Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ladung nntzüteilen' und -bei dieser Schädigung in'seinem Erwerbsleben, m feiner Mt ' und vielleicht auch in sein er Gesundheit atizugeben, warum' man ihn aus seiner Tätigkeit zieht? . ' ' ' , ' Sollte das ganze Verfahren aber wie ich vermute, dem .Gesetz entsprechenso ist das Gesetz schlecht. Denn man komme nicht damit, diese Vorschrift sei weise, damit der Zeuge, wenn er schon, vorher wisse, welches Zeugnis von ihm verlangt sei, sich nicht beeinflussen lassen könne-; dem müßte entgegengehalten werden, daß ein jeder über Vorgänge, die viele Monate zurückliegen, doch nicht bloß im Vertrauen auf sein Gedächtnis berichten kann, sondern ein besseres Zeugnis ablegen könnte, wenn er sein Gedächtnis prüfen, vielleicht alte Tage- oder Erinnerungsbucher aufschlagen könnte. Der Wahrheit würde jedenfalls viel besser gedient, wenn ein Zeuge vorher wüßte, worüber er befragt würde, , als wenn diese Fragen Plötzlich unvorbereitet an ihn gerichtet werden, zumal, an der Gerichtsftätte, die doch leicht geeignet ist,, auf schüchterne, leicht erregbare Menschen einen störenden Eindruck zu machen. Als ich von dem Gericht nach Hause ging, war ich über die Sache genau so unklar wie vorher. Im allgemeinen lese ich Gerichtsverhandlungen nicht, diesmal machte ich eine Ausnahme, um doch wenigstens zu erfahren, um was es sich handelte. Ich lasse den Zeitungsbericht hier folgen. „Ein Märtyrer von Hardens Gnaden" war ein Artikel des „Generalanzeigers für die gesamten.Interessen des Judentums" überschrieben, der sich gegen den früheren Bibliothekar der Berliner jüdischen Gemeinde Dr. Jakob Fromer richtete und diesem zu einer Privatklage gegen den Herausgeber des Generalanzeigers Dr. Julius Moses und den verantwortlichen Redakteur der genannten Zeitung Pietzok Veranlassung gegeben hatte. Die Privatklage wurde vor der -149. Abteilung des Schöffengerichts Berlin-Mitte verhandelt. Von dem Angeklagten ist Widerklage erhoben worden. Der Privatkläger war früher Bibliothekar der jüdischen Gemeinde. Er war aus seinem Amte entlassen worden, nachdem bekannt geworden war, daß er der Verfasser eines in der „Zukunft" erschienenen Artikels „Die Zukunft des Judentums" war, den er unter .einem Pseudonym veröffentlicht hatte. In dem Artikel war. die Massentaufe der Juden empfohlen worden. Dr. Fromer hatte dann gegen die jüdische Gemeinde wegen seines Gehalts geklagt, ist aber in allen Instanzen abgewiesen worden. .Es hat sich daran eine heftige Fehde gegen den Privatkläger geschlossen, die schließlich dem Dr. Fromer Veranlassung gab, in der. „Zukunft" einen Artikel unter der Ueberschrift „Meine Fehme" zu veröffentlichen und darin seine Affäre mit der jüdischen Gemeinde aufzurollen. Als Antwort darauf ist der jetzt unter Anklage gestellte Artikel „Ein Märtyrer von Hardens Gnaden" zu betrachten. Der Artikel enthält Beleidigungen des Dr. Fromer durch Ausführungen, in denen die sittliche und wissenschaftliche Persönlichkeit des Privatklägers herabgezogen wird. Rach kurzer Beratung verurteilte das Gericht den Angeklagten Dr. Moses, dem es an sich den Schutz des § 193; zusprach, wegen Beleidigung - zu 150 Mark Geldstrafe eventl. 