Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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fl i bestehende Gemeinde init samt dem Rabbiner und den Schächtern nach Konstantinopel, wo ihnen seitens der Behörden ein herzlicher Empfang bereitet wurde. Durch Jrade des Sultans erhielt der Rabbiner den Titel eines Chachambaschi der Aschkenasim verliehen. In Stambul wurde ferner ein ganz großer Chan hergerichtet, in welchem sämtliche Gemeindefamilien Unterkunft fanden. Außerdem wurde jedem Hausstand, je nach der Zahl seiner Mitglieder, von der Regierung eine Pension ausgesetzt. Leider war auch hier der Müßiggang aller Laster Anfang. Indem die Leute nichts zu tun brauchten, wurden sie faul, schlecht und neigten zu Intrigen. Die Zahl der Verstorbenen verschwiegen sie, .die Zahl der Geburten wurde von ihnen falsch angegeben. Dabei denunzierte der eine den anderen bei derlei Schwindeleien — aus Brotneid. Es setzte ferner ein Streit mit dem Rabbiner, ein, der kein Ende nehmen wollte. Als aber dann gar die Gemeinde den ihr von der Regierung geschenkten Friedhof verkaufte, entzog diese ihr schließlich jedes weitere Wohlwollen und Interesse. In einer gewissen, allerdings etwas eigentümlichen Beziehung zum Krimkrieg steht gleichfalls die Erweiterung der Aschkenasim-Kolonie in Konstantinopel durch die Zuwanderung jüdischer Schneider. Der Pariser Vertrag von 1856, durch den ja auch die Türkei in die europäische Staatengemeinschaft ausgenommen wurde, hatte im Reiche des Halbmonds starke Modernitätsambitionen gezeitigt. Wirkliche Europäer wollten jetzt die Türken werden. Und gemäß dem Spruche „Kleider machen Leute" war nun ihre erste Sorge, sich möglichst nach den neuesten Wiener oder Pariser Moden zu kostümieren. Konstantinopel war für Gevatter Schneider das Dorado geworden, und viele Kleiderkünstler, namentlich aus Oesterreich, eilten dahin. Ihre Zahl war so groß, daß sie sich bald sogar zil einer besonderen Gemeinde zusammenschließen konnten. Noch heute bilden die Schneider das größte Kontingent der jüdischen Handwerker Konstantinopels. Ein Teil freilich ist von ihnen mittlerweile zum rein kaufmännischen Betriebe übergegangen, so daß auch das Konfektionsgeschäft zum größten Teil in jüdischen Händen liegt. Die Entwicklung Konstantinopels zur modernen Stadt, namentlich die damit verbundene Zunahme des Fremdenverkehrs mit seinem ausschweifenden Nachtleben und seinen schwelgerischen Sinnengenüsien. hatte noch eine andere Kategorie aschkenasischer Juden in die türkische Residenzstadt gelockt: die Mädchenhändler. Auch sie haben sich zu einer besonderen Gemeinde organisiert. 92 Mitglieder zählte ich in ihrer Synagoge, deren Vorstand ein Veteran der Zunft ist. Wir werden von diesem „Erwerb" hier natürlich völlig ' absehen. Er ist eine traurige Erscheinung und ein Schandmal für das Judentum. Es hieße somit jede anständige Arbeit beleidigen, sie in solchem Zusammenhänge auch nur zu erwähnen . .. 'So erweist sich das Tätigkeitsfeld der Konstantin opeler Aschkenasim letzten Endes als ein durchaus begrenztes: viele Handwerker, vorwiegend Schneider, von denen sich einige zu Konfektionären emporgeschwungen haben, ferner sehr wenige Kaufleute, in der Hauptsache Kommissionäre,/ die namentlich mit den deutschsprachigen Ländern die Geschäfte vermitteln. Vielleicht wäre noch zu erwähnen, daß die zahlreich vorhandenen Fremdenführer sich meistenteils aus aschkenasischen Juden rekrutieren. - Dabei bilden die Aschkenasim, wirtschaftlich betrachtet, die Elite der Judenheit Konstantinopels. Nehmen wir jene geringe Schar von Sephardim, die es als kleine Bankiers oder durch langjährige Geschäftsverbindung mit der Regierung zu einigem Wohlstand gebracht haben, aus, so ist, was übrig bleibt, nicht viel