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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-05 · Heft 1 (5.1.1912) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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^Tätigkeit1 nicht trennen wollten/ in Wirklichkeit ging man auch <gegen andere Mitglieder vor; trotzdem erhielten diese eine /^starke Majorität. Aber das.Zentralkomitee durfte sich mit 'diesem Siege nicht begnügen, sondern die drohende Gefahr mit einem Male beseitigen; es würde die Kooptation statt der Wahl Beschlossen; 12 von den 19 deutschen Mitgliedern des Vorstands ^stimmten dafür." Herr See schloß seinen interessanten Bericht mit folgenden Worten: „Die Abstimmung, die wir von Ihnen erbitten,, wird uns gestatten, unsere Arbeiten mit der notwendigen Geistesruhe wieder aufzunehmen; wir haben den lebhaftesten Wunsch Frieden und Einigkeit in unserer Gesellschaft wieder einzuführen, die deren Glück und deren nützliche Tätigkeit gesichert haben. Wir wollen die Kämpfe und Rivalitätsstreitigkeiten beenden, die unseren Lauf seit einiger Zeit gehemmt haben; wir wollen die Aliance den Partei-und Nationalitätsflreitigkeiten entreißen, die der Todeskeim für eine Gesellschaft wie die unsrige sind. Wir nehmen mit Dankbarkeit jede Mitarbeit an, woher sie komme, aber wir haben den Wunsch, unser Werk zu sichern vor Anstrengungen, die seinen Charakter und den Mittel- Punkt seiner Tätigkeit verändern könnten . . . Die Alliance ist in / Paris entstanden, sie ist in Paris groß gewordendiese von uns /gemachte Einrichtung hat zugunsten des ganzen Judentums gewirkt, ohne Unterscheidung der religiösen Meinung und Nationalität. Die Alliance soll aber das bleiben, was sie seit 50 Jahren war, sie soll /weiter ihren Sitz haben in dem Mittelpunkt der Freiheit und des -Fortschrittes, in dem sie ihre wohltätige .Wirksamkeit Bisher ausgeübt hat." . .; Die* Versammlung nahm einstimmig die vorgeschlagene ' Statutenänderung an. Ich habe der Gerechtigkeit' wegen Biesen Bericht sehr ausführlich, zum Teil wörtlich nach französischen Zeitungen gegeben, an der deutschen Konferenzgemeinschaft liegt es nun, zu reden und zu handeln. & " ■' . -V "" M /„ > Eine sehr merkwürdige Nachricht über die Juden, in der /Türkei brachten deutsche und französische Zeitungen. . Danach sollte den fremden Juden nicht mehr erlaubt werden-sich ln Syrien und Palästina anzusiedeln. Der Staatsrat habe .'Bie Prüfung dieses Projektes bereits Begonnen. Ueber diese B Angelegenheit schreibt das Berliner Tageblatt: ck „Schon im Jahre 1882 wurden seitens der türkischen Regierung eEinwanderungsbeschränkungen gegen die Inden verfügt, die nach den - großen Judenverfolgungen in.Rußland nach Palästina kamen und dort die ersten Kolonien gründeten. ,1892 wurde ein formelles Einwanderungsverbot erlassen. Diese Maßregeln entsprangen im wesentlichen der Befürchtung, die Massenansiedlung russischer Juden werde der russischen Regierung erwünschten Anlaß bitten, sich fort, gesetzt in türkische Angelegenheiten einzumischen. In der Tat behandelt die russische Regierung die Juden, die sich im Orient niederlassen, nach -ganz anderen Prinzipien als ihre jüdischen Untertanen in Rußland selbst. Sie werden, sobald sie Rußland verlassen haben, als' „echte Russen" betrachtet und sorgfältig „geschützt". Daß die - türkische Negierung trotz dieser seit 30 Jahren bestehenden Be' schrünkungen keine eigentlich judenfeindliche Haltung einnimmt, geht / tzaraus hervor, daß von 1882 bis 1896 25 jüdische Kolonien in / Palästina gegründet wurden, und seit 1896 weitere 10 Kolonien, ohne daß die Regierung erhebliche