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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-12 · Heft 2 (12.1.1912) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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23 Literarilchr Mitteilungen. — Spanier, M. Die Bedeutung der Bibel für die religiössittliche Bildung der Jugend. Hamburg, M. Leßmann, 1911. 23 S. . In diesem auf dem Lehrerverbandstage in Frankfurt a. M. gehaltenen Vortrage führt der Verfasser aus, daß für uns „im Ringen der Menschheit nach Lösung der religiösen Probleme die Bibel den festen Boden" bilden muß. Sie muß im Mittelpunkt des jüdischen Religionsunterrichtes stehen. Diese Forderung rechtfertigt zunächst die ästhetische Form der Bibel, in der alle Arten der Poesie nebeneinander anzutreffen sind. Sodann ihr ethischer Gehalt; das sittliche Ziel, das die Bibel anstrebt, ist die Verbrüderung der Menschheit, den Höhepunkt der Sittlichkeit zeigt die Bibel im Gebote Her-Nächstenliebe an. Jeder Teil der heiligen Schrift hat seinen besonderen wertvollen Inhalt ein jeder kann für einen anderen Zweig der religiösen und sittlichen Unterweisung von Bedeutung sein. Diese positiven Aufstellungen belegt der Verfasser durch zahlreiche Urteile hervorragender Gelehrter und Schulmänner. Er benutzt aber auch den Vortrag, um die Einwendungen, die gegen die Bibel erhoben werden, zurückzuweisen. Insbesondere was viele christliche Theologen über die alttestamentliche Siltenlehre vortragen, wird als Zerrbild und Produkt der Unkenntnis nachgewiesen. Ebenso weist der Verfasser die neueren Bestrebungen' die Bibel aus dem Religionsunterrichte zu verdrängen, wögen sie deutsch - nationalistischen oder religionsgeschichtlichen Anschauungen entspringen, als verkehrt und'schädlich zurück. Die kritische Betrachtung der Bibel will er nicht aüsschließen, aber dev Lehrer soll bestrebt sein, mehr als Kritik positive Belehrung zu geben. Der sehr inhaltsreiche, gedankenvolle und schön-stilisierte Vortrag kann nur aufs wärmste empfohlen werden; insbesondere sollten Lehrer und Erzieher sich ihn nicht entgehen lassen, auch für die Literaturvereine bietet er einen sehr geeigneten Stoff. I. El bogen. <3r --- Erinnerungen aus dem Leben einer 95jährigen. Von Hedwig v. Bismarck. Halle a. S., 1910. Richard Mühlmanns Verlag (Max Große). Wieder ein Buch, das zwar nichts mit Juden und Judentum gemein hat, und doch ein Frauenbuch bester Güte, das verdient, von der deutschen Frauenwelt jüdischen Glaubens gelesen und beherzigt zu werden. Das hochkonservative, hochprotestantische märkische Edelfräulein, die Cousine des eisernen Kanzlers ist'für die gesamte Frauenwelt ein leuchtendes Vorbild treuer Pflichterfüllung und Opfersähigkeit. Die Liebe und Treue, die sie einst gesät, erntet sie in überreichem Maß von den Enkeln und Urenkeln derer, denen sie diese einst erwies. Die Greisin entrollt vor uns fast ein Jahrhundert der Geschichte Preußens und der Entwicklung Berlins, mid wir begleiten sie mit eger Anteilnahme auf ihrem reichgesegneten Lebensweg. Zwei Reminiszenzen muten uns Juden ganz besonders sympathisch an. In seiner wundervollen Dichtung „Juda"^ ruft der Freiherr Börries von Münchhausen den Bekennern des Judentums zu: „Zurück zur Schönheit einst gesungener Psalmen". Das Vorwort zu diesem ungemein reizvollen Büch schließt: „So klingt ihr Leben aus in dem Wort des Psalmisten: „Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen die Ehre." Von einem Aufenthalt in Berlin 1822 erzählt Hedwig v. Bismarck: „Die einförmigen Fahrten in den Tiergarten führten regelmäßig an den Zelten vorüber. Der Weg bot nicht ein so schönes Bild wie jetzt. Fast von Bäumen versteckt, in der Straße, die heute noch „in den Zelten", heißt, obwohl die Zelte längst in steinerne Prachthäuser verwandelt sind, hatte Madame Beer ihr gast-.