besser denn elendes Proletariat. Zündholzverkäufer, Stiefelputzer, Hausierer, Trödler, Bettler, das waren bis voretwa 50 Jahren die Spaniolen fast ausschließlich in ihrer Berufstätigkeit. Erft von den eingewanderten aschkenasischen Juden lernten sie, sich auch dem Handwerk zuzuwenden. Ein Teil versuchte es außerdem noch mit dem Geschäft, ist jedoch, abgesehen von einigen wenigen, an sich recht ansehnlichen Erfolgen in der Manufaktur-, Papier- und Kurzwarenbranche über den Krämerstand nicht wesentlich hinausgekommen. Freilich gälte es, um hier Boden zu gewinnen, gegen die Positionen der Griechen und Armenier, deren Ueberlegenheit im wirtschaftlichen Kampfe unbestritten ist, vorzugehen. Es ist in der Tat geradezu erstaunlich, mit welcher Kühnheit und Folgerichtigkeit diese beiden Nationalitäten den Handel der türkischen Reichshauptstadt an sich zu reißen gewußt haben, ohne anderen Arbeitskräften, noch Entfaltungsmöglichkeiten, übrigzulassen. Sie haben alles unter sich verteilt oder behaupten gemeinsam das Terrain. Was unmittelbar zu den Lebensbedürfnissen gehört, liegt so gut wie allein in den Händen der Griechen. Alle Branchen, die mehr mittelbar, sozusagen als Errungenschaften der Zivilisation mit dem Leben zu tun haben, gehören fast ausschließlich dem Bereiche der Armenier an, welche die großen Manufakturgeschäfte, die großen Eisen-, Blech- und Zinkgeschäfte sowie alle Geschäfte, die in das Baugewerbe fallen, besitzen. Lediglich der kleine Galanterie-, Kurzwaren- und Kolonialwarenladen ist hier noch dem Juden übriggeblieben. Selbst das reine Geldgeschäft, vom großen Bankier herab bis zum armseligen Geldwechsler, liegt in Konstantinopel hauptsächlich in armenisch-griechischen Händen;' nur kleine jüdische Bankiers gibt es dort und nur sehr wenige Geldwechsler, die Juden sind. Auch die sogenannten Lustmenschen, sonst eine spezifisch jüdische Erscheinung, rekrutieren sich in Konstantinopel fast durchweg aus Griechen. Eine Branche, die etwas ansehnlicherer Natur ist, gibt es freilich im spaniolischen Besitze. Die Antiquitäten- und Teppichhändler Konstantinopels sind ausnahmslos Sephardim. Aber dazu haben sie sich aus dem Hausierer- und Trödlerberuf entwickelt, und als Hausierer und Trödler betreiben sie noch heute gewöhnlich, wie sehr sie auch vereinzelt aus diesem Wege zu ansehnlicher Wohlhabenheit gelangt sind, ihren neuen Geschäftszweig. Der Spleen des Käufers ist ihnen allein maßgebend für die Preisbestimmung des Gegenstandes. „Heute hatte ich hier einen total verrückten Kerl von Engländers" lachte nlir eines Tages der Inhaber eines großen Antiquitätenladens entgegen, „er hat alles bezahlt, was ich von ihm verlangt habe, ohne auch nur zu handeln. Und daß ich ihm recht viel abverlangen konnte, sah ich schon seinem blödsinnigen Interesse an diesem alten Zeug an." Eine gewisse Aenderung zum Besseren läßt sich immerhin in der Lage der Judenheit Konstantinopels bereits bemerken. Seit man angefangen hat, durch eine angemessene Erziehung und namentlichdurch die Ausbildung in der Landessprache die dortige jüdische Jugend zu beeinflussen, ist in dieser Beziehung eine langsame Wandlung eingetreten. Wenn auch die Alliance-Schulen ihre Zöglinge nur mit einem dünnen französischen Firnis versahen, war es doch dabei manchem gelungen, sich als Bank- oder Staatsbeamter eine gute Position zu schaffen. Vielverheißend aber erweist sich nach dieser Richtung vor allem die Tätigkeit des Hilssvereins der deutschen Juden. Gerade weil er in seinem ganzen Vorgehen sich nicht von' schematischen Gesichtspunkten und äußeren Rücksichten, sondern ausschließlich von den örtlichen Bedürfnissen und Bedingungen leiten läßt, ist zu erwarten, daß bei ihm auch der Erfolg nicht ausbleihen wird, die jüdische Jugend