Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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' Me wjrtlchsNiche Lsse der Juden in Lonttsnllnopkl. Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. (Nachdruck verboten.) ii. . , er ursprüngliche Sitz der Konstantrnopeler Judenheit, zum mindesten seit der türkischen Herrschaft, ist das am goldenen Horn gelegene Haskenj. Aus mannigfachen Angaben in der reichhaltigen alten Responsenliteratur, auf die mich der sehr gelehrte und sein gebildete Rabbiner in Konstantinopel, Dr, Markus, aufmerksam machte, läßt sich mit unzweifelhafter . Sicherheit entnehmen,, daß bereits 1483 in diesem Orte eine aschkeaasische Benei-wrank-Gemeinde, die den Namen nach , ihrer Herkunstsstadt Frankfurt führte, anzutreffen war. Ob , die. Gründung der wrankischen Gemeinde mit der von Zarsati eingeleiteten Agitation in einem unmittelbaren Zusammenhänge steht, soll hier nicht näher untersucht werden, wiewohl das zeitliche Zusammentreffen immerhin etwas Auffallendes hat. Noch im vorigen Jahrhundert wohnten in Haskenj die reichsten Juden Konstantinopels, und die bis aus den heutigen .Tag im Orte vorhandenen Schulen und Stiftungen beweisen, - daß dort stets ein jüdisches Kulturzentrum der Reichshauptftadt war. Seitdem aber das Geschästsleben in Konstantinopel ' einen starken Aufschwung genommen hat, begannen die Juden sich auch in anderen Stadtvierteln niederzulassen. Es war dies für sie um so notwendiger, als Konstantinopel, das kein einheitliches Stadtgebilde, sondern nur einen Sammelbegriff von zahllosen am Bosporus, am Marmarameer oder am goldenen Horn gelegenen kleinen Ortschaften darstellt — alles ja geographisch berückend schön, jedoch wirtschaftlich von den größten Schwierigkeiten begleitet — noch immer unter unsäglich traurigen Verkehrsbedingungen zu leiden hat. Von den 80 00.0 Juden, die sich schätzungsweise in der Metropole befinden, leben jetzt annähernd 20 000 in Haskenß 15 000 in Balata, je 10 000 in Haidar-Pascha, Galata, Pera und Ortakenj und 5000 bis 6000 in Kaskandjük. Haskenj und das ihm genau gegenüber am entgegengesetzten Ufer des goldenen Horns gelegene Balata, welches auch das Zweitälteste Judenviertel sein dürste, bilden das jüdische Ghetto Konstantinopels, wennschon nicht geleugnet werden soll, daß Balata mit seiner etwas wohlhabenderen Bevölkerung einen weit weniger unerfreulichen Eindruck macht als Haskenj. „Kinder voll Ausschlag und Schuppen wälzen sich auf der Erde, Männer in langen, schmutzigen Röcken, zerlumpte Tücher um die Köpfe gewickelt, gleiten wie verstohlen an den Mauern entlang; entstellte, ekelhafte, alte Weiber arbeiten mit dürren Händen auf den Schwellen der Häuser neben altem Eisen und . Gerümpel. ' Ausgemergelte Gesichter blicken durch die Fenster, ' Lumpen sind zwischen den Wohnungen ausgehängt, überall ist Kot und Schlamm. Das ist Haskenj, die israelitische Vorstadt, das Ghetto des nördlichen Ufers, welches , noch während des Krimkrieges mit der gegenüberliegenden Wasserseite durch eine hölzerne Brücke verbunden war. . , Und dann durchwanderte ich das weite Ghetto von Balata, das sich, gleich' . einer schmutzigen Schlange, am User des goldenen Horns hinzieht. Ich drang in die elendesten Gaffen, ging zwischen -Häusern, von Schimmel überzogen wie der Rand der . Danteschen Gruftüber Plätze, die ich nur auf Stelzen und mit verstopfter Nase wieder betreten möchte; ich blickte durch Fenster, mit' "Mlhasten Lumpen behängen, in hunkle schmierige Stuben, ich stand an den Türen feuchter Höfe, aus denen ein erstickender Gestank strömte, ich machte mir Platz durch Hausen schmutziger, skrofulöser Kinder und stieß an schreckliche Alte, die wiedererweckte an der Pest Gestorbene zu sein schienen . . Das ist das 'Bild, das uns Edmondo de Amicis in seinem allerdings überschwenglich