sorgen, daß das Judentum im ganzen Wahlkreis über die Tätigkeit der Zentrumspartei für ihre Glaubensgenossen durch ein Flugblatt aufgeklärt werde. * Aus Württemberg wird uns geschrieben: In der letzten Wochenschau wird von dem Erlaß der Kgl. Israelitischen Oberkirchenbehörde in Württemberg betreffs Beteiligung der Rabbiner bei Leichenverbrennungen erwähnt, daß dieser Erlaß jetzt erfolgt sei. Dies stimmt nicht, da derselbe bereits 17 Jahre alt ist und am 27. Mai 1895, Nr. 464, das Licht der Welt erblickte; freilich ohne lichtverbreitend zu wirken. Der verstorbene Geheime Kommerzienrat v. Pflaum war mit einer seiner Urheber, da er Mitglied der Oberkirchenbehörde seit 1876 gewesen ist. *; „ : Aus Rußland kommen wie gewöhnlich betrübende Nachrichten. Die Zeitungen melden aus Warschau: ' Die vom Ministerium des Innern beabsichtigte Registrierung der jüdischen Kausteute, die außerhalb des Ansiedlüngsräyons wohnen; ' hat unter den Beteiligten die größte Unruhe hervorgerufen. Es hat sich bereits ein Komitee gebildet, das in deiner.Denkschrift den Beweis antreten söll< daß eine solche Maßregel den Lodzer Handel, der von den. russischen Märkten abhängig ist und von ihnen unterhalten wird, völlig zu.untergraben geeignet wäre. . ' . . Der ,,Neuen Jüdischen Korrespondenz" wird über eine amtliche Pogromhetze in Kiew folgendes berschtet: , Vergebens haben bereits Hunderte der bekanntesten . russischen Persönlichkeiten gegen die shstematische Verglftung der Volksmassen mit dem Ritualmordmärchen protestiert. Der in Kiew die Untersuchung in Angelegenheit der Ermordung des Knaben Justschinsky führende Untersuchungsrichter Fenenko bemüht sich unausgesetzt, dem Mord das Gepräge einer rituellen Tat zu verleihen. Er hält nicht nur den Juden Beilis, dessen Unschuld erwiesen ist. wochenlang im Gefängnis, er stellt sogar eine Enquete darüber an, in welche Kategorien die Kiewer Synagogen zerfallen, wieviel sogenannte Chassidim, wieviel Misnagdim unter den Juden sind, er kümmert sich um die verschiedenen Differenzierungen unter den Rabbinern usw. Alles offiziell und mit großem .Ernst". Jeder dieser Schritte hat natürlich nur den Zweck, die Phantasie der aufgeregten Volksmassen mit aufreizenden Schreckbildern zu nähren. In der „Nowoje Wremja" hatte dazu ein anonymer „Professor" eine spezielle Ideologie ausgeklügelt, wonach es nicht Ritual-, sondern geheimnisvolle Rachemorde mit 49 Blutabzapfungen gebe, welche die jüdische Raffe in den verschiedenen Jahrhunderten am Stifter der christlichen Religion ausübe. Gerade mitten in dieser immer mehr /sich verdichtenden Pogromstimmung hat soeben das Kiewer Geistlichenkonsistorium die Popen im Gouvernement Kiew angewiesen, sick überall an die Spitze der Filialen des pogromlüsternen Verbandes des russischen Volkes zu .stellen! & Wir geben endlich einem Artikel des „Vorwärts" Raum, weil er die inneren Bewegungen unter den jüdischen Arbeitern Rußlands beleuchtet: Der Kampf der jüdischen Borstenarbeiter im Nordwestgebiet Rußlands hat mit einem vollen Siege geendet. Die Bewegung der jüdischen Borstenarbeiter ist einer der ältesten Zweige der jüdischen Arbeiterbewegung Rußlands. Durch festgefügte Organisation und planmäßigen, unablässigen Kampf ist es den Borftenarbeitern gelungen, dem Unternehmertum bedeutende Zugeständnisse abzuringen, — vor allem (im stürmischen Jahr 1905) den Achtstundentag, Um diesen zu vernichten, sperrten die Unternehmer im Sommer 1909 im ganzen Rayon der Borstenproduktion, mit Ausnahme von Meshiretschje (Gouvernement Sedletz), die Arbeiter aus. Nach mehrmonatlichem Kampf blieb der Achtstundentag bestehen, doch waren die Arbeiter ungeheuer geschwächt, und als im Herbst desselben Jahres die Unternehmer wieder eine Aussperrung erklärten, gelang es ihnen, überall, mit Ausnahme von Meshiretschje, fast ohne auf Widerstand zu stoßen, einen neun- und mancher Orten zehnstündigen Arbeitstag einzuführen. Meshiretschje war den Unternehmern ein Dorn im Auge, und Anfang vorigen Jahres sperrten sie auch dort ihre Arbeiter aus. 17 Wochen lang schwebte das Schreckensgespenst des Hungertodes über 2000 Meshiretschjer Borstenarbeitern (meistens Familienväter), sie hielten es aber aus und die Fabrikanten mußten nachgeben. Unterdessen rüsteten die Arbeiter in den Städten des Borftenrayons, wo die Arbeitszeit Ende 1909 verlängert wurde, zum Kampf, und bald nach Beendigung der Meshiretschjer Aussperrung traten sie in den Streik zur Wiederherstellung des Achtstundentages. Es ständen nun die Borstenarbeiter der Gouvernements Witebsk, Kowno, Minsk und Suwalki in verzweifeltem Kampf mit den Scharfmachern der Borstenindustrie. Rechnet man die Angehörigen der Arbeiter hinzu, so sind es über 3000 Menschen, die drei Monate lang dem Hunger und Elend preisgegeben waren. Für die Klassenerziehung des jüdischen Proletariats ist von besonderem Interesse die Tatsache, daß die Fabrikanten, die ebenfalls alle Juden sind> sich Streikbrecher aus dem Gesindel der Schwarzen Hunderte aus den inneren Gouvernements herbeischaffen ließen. Zum Kampf gegen die jüdische organisierte Arbeiterschaft sind dem jüdischen Unternehmertum Pogrombanditen (!) gut genug. Selbstverständlich war auch die Polizei dabei, den Fabrikanten Aushilfe zu Leisten. Auf direkte Anweisung einiger Fabrikanten wurden in mehreren Städten Verhaftungen und Ausweisungen per Etappevorgenommen. Ein alter Arbeiter, der die Strapazen der Etappe nicht ertragen konnte, starb im Gefängnis.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.