Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Silberstein, der nicht wußte, worauf das alles, hinaus sollte,-machte wieder eine stumme abwehrende Bewegung. ' . „Ja, ja," fuhr der Oberst fort, „sogar darüber, daß Sie sich durch nichts von der Erfüllung Ihrer religiösen Pflichten abhalten lassen, habe.ich mich recht gefreut, und Ihre Sabbatfeier hatte für mich etwas Rührendes. Ich werde Sie bitten, mir, wenn es angängig ist, gelegentlich zu gestalten, an Ihrer Freitag-Abend-Feier, die ich nur durch das Fenster im Vorübergehen habe erlauschen können, ein Viertelstündchen teil- Nehmen zu dürfen." '■■v „Es wird uns eine große Ehre sein. Herr Oberst brauchen nur zu bestimmen, wann es.Ihnen paßt." „Es dürfen also Christen dabei sein?" „Aber ganz gewiß", erwiderte Silberslein, der sich eines Lächelns nicht erwehren konnte über die sonderbaren Vorstellungen und Reden des Obersten. „Nun aber will ich auch auf die Angelegenheit kommen, deretwegen ich Sie zu mir habe bitten lassen. Da habe ich gestern aus Berlin die amtliche Mitteilung erhalten, von der russischen Regierung sei eine Beschwerde beim Ministerium des Auswärtigen eingegangen, daß nach wie vor Proviant- Munition und Waffen über die Grenze kämen. Alle Ermittlungen hätten ergeben, daß ganz besonders, wenn nicht gär ausschließlich, von hier aus die Lieferungen erfolgen. Ich bin ermächtigt worden, den Belagerungszustand über die Stadt zu verhängen, da meine früheren Verbote, Waffen und Munition .aufzubewahren und den Insurgenten zu liefern, trotz der angedrohten Strafen so wenig Erfolg gehabt haben. Sie wissen,, daß unter dem Belagerungszustand die Entdeckung von Zuwiderhandlungengegen die militärischen Anordnungen für die Betreffenden die ernstesten Folgen hat. Ich werde heute mittag den Belagerungszustand verhängen müssen, da unsere Regierung nachdrücklichst auf Verhinderung der Zufuhr durch uns besteht. Es wäre mir nun lieb, Herr Silberstein, wenn Sie mit Ihrer Orts- und Personenkenntnis mir behilflich fern könnten, diejenigen ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen, die etwa die Insurgenten mit Kriegskonterbande versehen. Wissen Sie vielleicht jemand?" „Ich weiß niemand", erklärte Silberstein. ■ „Und könnten Sie nicht", fragte der Oberst weiter, „vielleicht etwas in Erfahrung bringen? Sie würden nur einen großen Dienst leisten und dürften sich der Dankbarkeit der Regierung versichert halten." ' „Ich müßte dann spionieren und denunzieren, und beides sagt mir nicht zu." „Aber aus Patriotismus — " „Wenn das Vaterland in Gefahr wäre, wenn es sich um einen Aufstand gegen Preußen handelte, würde ich es für meine Pflicht halten, solches Tun nach Möglichkeit zu verhindern und unter gewissen Umständen mich sogar vielleicht auch zur Anzeige. entschließen. Ich kann mich in diesem Augenblick nicht in eine solche Lage versetzen. Aber hier handelt es sich um den Aufstand eines schwer bedrückten Volkes gegen einen fremden als tyrannisch bekannten Staat, da erkenne ich eine Verpflichtung, diesem Staate Spionendienste zu leisten, wirklich nicht an. Aber wie schon gesagt," fuhr Silberstem nach einer kleinen Pause fort, „ich kenne niemand, der die Insurgenten in' verbotener Weise unterstützt. Entschuldigen Sie mich also/ Herr Oberst, wenn ich Ihren Erwartungen nicht entspreche." „So, sch Herr Silberstein", murmelte der Oberst. Dann, als käme ihm plötzlich ein ganz neuer Gedanke,, fragte er laut: L„assen Sie sich etwa durch Rücksichten aus Ihre Glaubensgenossen leiten? Man sagt, die Juden halten so zusammen." „Ich würde unter den obwaltenden Umständen ebensowenig einen Christen denunzieren." ■-■■■ v.