- freies Haus. Besonders wenn die beiden geistvollen Söhne: Meherbeer, der Komponist, und Michael Beer, der Dichter, anwesend waren, begegnete man, wie man mir später erzählt hat, in diesem Hause allen gefeierten Persönlichkeiten der Zeit." ' Das Buch ist kulturhistorisch außerordentlich wertvoll. Regina Neißer. Z Einst an dieser Stelle eingehend, gewürdigt. — Des Königs Erziehung. Eine halb spaßhafte Geschichte von Wilhelm Hegeler. Mit Zeichnungen von Arpad Schmidhammer. Holbein -Verlag, Stuttgart. Halb spaßhaft ist die Geschichte,, weil sie.unter dem Humor den tiefsten Ernst verbirgt. Es ist eine Erzählung, bei deren Lektüre man oft lächelt, nicht selten laut lacht, und die man doch mit dem ernstesten Gefühl an8 der Hand legt. Ein guter, hochbegabter König, der von seinen Schmeichlern als. ein Gott in seiner wissenschaftlichen künstlerischen und rednerischen Begabung gefeiert, aber zugleich in tiefster Unwissenheit über die wirklichen Verhältnisse des Landes gehalten wird, liest zufällig ein Oppositionsblatt und läßt sich den Redakteur dieses Blattes kommen. Durch feine Reden erleuchtet, beschließt er. seinem Thron zeitweilig zu entsagen und einen Schauspieler Pogesar der ihm sprechend ähnlich ist, an seiner Stelle regieren zu lassen (ein Motiv; auf das möglicherweise Achim v. Arnims Erzählung: Fürst Ganzgott und Sänger Halbgott mit eingewirkt hat). Der König lernt nun, da er sich unter das Volk mischt (also in ähnlicher Weise wie Harun al Raschid in „Tausend und einer Nacht"), die wirklichen Zustände kennen. Er hört, da er eben für jenen Schauspieler/gehalten wird, seine vertrauten Ratgeber über sich sprechen, und zwar nicht immer in der angenehmsten Weise, ergründet das Wesen der Adligen, der Schlotbarone, der wackeren und heuchlerischen Priester., der vortrefflichen und der pflichtvergessenen Lehrer, der Strolche und Räuber. Endlich lebt er eine Zeitlang als Bergarbeiter. wird wegen des Eintretens für einen angeklagten Genossen. wobei er die schweren Mängel der Justizpflege mitanzuschauen Veranlassung hatgefangen, gesetzt und befreit sich durch ein Instrument, dessen Wirksamkeit der Räuber, in dessen Gesellschaft er eine Zeitlang gelebt hat, ihn gelehrt hat. Nach einiger Mühe — denn der Schauspieler gibt sehr ungern seinen Posten wieder auf — gelangt er zur Herrschaft, die er nun als ein wirklich weiser Regent ausübt. Die Geschichte ist prachtvoll erzählt, mit vielfachen Anspielungen auf die neuesten Ereignisse und auf manche uns recht naheliegenden Zuständen und trotz vieler Unwahrscheinlichkeiten so, daß sie aus dem Glaubhaften nicht geradezu herausspringt. Ich würde mich nicht scheuen, dies ausgezeichnet geschriebene und höchst amüsante Buch meinen Lesern zu empfehlen, selbst wenn es gar nichts von Juden enthielte. Aber gelegentlich (S. 72ff.)' geht der Verfasser auch ans das Vorurteil ein, Juden ihres Glaubens wegen nicht zu Offizieren zu befördern. Daß er dieses Vorurteil bekämpft, ist bei einem freien Geiste wie Hegeler selbstverständlich. L. G. , H — Von anderen und mir. Erinnerungen aller Art von Helene v. Rakowitza (Frau v. Schewitsch) mit zwei Bildern in Lichtdruck. Berlin. Verlag von Gebr. Paetel, 1909. Ich erhielt das Buch schon vor vielen Monaten, scheute mich aber es zu lesen, weil ich gar zu viel Skandalosa darin 311 finden befürchtete. Beim Lesen wurden jedoch alle Befürchtungen zerstreut, Das Buch der hochbegabten und schicksalsreichen Verfasserin, die unterdessen ihr Leben geendet, ist von allerhöchstem Interesse, an äußeren Ereignissen und psychologischen Entwicklungen gleichermaßen reich. Für unsere Leser besitzt es eine große Wichtigkeit dadurch, daß Helene v. Dönniges-Rakowitza-Schewitsch von einer jüdischen Mutter geboren wurde, vielfach in Berliner jüdischen Kreisen verkehrte, durch ihre Beziehungen zu Ferdinand Lassalle berühmt wurde und als Gattin Siegwart Friedmanns gleichfalls in einem jüdischen Milieu lebte. Ob alles, was die temperamentvolle, leidenschaftliche Frau berichtet, ans Wahrheit beruht, steht bahin. Jedenfalls hat man häufig das Gefühl, daß sie die Wahrheit ungeschminkt sagen will, denn sie schont sich selbst keineswegs. Das Verhältnis zu Lassalle, das sie schon vor Jahrzehnten in ihrem Buche „Meine Beziehungen zu Lassalle" auseinandergesetzt, ist von allergrößtem Interesse. Aber außerdem entrollt das Werk ein so farbenprächtiges Bild von ihrem Aufenthalt in Deutschland (Berlin, München), Italien, Amerika, England und Rußland und führt so viele bedeutende Menschen in eigenartiger Schilderung vor, daß man es mit dem allergrößten Vergnügen liest. Von den bedeutenden Künstlern, Politikern, Philosophen und Männern und ' Frauen aus den

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