Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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^schilderte und,'sie auf diese Weise zu einer 'Auswanderung' nach der^ Türkei zu'bestimmen suchte. -/Es ist mir", -heißt es unter anderem in dem Briefe/ „von' den Mühsälen, noch bitterer als der Tod, erzählt worden, welche 'unsere Brüder' in Deutschland' betroffen haben, von den tyrannischen Gesetzen', den Zwangstaufen, den Ausweisungen, die täglich Vorkommens Undwenn sie von einem Orte fliehen, trifft sie an einem anderen Orte noch herberes Unglück. Ich höre ein freches' Volk' über die Treuen seine wütende Stimme erheben; ich sehe seine Hand gegen sie schwingen. Wehe von Innen, wehe von 'Außen. Täglich Erlasse und Zwingherren, um das Geld zu erpressen.- Die Geistlichen und Mönche, die falschen ' Priestererheben sich gegen das unglückliche Volk und sprechen: Mir wollen es bis. zur' Vernichtung verfolgen, Israels Name soll nicht mehr genannt werden-' Wie wird der heiligen deutschen Gemeinde mitgespielt, wie sehr ist ihre Kraft geschwächt! - Sie vertreiben - sie nicht nur von Ort zu jDrt> sondern ^stellen ih nen nach dem Leben, schwingen über sie das scharfe Schwert, werfen sie in loderndes Feuer, in reißende Fluten oder auch in stinkende Sümpfe. — Meine Brüder und -Lehrer, Freunde und Bekannte! Ich, Isaak Zarfati, der ich aus Frankreich stamme/ iw Deutschland geboren bin und dort zu den Füßen von Meistern gesessen, rufe euch zu, daß die Türkei ein Land ist, in dem nichts fehlt. Wenn ihr einwilligt, so kann es euch gut gehen. Ist es nicht besser unter Mohammedanern als unter Christen zu wohnen? Hier kann jeder unter seinem Feigenbaum und seinem Weinstocke duhig leben. Hier dürft ihr euch in die feinsten Stoffe kleiden. In der Christenheit dagegen dürft ihr es nicht einmal/gvageneure Kinder in rot oder blau zu kleiden, ohne sie'der- Gefahr auszusetzen, zerbläut oder rot geschunden zu werden./ Darunr müßt ihr ärmlich oder zerlumpt einhergehen. .Alle eure -Tage sind düster, auch die Sabbate un d Festzeiten. Fremde genießen euer Vermögen. Was nutzen dem reichen Juden seine Schätze? -Er bewahrt sie doch nur zu seinem Unglück auf, und an einem Tage Ws verloren. Lügenhafte Beschuldigung erfinden sie gegen euch und achten dabei nicht Alter noch Wissen- Auch legen sie immer Doppelsträfen auf, schmerzhaften Tod . und Güterberaubung. Zudem untersagen sie den Unterricht in den Lehrhäusern, stören das Gebet, verbieten den Juden han christlichen Feiertagen zu arbeiten und Geschäfte zu treiben., ■"ß wüßten die Juden in Deutschland nur den zehnten Teil des Glückes, das die Juden in der Türkei genießen, sie - . würden nicht Regen und nicht Schriee scheuen, und sie würden nicht Tag und nicht Nacht ruhen, bis sie hierher gekommen wären." Dieser Aufruf Zarfatis, der ums Jahr 1480 zur Verbreitung gelangt sein dürfte, hatte nun einen ansehnlichen Erfolg. Gar mancher sah sich dadurch bewogen, seiner bisherigen Heimat den Rücken zu kehren und in der Türkei eine neue Zufluchtsstätte zu suchen. „Mit ihrem düsteren Wesen/ ihrer Ueberfrömmigkeit, ihrer eigenen langen Tracht und ihren Kapuzen", bemerkt Graetz, „stachen die eingewanderten deutschen Juden von den morgenländischen und griechischen ab und beeinflußten bald die Urbewohner." Ich wäre sogar geneigt, dem Zarfatischen Sendschreiben eine viel größere und vor allem viel nachhaltigere Wirkung zuzuerkennen als es Graetz wahr haben zu wollen scheint. Die Mißerfolge,. .welche die Einwanderung der Juden gezeitigt hatte und wie wir sehen werden, mit Notwendigkeit zeitigen