Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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'eLstewAbschnitt'derBetrachtungderallgemeineneüropäischenünd deutschen Angelegenheiten gewidmet, die nichts Mit Judentum zu tun hatten; man entgegnete mir, das-liest doch jeder in ' seiner eigenen Tageszeitung. Aber ich glaube nicht, daß diese Antwort zutreffend ist. An kleinen Orten — und diese Zeitung kommt in sehr viele kleine Orte — gibt es gar manchen, der nur sein Lokalblatt liest und den großen Zusammenhang der Dinge kaum erkennt; warum soll unser Blatt nicht diese allgemeine ^Nahrung vermitteln? Vor allen Dingen, wenn dies in jüdischem Sinne geschieht. Aber jüdisch soll unser Blatt hauptsächlich darin sein, daß es die äußeren und, inneren Vorgänge des Judentums bucht, den jüdischen Standpunkt auch in allgemeinen Angelegenheiten vertritt, jüdisches Selbstbewußtsein — nicht zu verwechseln mit Ueberhebung — hegt und. pflegt, die Berechtigung des Judentums innerhalb der anderen Religionen und gegenüber der ganzen Welt laut verkündet.. Die Zeitung soll allgemein sein. Sie will es und ist es trotz ihres Parteistandpunktes. Allgemein, indem jede Richtung zum Wort kommt, indem von allen Kreisen und Parteien innerhalb des Judentums gesprochen wird; allgemein auch in dem Sinne, daß nichts Menschliches ihr fremd ist und daß. außer Religion und Politik auch Literatur und Wissenschaft in weitem Umfange von ihr beleuchtet werden. Sie will liberal sein. Nicht radikal, aber auch nicht schwächlich vermittelnd. Der große Gedanke der Entwicklung . wie in der Geschichte, so auch innerhalb der Religion soll uns leiten wie bisher. Wir dürfen nicht stehen -bleiben, sondern müssen sortschreiten. Wir müssen Ernst machen mit dem Durchsetzen, von Forderungen, die bereits unsere Väter aufgestellt haben und deren Erfüllung wir noch immer nicht sehen. Wir haben die Gleichstellung, aber nur die auf dem Papier erkämpft, wir müssen fürder streiten, daß das geschriebene Wort zur Tat wird. Wir haben . die Gleichberechtigung innerhalb der Parteien, innerhalb des Judentums durch Generationen verbrieft erhalten, wir müssen die Lauheit abschütteln, die sich damit begnügt, daß dem Liberalismus auch die Existenzmöglichkeit gewährt wird. Wir müssen mit frischem Eifer dafür einstehen, daß der echt liberale Gedanke in unseren Synagogen, in unseren Schulen, in unseren öffentlichen Institutionen lebe, wachse und gedeihe. Es sei ferne von uns, wie es uns immer fern gewesen, daß wir die .'Altgläubigen aus' unseren Reihen verweisen, sie in der Ausübung ihrer Gebräuche, in der Beibehaltung alter Gebetformen, in der Hochschätzung von Einrichtungen hindern, die uns nichts mehr bedeuten, aber wir verlangen auch für uns nicht nur Duldung, sondern Recht, wir verlangen die Ausführung eines wirklich modernen religiösen Lebens, das unserer fortgeschrittenen Erkenntnis, unserem freien Denken entspricht. Jüdisch, allgemein, liberal: so laute auch ferner unsere Parole! Mir Woche. Berlin, den 9. Januar 1912. ie Wahlen zum deutschen Reichstage stehen vor der Tür. Wenn diese Zeilen den Lesern in die Hand kommen, aflen außer den berlinischen, hat die Wahlschlacht-bereits begonnen. Wir sind kein politisches Blatt und haben deswegen nicht das Recht, in die politischen Parteikämpfe im einzelnen einzugehen. Aber äuch-für uns als Juden muß die von den liberalen Parteien äüsgegebene Parole: „Die Front nach rechts"/ 'd. - h. die Wendung gegen die rechtsstehenden Parteien, die. maßgebende sein. Sozialdemokraten und Volkspartei, die die Rechte aller verteidigen, stehen