geschriebenen, das Schöne wie das Häßliche gleich stark übertreibenden Buch über Konstantinopel vom Judenghetto entwirft. * Erheblich besser hingegen ist der Eindruck in den anderen Ortschaften, wo der Unterschied zwischen der griechischen, armenischen und jüdischen Bevölkerung äußerlich kaum weiter auffällt; namentlich ist das in Galata und Pera, den beiden, eigentlichen Geschästsvierteln der Residenz, der Fall, wo die dort ansässigen Juden zum großen Teil Handel treiben und es wirtschaftlich relativ am weitesten gebracht haben. Galata und^ Pera bilden im wesentlichen auch allein den Sitz der Asch.kenasim, und es scheint mir hier am Platze einiges über ihre Ansiedlung in Konstantinopel zu sagen. Bon, der wrankischen sowie.einer sonstigen aschkenasischen Gemeinde ist in Haskenj im Verlauf der Zeit nichts übriggeblieben. Sie mag sich wohl unter den Sephardim aufgelöst haben, oder aber ihre Mitglieder sind, was ich für wahrscheinlicher halte, nach anderen Gegenden verzogen. Daß nicht eine dauernde Zuwanderung stattgefunden hat, zeugt vom gesunden nüchternen Erwerbssinn der Leute, der nicht gleich in jeder Möglichkeit schon eine Wirklichkeit erblickt und der sie auch schließlich dahin gebracht hat, in ihrer Heimat einen so gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung zu nehmen. Erst als im Anfang des vorigen Jahrhunderts unter den europäischen Juden ein starkes Streben nach Palästina eingesetzt hatte, war es dazu gekommen, daß manch einer, insbesondere aus Rußland, auf der Durchfahrt nach dem heiligen Lande, sei es weil ihm die Mittel oder die Kraft zur Weiterreise gefehlt hatten, sei es infolge allerlei anderer Gründe, in Konstantinopel zurückgeblieben ist und dort seinen ständigen Wohnsitz aufgeschlagen hat. Immerhin waren es nur Vereinzelte, die auf diese Weise sich in der türkischen Reichshauptstadt ansässig gemacht haben. Zu einer gröberen jüdischen Ansiedlung gab indessen der Krimkrieg Veranlassung. Als die am Fuße des Mithridatesberges gelegene Hafenstadt Kertsch von den Russen erobert wurde, beschlossen sämtliche dort lebende Juden auszuwandern. Lieber wollten sie ihre Vaterstadt verlassen, als daß sie russische Untertanen werden sollten. *) Und so zog die ganze aus ein paar hundert Familien 0 Bedarf es noch eines rührenderen^und schlagenderen Beweises für die Anhänglichkeit des Juden zu seinem Vaterlande? Ein Gefühl indignierter Entrüstung bemächtigte sich daher aller, als kürzlich anläßlich des türkisch-italienischen Krieges die Nachricht sich verbreitete der Oberrabbiner von Tripolis hätte im Namen der jüdischen Gemeinde an seinen neuen König, der noch gar nicht sein König ist, eine Lohalitätsadresse gerichtet. Wer die Verhältnisse einigermaßen kennt, hat freilich gleich darin nur eine Siegesmeldung mehr erblickt, wie sie täglich von den italienischen Offiziösen zu uns kommen. Der Abfall der Juden ist ebenso wahr wie der Abfall der Araber. Es. war aber doch erfreulich, daß von offizieller jüdischer Seite das Gerücht als Lügengewebe ausgedeckt werden konnte. Nach einer Meldung des Großrabbinats für die ganze Türkei — gibt es in Tripolis überhaupt keinen Oberrabbiner. Es seien hier aus diesem Dementi, der Wichtigkeit der Sache wegen, folgende Stellen angeführt: „La nouvelle est absolument d6nuee de fondement. Car il n’y a encore, ni ä Tripoli ni aBcnghazi, de grand-rabbin nomm6 et officiellement reconnu par le gouvernement. Et mgme, les demarches qui ont lieu depuis quelque temps pour designer un titulaire pour ces deux postes n’ont pas abouti. La fideli'e et l’attachement des Israelites au gouyernement imperial et a la patrie ottomane sont indeniables et en tonte occasion ils n’ont jamais manquö de manifester ces sentiments.‘‘ Auch der große Rat (bet Medjliss-gesmann bat eine ähnliche Erklärung abgegeben.