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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-05 · Heft 1 (5.1.1912) · p. Seite 12

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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EinquartieriNgslasten. Trotzdem ärgerten sie.sich, daß dev Oberst bet einem Jüden Quartier bekommenhatte. Das war natürlich nicht geschehen, weil Nathan Silberstein Jude war, sondern weil er der Besitzer des schon fast einem Hotelähnlichen Gasthauses und gleichzeitig der wohlhabendste Kaufmann am Orte war und die geeignetsten Räumlichkeiten zur Unterbringung des Höchstkommandierendenseiner Adjutanten, Burschen, Pferde « usw. besaß. Silberstein selbst war wenig erfreut, als er erfuhr^ daß sein Haus zum Hauptquartier ausersehen sei. . Er dachte an seine Tochterderen anerkannte Schönheit die Offiziere, für die ja sein Haus der Hauptsammelort sein würde, reizen möchte, ihr den Hof zu machen. Und Natalie war^seik ihrer Rückkehr aus der Pension zu romantischer Schwärmerei geneigt. Um der Gefahr zu entgehen, -sollte sie zu seinem Bruder nach D. geschickt werden, aber auf seine Anfrage erhielt Silberstein von der Schwägerin zur Antwort, es sei ihr jetzt unmöglich noch einen Wohngast aufzunehmen, da sie bereits ihrer zwei habe. So war es nichts mit diesem Plane, und man mußte sich in das Schicksal fügen. . , ' Am ärgerlichsten über die Ankunft der Soldaten waren die polnischen jungen Männer, vom Bürgersohn bis zum Ackerknecht. Kannten sie ja die Vorliebe der Weiblichkeit für den Soldatenstand und für die Abwechslung. Am allergrimmigsten aber in der ganzen Stadt war jedenfalls Stasiu, Kutscher und Faktotum in den Stallungen Nathan Silbersteins. Freilich hatte er auch die meisten und triftigsten Gründe dazu. Einmal war er fanatischer Pole. Sodann erwuchs ihm aus der Einquartierung des Obersten bei seiner Herrschaft die größte Last. Täglich würde er mit den verhaßten deutschen Soldaten in Berührung kommen, ja sie am Ende gar bedienen müssen. Endlich fürchtete er auch für die. Treue seiner geliebten Jadwiga, deren Schönheit nur von der Entzündlichkeit ihres Herzens übertroffen wurde. Ganz gewiß wird sie, dachte er, die Aufmerksamkeit aller Soldaten, vielleicht sogar der Offiziere auf sich lenken, und er war für diesen Fall gar nicht sicher, ob sein martialischer, täglich mit Pech steif gewichster Schnurrbart alsdann noch die Zauberkraft haben würde, die ihm Jadwiga gewonnen und bisher treu erhalten hatte. Seit seinem vierzehnten Jahr war Stasiu bei Silberstein in Dienst, und es hatte ihm dort so gut gefallen, daß er dafür sorgte, daß seine Schwester, als sie es bis zur Amme gebracht hatte, gleichfalls ins Haus kam. Auch ihr gefiel es gut; wenigstens wußte sie es so einzurichten, daß sie auch bei den nächsten zwei Silbersteinschen Kindern als Amme fungieren konnte. Dann erhielt sie einen anderen Posten im Hause. . Seiner Herrschaft war Stasiu ebenso wie seine Schwester treu ergeben. Es war geradezu rührend, wie er den jüngsten Knaben, eine besonders wilde Range, mit seinem Schnurrbart bändigte. Wenn niemand den Bengel zur Räson bringen, konnte, Stasiu brachte es fertig. Cr brauchte, nur sein Gesicht zu verzerren und die lang .hinausgezogenen Spitzen seines Schnurrbarts allerlei Sprünge machen zu lassen, und aus dem weinenden Knaben wurde ein lachender Engel.. : Vom frühen Morgen bis zum. späten. Abend war Stasiu auf'dem Posten. Seitdem aber die Truppen eingezogen waren, machte er sich rar. Ob dies geschah, um Jadwiga besser beobachten und vor Nachstellungen schützen zu können, oder weil er den deutschen Soldaten zu Hause und etwaigen Dienstleistungen für diese aus. dem Wege gehen 'wollte, oder aus anderen Gründen ist schwer