mußte, wären nicht sobald hervorgetreten. Was die Umgestaltung der Dinge in Konstantinopel den Juden ohne weiteres bringen konnte und auch tatsächlich gebracht hatte, das war die politische Emanzipation vom Alpdrücke byzantischer Regierungsgewalt. Inwieweit-Hand in Hand damit auch ökonomische Errungen-, schäften einhergingen, mußteerst erprobt werden und konnte, nur die Zukunft lehren. Allein zu, einer darauf abzielenden Erfahrung war es zunächst kaum gekommen. Denn was für Elemente waren es eigentlich, 'die in dev Türkei eine Zufluchtsstätte gesucht haben? Vorwiegend Leute, welche, der ewigen, religiösen -Verfolgungen und Verhetzungen müde, ihrem - Glauben frei leben wollten/ oder aus der zermürbenden Last beständiger Existenzbedrohung sich nach einer gewissen Ruhe und Sicherheit sehnten.! Also der Hauptsache nach ein Menschenschlag- ' der in 'einem immerhin engen Rahmen manches zu riskieren hätte und einiges zu gewinnen hoffen, durfte.' ' Die sehr viel oder gar nichts besaßen, verließen die Scholle, auf der sie lebten/ im allgemeinen nicht. Jene wagten oder brauchten es nicht, diese konnten es nicht. Bei einem Auszuge stand für die ersteren zu viel auf dem Spiele/ auch war der Eintausch zu unsicher, - zudem waren sie des öfteren in -der Lage/ schwere Schläge abzuwenden; die letzteren wiederum hatten viel zu wenig dranzusetzen, um nicht resigniert dem Schicksal ins Antlitz schauen zu müssen oder zu können. Auch hier berührten sich die Extreme, und sie harrten, teils der Not! gehorchend, teils aus eigenem Triebe, auf ihrem bisherigen Platze aus. - Was zum Wanderstabe griff, gehörte gewöhnlich der Mittelschicht an, die, wie ja in unseren Tagen nicht andersam schwersten kämpfen und, am stärksten dem Angriff ausgesetzt) am meisten und häufigsten der Ruhe und Sammlung bedarf. Mehr das- Nichtgestörtseinwollen als das Sichbetätigenwollen war es somit,- was den Juden in erster Linie als Lebensziel in ihrer neuen Heimat vorgeschwebt hatte. Nach welcher Richtung ihnen auch wirklich das im Osmanenreiche gefundene Asyl eine geradezu ideale Befriedigung ihrer Wünsche zu bieten vermochte. Ob und wiefern dort neben diesem sozusagen passiven Sichausleben zugleich noch für aktive Ausnutzungs- Möglichkeiten Spielraum vorhanden war, ist zunächst nicht gefragt worden. So erschien den Juden in der Tat die Türkei als ein Land, „in dem nichts fehlte". Eine Meinung, die durch in die Welt gelangten Mitteilungen von den unter dem Schutze des Sultans zufriedenen Einwanderern gar bald die weiteste Verbreitung gefunden haben-durfte. Und als dann rund ein dutzend Jahre später die Inquisition ihren höchsten Triumph gefeiert hatte mit dev Ausweisung sämtlicher Juden aus Spanien durch Ferdinand den Katholischen, und für. die spanische ' Judenheit damals Zustände eingetreten zu sein schienen, wie sie ergreifend vom Dichter in den Versen zum Ausdruck gebracht werden: Die Taube hat ihr Nest, Der Fuchs seine Höhle, Der Mensch sein Vaterland, Israel nur das Grab . .. — da wandte der größte Teil dieser tausendmal Unglücklichen seinen Blick dem Reiche des Halbmonds zu. Es war eine Erscheinung, die sich in der Folge noch mehrfach, wenn auch nicht unter gleich traurigen Bedingungen, wiederholt hat- Die Verbannung der Juden aus , Portugal brachte einen weiteren jüdischen Zustrom nach der Türkei. Und so oft später in Italien Verfolgungen gegen die Juden einsetzten, die ihnen den Aufenthalt im Lande unmöglich machten, war es fast immer wieder das Osmanenreich, in welchem'sie vor ihrer Bedrängung eine Zufluchtsstätte suchten. (Fortsetzung folgt.) .