-"•'■■■■ „Na, dann nehmen Sie mir nichts übel, Herr Silberstein. Ich werde mich eben auf schärfere Nachforschungen und strenge' Strafen verlassen müssen. Haben Sie Dank auch für Ihre offene Ablehnung." .; Wenige Stunden nach dieser Unterredung wurde der Belagerungszustand über die Stadt verhängt und die Bürgerichaft ernstlichst unter Hinweis auf die verschärften Strafen gewarnt, Kriegskonterbande den polnischen Insurgenten zu liefern oder auch nur äüszubewahren. Zwei Tage später erhielt Silberstein eine Heulieferung, die er für die Pferde der Einquartierung gekauft hatte, und er/ wollte wissen, ob 'er einen Teil und einen wie großen ungefähr für den Bedarf seiner eigenen Pferde zurückzuhalten hätte. Nach seiner Berechnung könnte der Vorrat nicht mehr lange reichen. Er wollte sich bei Stasiu erkundigen, aber dieser war nirgends zu finden. So ging denn Silberstein selbst in die am äußersten Ende des Hofes gelegene Scheune, in welche sonst außer Stasiu, der dort auch schlief, höchst selten jemand kam. ' Silberstein war ganz erstaunt so viel Heu daliegen zu sehen. So groß konnte der Vorrat unmöglich mehr sein. Es siel ihm indessen ein, daß am Ende nicht der ganze gewaltige Häufe, den er da sah, Heu war daß dieses vielleicht nur vorgeschichtet und allerlei Wirtschaftsgegenstände verdeckte. Er nahm eine Heugabel und fuhr mit ihr in den Heuhaufen hinein. 'Alsbald stieß er auf einen harten Gegenstand. Er wiederholte den Versuch an mehreren Stellen, und immer wieder stieß er auf Widerstand. Dieser konnte aber unmöglich so gleichmäßig etwa von Karren, Späten , Harken und sonstigen Geräten, die auf dem Heuboden zu liegen pflegen, herrühren. Neugierig schob er das Heu fort. Jetzt war sein Erstaunen grenzenlos, als er eine ganze Reihe neuer eisenbeschlägener Kisten sah, die nicht ihm gehörten und Stasiu unmöglich gehören konnten. Ueber so viele schöne, neue Kisten konnte der Stallknecht nicht verfügen. Einen Augenblick dachte er daran, sie könnten der Einquartierung gehören. Aber dann hätte er etwas davon wissen müssen. Denn daran, daß Stasiu auf eigene Faust den verhaßten Deutschen einen Gefallen getan Und ihnen zuliebe deren Sachen mit so großer Sorgfalt verborgen haben sollte, war bei dessen ausgesprochenem Deutschenhaß nicht zu denken. Um seinen Zweifeln ein Ende zu machen, entschloß sich Silberstein, einen Kasten zu öffnen. Als ihm das, nicht ohne große Anstrengung, gelungen war, wäre er vor Schreck fast um gefallen. Denn in d em Kasten und ebenso in allen anderen, die er jetzt mit größerer Leichtigkeit öffnen konnte, lagen Revolver, Dolche, Gewehrteile, Patronen, kurz Kriegskonterbande, die auszubewahren eben erst von neuem bei schwerer' Strafe verboten war. Unter seinen eigenen Augen, unter den Augen des Obersten, da, wo sie am wenigsten gesucht worden wäre, da, wo sie am meisten die preußische Regierung kompromittieren müßte, wenn etwa ein russischer Spion die Entdeckung gemacht oder , von ihr erfahren hätte, das war für Silberstein zuviel. Vor lauter Entsetzen über die Folgen erholte er sich schnell von seinem ersten Schreck, und er überlegte, was er zu tun habe. Zunächst mußte natürlich Stasiu befragt werden. Er nur konnte, ja mußte wissen, wie die Kisten und Kasten in die Scheune kamen. (Fortsetzung folgt.)