zu. sagen, da er in letzter Zeit auch verschlossener war. - Seiner -Eifersucht und seinem polnischen Fanatismus war. alles .zuzutrauen. .Wenn ihn nicht die Pflicht unbedingt int Hause hieltwar. er im Gegensatz zu? seinen sonstigen Gewohnheiten nicht zu Hanse zu fiupen. Den Burschen des Obersten und - der anderen Offiziere gegenüber verhielt er sich, abweisend., Ueberhaupt hatte sich sein ganzes Wesen in wenigen Tagen anscheinend verändert. Militärisches Leben herrschtein dem Städtchen. Nachts zogen . Patrouillen durch die Straßenbewachtem in verstärkten Posten die Brücke über den Grenzfluß und die Furten,' durch welche die Insurgentenzu waten pflegten, und suchten fleißig den Wald ab. Der Oberst, ein strenger, gewissenhafter Offizier, glaubte so alles auf das beste besorgt zu haben. . In Wirklichkeit kamen die Insurgenten und deren Freunde nun nicht mehr über die Brücke und durch Furten, sondern sie schwammen nachts in einiger Entfernung, die Waffe mit dem Munde hochhaltend über den Fluß und erhielten bei den Polen Nachtquartier, Verpflegung und noch manche andere Tröstungen. Meist sorgte das polnische Dienstpersonal für alles, und zwar nicht bloß das Personal polnischer, sondern auch germanischer und jüdischer Herrschaften, ohne daß diese eine Ahnung davon hatten. Selbst wenn sie Verdacht schöpften, drückten sie, der Not gehorchend, ein, wohl auch beide Augen zu. Wer durchaus kein Unterkommen finden konnte, übernachtete im Wälde. (Fortsetzung folgt.) Sxrechssal. Berlin-Wilmersdorf, den 31. Dezember 1911 Nassauische Straße 49. Sehr geehrte Redaktion! fln Nr. 52 Ihrer sehr geschätzten Zeitschrift veröffentlicht im- „Sprechsaal" Herr Bankier Georg Hermann Loewy aus Rawitsch über die Versammlung von Bezirksverbänden, Delegierten und. Freunden des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes vom 6. November 1911 eine „Berichtigung", die fast ebenso unrichtig ist wie der wohl von demselben Herrn herrührende Artikel über dieselbe Versammlung im „Israelit". 1. Von „gesetzestreuer" S eite sprach in dieser Versammlung nicht nur Herr Rabbiner Dr. Cohn-Jchenhausen— der übrigens einer Beibehaltung der bisherigen Weise des passiven Wahlrechts zum Gemeindetage keineswegs zustimmte —, sondern auch Herr Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln und Herr Seligsohn-Samotschin. Alle drei Herren stimmten, ebenso wie auch die anderen konservativen Mitgliedes der Versammlung, für die Resolution, die das Vorgehen des Ausschusses des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes in der Sache der Satzungsänderung grundsätzlich billigte. 2. Der Ausschuß berief zu dieser Versammlung außer, den Bezirksverbänden und den Delegierten — die auch den verschiedensten religiösen Richtungen angehören — nur Herren, die er für Freunde des Gemeindebundes hielt, wohlgemerkt des Gemeindebundes und nicht des augenblicklichen Ausschusses, da er eine. Richtschnur für sein weiteres Vorgehen und eine Stärkung gegenüber der feindseligen Agitation finden wollte. Diese Absicht wurde vollkommen erreicht. 3- Herrn Loewy nach der Legitimation züm Zutritte zu dieser Versammlung zu fragen, war nicht nur mein Recht, sondern meine Pflicht, da Herr Loewy nicht persönlich geladen und als einer der heftigsten Gegner der ganzen bisherigen Arbeitsweise des Gemeinde' bundes bekannt war. Andere Mitglieder des Ausschusses des Posener Bezirksverbandes, sind ganz anderer Meinung als Herr Loewy, und auch das wußten wir ganz genau. Ob jdie übrigen an dem gleichen Tage stattfindenden Versammlungen wichtiger waren als'unsere, muß jeder selbst beurteilen — uns war sie die wichtigste-; Mit vorzüglicher Hochachtung Professor Dr. Martin.Philippson..

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