30 Tagen Gefängnis, sprach dagegen den Widerbeklagten Dr. Fromer frei. Letzterem wurde die Befugnis zur Urteilspublikation im „Berl. Tageblatt" zugesprochen. Die Klage gegen Pietzok war zurückgezogen worden, da dieser erklärte, er hätte keine Ahnung von dem Inhalt des Artikels gehabt; er habe im übrigen als Katholik (!) für das Judentum keine Interesse. Ueber die Sache selbst will ich hier nicht weiter handeln. Ich will auch nicht, wie antisemitische Blätter dies mit Belagen getan haben, bei der drastischen Szene verweilen; in der der katholische Redakteur eines jüdischen Blattes seine Unwissenheit und seine Interesselosigkeit an der Angelegenheit bekennt. Ich wollte nur an dieser Stelle protestieren gegen :t>ie Belästigung, die mir und änderen durch diese Ladung zuteil geworden ist. Die Woche. Berlin, den 16. Januar 1912. ie Wahlen zum Reichstage haben am 12. stattgefunden. Von einer Zertrümmerung des schwarzblauen Blocks kann kaum eine Rede sein. Wenigstens das Zentrum geht ungeschwächt aus der Wahl hervor; wieviel die Konservativen erretten, läßt sich vor der Stichwahl nicht sagen. Die Wirtschaftliche Vereinigung, die verschämten und nicht verschämten Antisemiten, scheint geschlagen zu sein. Von den 21 Wahlkreisen über die sie im vorigen Reichstag verfügten, sind den Antisemiten am Freitag gleich im ersten Wahlgang acht : Meißen, Holzminden, Weimar, Pirna, Goslar, Kassel, Wanzleben, Böblingen verlorengegangen. In elf Wahlkreisen stehen sie zur Stichwahl: in Arnswalde mit den Konservativen, in Alsfeld, Wetzlar und Dillkreis mit den Nationalliberalen, in Bautzen, Hersseld, Gießen, Rinteln, Eschwege mit den Sozialdemokraten, in Fritzlar mit dem Bauernbund und in Backnang mit der Fortschrittlichen Vylkspartei. Nur zwei Wahlkreise hat die Wirtschaftliche Vereinigung behauptet, Homburg und Crailsheim, und Siegen zurückerobert. Außerdem steht sie nur in drei Wahlkreisen noch zur Stichwahl: in Waldeck uyd in Altena-Iserlohn mit der Fortschrittlichen Volkspartci und in Bensheim mit den Sozialdemokraten. Derart bös, wie für die Antisemiten ist das Wahlergebnis für keine andere Partei. Es ist deshalb begreiflich, daß für diese Niederlage wieder die Juden verantwortlich gemacht werden. Besonders die „Kreuzzeitung" unternimmt das in schnödester Weise. . Wie sehr sich die Zeiten ändern, lehrt uns folgende dankenswerte Zuschrift aus Neustettin: „Im Wahlkreise Neustettin, der einstigen Hockiburg der Antisemiten — von 8426 Stimmen erhielt bei der Nachwahl 1894 der Antisemit Förster 6518, 1903 zählte man noch 4610 und 1907 1948 antisemitische Stimmen — brachte es bei der jetzigen Reichstagswahl der antisemitische Kandidat auf ganze 29 Stimmen. Interessant war, daß selbst das konservative Parteiorgan vor dem früheren Verbündeten warnte und ihn als Radauantisemiten ä ia Bruhn und Ahlwardt bezeichnete." Leider sind auch die Freisinnigen aller Schattierungen bisher fast nirgends Sieger gewesen. Sie Haben 27 ihrer Sitze verloren; sie stehen: Nationalliberale und Fortschrittliche Volkspartei in 118 Stichwahlen; wie diese ausfallen, kann man jetzt unmöglich schon entscheiden. Wirklich siegreich sind nur die Sozialdemokraten gewesen. Sie verfügen bereits jetzt über 64 Sitze (weit mehr als bei der Wahl von 1907), sie kommen in 120 Bezirken zur Stichwahl, und es ist höchst wahrscheinlich, daß sie als die numerisch stärkste Partei dem neuen Reichstag seine Signatur geben werden. Ein sicheres Resultat läßt sich vielleicht in acht Tagen geben, <$• Der Wahlkampf hat natürlich häßliche Blüten getrieben. Zahllose Angriffe sind gegen Juden und Judentum gerichtet worden. So wird uns die „Flatower Zeitung" zugeschickt mit einer Erklärung des sattsam bekannten Herrn Karl Sedlatzek, der sich seiner deutschen Treue rühmt und un^xr seinen Verdiensten seine durch die Juden herbeigeführten Verurteilungen, aufzählt, unter anderem eine wegen Beleidigung der Majestät des Judentums. Von dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erhalten wir (leider verspätet) folgende Zuschrift: Wir beehren uns in der Anlage ein Flugblatt zu übersendest, das wir auf ein in vielen Hunderttausenden von Exemplaren