gewiß auf seiten der Juden; die Nationalliberalen haben, wie aus manchen in der vorigen Nummer mitgeteilten Zeugnissen hervorgeht, sich gleichfalls für die Gleichberechtigung, gegen alle Zurücksetzungen der Juden ausgesprochen. Ein Mitglied des Zentrums zu wählen, wird schwerlich einem Juden einfallen. Aber auch die unter uns, die in ihrer politischen Anschauung zum Konservatismus neigen, werden sich bei dieser Wahl ihrer Zugehörigkeit zum Judentum erinnern müssen. Denn was von den Konservativen zu erwarten ist, geht klar genug aus nachstehendem Artikel des „Berliner Tageblatt" hervor: Im Frühling des vorigen Jahres — am 24. April — wurde in der „Kreuzzeitung" leise und schüchtern angedeutet, die konservative Partei könnte vielleicht aus dem Tivoliprogramm das Bekenntnis zum Antisemitismus streichen. Die Absicht, die jüdischen Wähler und besonders auch die wohlhabenden, zu Geldspenden geneigten Kreise des Judentums für die konservative Partei zu gewinnen, ging aus diesen Aeußerungen klar hervor. Aber die von so praktischen Gedanken erzeugte philosemitische Regung der .Kreuzzeitung" hielt nicht lange an, und sehr bald erhob sich auch gegen die Anregung, das Programm in jenem Punkt zn ändern, von mehreren konservativen Seiten entschiedener Widerspruch. In dem neuen „Handbuch der deutsch-konservativen Partei, vierte, umgearbeitete und vermehrte Auflage, bearbeitet und yerausgegeben vom Hauptverein der Deutschkonservativen, abgeschlossen am 22. November 1911" kann man jetzt folgendes lesen: „Der Vorschlag, den Satz des konservativen Programms: „Wir treten entgegen dem zersetzenden, insbesondere entsittlichenden Einfluß des Judentums" — zeitgemäß zu ändern, da'heute die zersetzende Wirksamkeit mehr von sozialdemokratischer und atheistischer Seite ausgeht, wird wohl vorläufig wenig Beifall finden. Gerade in den zuletztgenannten Bewegungen finden wir das Judentum stark vertreten, das sich noch immer als „Ferment der Dekomposition" erweist (Mommsen). So wird ein Stück Antisemitismus noch lange zur konservativen Weltanschauung gehören müssen." Die jüdischen Wähler sind nun also unterrichtet und wissen, was sie von der konservativen Partei zu erwarten haben. Daß es auch, anständiger und vorurteilsfreier denkende Konservative gibt, unterliegt gewiß keinem Zweifel. Aber jeder konservative Kandidat, der am 12. Januar oder in der Stichwahl gewählt wird, muß sich das Parteiprogramm zu eigen machen, welches das Bekenntnis zum Antisemitismus enthält, und bekennt sich zu der im konservativen Handbuch vertretenen „Weltanschauung". Die einzige Parole also, die den jüdischen Wählern zum 12. Januar gegeben werden kann, ist die: wählt keinen, von dem Ihr nicht überzeugt seid, daß er die Rechte.aller Staatsbürger zu wahren bemüht ist, wählt nur solche, von denen Ihr wißt, daß sie das Recht und die Freiheit aller, also auch die der Juden beschützen. * Unter dem Titel: „Der Justizirrtum vor dem Schwurgericht Brieg und die Tätigkeit des Zentralvereins" setzt die Zeitschrift „Im deutschen Reich" die Bemühungen des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens über folgende Angelegenheit auseinander: Vor mehr als zwanzig Jahren sind zwei jüdische junge Leiste, I. C. und E. S., von dem Schwurgericht zu Brieg (Schl.) taegjnk Meineids, der eine zu mehrjährigem Zuchthaus, der andere zu Mei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der Spruch ist ein — JrMnr und beruht wohl auf der Zugehörigkeit der damals AngeklagteUzur jüdischem Glaubensgemeinschaft. Wenigstens lassen die Akten Men anderen Grund nicht erkennen.