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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-12 · Heft 2 (12.1.1912) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
Seite 19 (sequence 7)
Language
German
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beginnen wir der Bequemlichkeit und Übersichtlichkeit halber unseren Rundgang von dem entgegengesetzten Eingang zur Ausstellung, der sich am Rande des alten, früher Villa Borghese, jetzt Umberto Primo benannten Parks befindet. Wahrend uns in dem kleinen, aber seinem Inhalte nach, wertvollen belgischen Pavillon nur die Marmorbüste eines Herrn Montäfiore,. von dem christlichen Künstler Thomas Vintzvlte, durch ihren sympathisch jüdischen Typus auffällt, bietet naturgemäß der benachbarte russische eine sehr reiche Ausbeute. Sofort ist da eine Beobachtung zu machen: In den meisten Ländern treten die jüdischen- Bildhauer den Malern gegenüber an Zahl und an Bedeutung zurück; im russischen Pavillon ist dagegen das Umgekehrte der Fall. Man möchte dies dem Umstande zuschreiben, daß den jüdischen Talenten in den kleinen Orten Rußlands die Gelegenheit fehlt, sich an farbigen Kunstwerken zu bilden, wodurch ihr Kunsttrieb mehr auf die Betätigung in der Plastik gedrängt wird. Oder sollte es einem Zufall zu verdanken sein, daß von den 13 russischen Bildhauern, deren Arbeiten von der gewiß nicht übermäßig judenfreundlich gesinnten Annahmekommission der russischen Abteilung einverleibt wurden, nicht weniger als vier, also ein Drittel, jüdischen Ursprungs sind nämlich Leopold Bernstamm, Lew Sinayeff- Vernstein, Jtia Günzbourg und Henri Glitcenstein. Schon die Namen der beiden zuletzt genannten Künstler würden genügen, um von der Erstklassigkeit des Gebotenen überztzügt zu sein. Glitcensteins „Polyxena", ein Weib, dessen starr in die Ferne schweifender Blick sagt, daß es sich für eine große Idee opfert, ist auch wegen des verwendeten Materials bemerkenswert. Es ist zum größten Teil Bronze; doch ist das rechte Knie mit einem schwarzen, weiß gesprenkelten Marmorüberwurf bedeckt. Einen starken Gegensatz dazu bildet desselben Künstlers Werk „Das Leben", ein Mädchen in der ersten Jugeudfrische, welches ein hüpfendes Böcklein an der Hand hält. Jlia Günzbourg bietet außer der fein in patiniertem Gips geformten Totenmaske seines großen Meisters/ Antokolskis, des bedeutendsten jüdischen Bildhauers, den Rußland hervorgebracht, eine sitzende Kolofsalstaiue Tolstois. Leopold Vernstamm gibt in Gips wie in Bronze die Gesichtszüge der von ihm dargestellten Persönlichkeiten (Marcelin Berthelot, Gustave Flaubert, Louis Meriot) überaus scharf markiert wieder; dagegen zeigt Lew Sinayeff-Bernstein größere Abwechslung in seinem Stil: Der Bronzekopf: einer alten Frau, an welchem naturalistisch jede einzelne Furchewiedergegeben, Wohl die beste seiner ausgestellten Arbeiten; das liegende junge Weib in Marmor, der ermüdete Erdarbeiter in Bronze und die Medaillen scheinen nicht von ein und derselben Künstlerhand gefertigt. . ' Oberrabbiner Dr. Hosen Iacobi in Agram. Auf malerischem Gebiet arbeitet ganz eigenartig .Leonid Pasternak. In Tempera gibt er das Porträt einer älteren Dame in weißem Kleid, wogegen, sich das schwarze Dachshündchen aus dem Fußboden sowie das reizende Interieur gut abheben. In stumpfer Manier gehaltene ist das nicht minder anheimelnde Pastell: . Ein ■ Knabe, der aus der Schüssel ißt, während Mutter und Schwester ihm zuschauen. Noch besser wird manchem Fachmann vielleicht die Serie der flott hingeworfenen-Zeichnungen gefallen, welche gleichfalls Szenen aus dem Kinderleben zum Vorwurf haben. Recht viel hineingeheimnißt, wie . ... sich Altmeister Goethe ausdrücken würde, hat in sein einziges hier ausgestelltes Bild,. das er „Tenor anüquus " - betitelt,. Lew Bakst: Eine, im wunderbaren Blau schimmernde phantastische Landschaft, im Vordergrund eine orientalische Statue, wohl auf eine zerstörte Kultur hin-- deutend. Isaak Brodski ist , mit:, zwei überaus anmutenden Gemälden vertreten.. In wohldurchdachter Per- - spektive zeigt er dem Beschauer einen im Herbstschmuck prangenden Wald, hinter dessen Laube ein Holzhaus und ein See durchschimmert. Aus dem anderen Bilde, das im Katalog irrtümlich „Die. Zweige" betitelt ist, statt des wahren Namens,, in welchem der Zensor vielleicht eine Anspielung auf die russische Bureaukratie erblickte, ist eine Schafherde sichtbar, die an einem Bache lagert; dahinter in weiter. Ferne schneebedeckte Berggipfel. Indem wir von diesemPavillon.Abschied nehmender, wie wenige andere die Bedeutung der Juden für das. moderne Kunstleben hervortreten läßt, gedenken wir noch der eigentümlichen Darstellung, welche der in Paris lebenden Künstlerin Jda Rubinstein durch Valentin Serow zuteil ge-, worden. Sie erscheint karikiert wie ein aus dem Grabe heraussteigendes Skelett! Beim Heraustreten aus dieser der Kunst Osteuropas geweihten Stätte wohnen wir (es ist ein herrlicher Augustnachmittag) einem das im Heimatlande der eben besprochenen Schauspiel bei, .. Künstler trotz Ben Akiba wohl noch nicht dagewesen. Wir. sehen, wie einer der Besieger der Russen, der japanische Admiral Schimamura, dessen Kriegsschiffe gerade im Hafen von Civitavecchia vor Anker liegen, von einem jüdischen Bürgermeister der Hauptstadt, Ernesto Nathan, durch die Ausstellung geführt wird. Wollte man malitiös sein, so könnte man die Tatsache hervorheben, daß die Hängekommission des österreichischen Pavillons fast alle Arbeiten jüdischer Künstler einem und demselben Saal, nämlich Nr. III, einverleibt hat. Wir sind dagegen weit, entfernt, hierin Absicht zu sehen, sondern im Gegenteil über diese Erleichterung unseres Rundgangs erfreut. Eines der wenigen Werke, welche ein modern jüdisches Motiv behandeln, ist Isidor Kaufmanns

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