Schwierigkeiten gemacht hätte. : : Wasp-nun die heutige Situation betrifft, so sind tatsächlich seit der Revolution von Zeit zu Zeit Anzeichen antisemitischer Stimmungen /aufgetaucht, die aber künstlich von außen hervorgerusen waren und gewissen politischen Plänen fremder Agenten dienten. Die Judenfrage wurde dann auch für die innerpolitischen Kämpfe ausgenützt, was zu der Kammerdebatte über den Zionismus führte. Zweck der Uebung war die Kompromittierung des Ministeriums. - Vor/einiger Zeit wurde dann im türkischen Ministerat ein Gesetzeutwurf beraten, der die weitere Einwanderung von Juden Be' 'schränken sollte. Dieser Entwurf, der von Ferid Pascha stammte, wurde mit. der Begründung abgelehnt,, er verstoße.gegen die Konstitution. In den letzten Tagen wurde nun ein neuer Entwurf, der sich Wenfalls mit der jüdischen Einwanderungsfrage beschäftigt; dem Staatsrat vyxgelegt. Ueber den Inhalt ist bis zur Stunde nichts bekannt. Die Meldung der „Temps", /es sei ein Niederlassungsverbot beabsichtigt, ist eine leere Vermutung. Es ist kaum anzunehmen, daß die Türkei bei den -jetzigen Wirren im Innern auch noch die jüdische Einwanderungsfrage zu einer definitiven Erledigung bringen will. Jedenfalls wird es noch lange dauern, bis der Entwurf vor die Kammer kommt. Ob er für die jüdische Einwanderung günstig oder ungünstig ist, steht dahin. Die oben erwähnten bereits bestehenden Beschränkungen sind, wie gesagt, ohne praktische Bedeutung geblieben. Der Erlaß eines Gesetzes, das die Einwanderung ausländischer Juden verbietet, würde in striktem Widerspruch zu den internationalen Abmachungen der Türkei stehen — was das „Berliner Tageblatt" neulich ganz richtig andeutete. Die Kapitulationen verbürgen jedem Ausländer das Recht, sich in . der Türkei niederzulassen und Grundeigentum^! erwerben. Eine Beschränkung dieses Rechts zuungunsten der Juden wäre völkerrechtlich unhaltbar." Aus Rußland kommt folgende Kunde: Die Ermordung des 14jährigen Christenmüdchens Agasia Panurko in Shaschkow (Gouvernement Kiew) hatte eine große russische Ritualmordhetze veranlaßt. Die Jüdin Chail Spector, die angeblich'eine Christin in einer Scheune erdrosselt haben sollte, weil diese drei ihr zum koscheren Schächten übergebene Gänse selber nicht ritual abgefchlachtet hatte, wurde jetzt vom Schwurgericht der Stadt Taraschtscha freigesprochen. Die Geschworenenbank bestand ans elf Bauern und'einem Beamten. * Das wichtigste für uns aber ist die Behandlung ausländischer jüdischer Kaufleute in Rußland. Darüber ist zunächst aus der Sitzung der Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin vom 21. Dezember zu berichten, „daß der Handelsminister im Anschluß an die Bestrebungen des Kollegiums auf Gleichstellung der ausländischen jüdischen Reisenden in Rußland mit denen anderer Konfessionen dem Kollegium eine Mitteilung, gemacht hat. wonach durch eine Verfügung Bes Gouverneurs jüdischen Kaufleuten nich.trussischer Staatsangehörigkssit das zeitweise Wohnen in Kiew, wenn sie sich dort zur Erledigung ihrer - Geschäfte aufhalten, in allen Stadtteilen ohne Ausnahme gestattet worden ist. Aus dieser Nachricht geht hervor, daß die russische Regierang das Hauptargument, welches den Bestrebungen der deutschen Interessenten bisher von ihr, nach Mitteilung unserer Regierung entgegengestellt worden ist, daß sie nämlich die ausländischen Juden nicht günstiger behandeln könne als die inländischen, wenigstens zum Teil aufgegeben hat. Die Aeltesten der Kaufmannschaft / v^ Berlin werden daher von neuem bei der Negierung zwecks Gleichstellung ihrer christlichen und jüdischen Handlungsreisenden, die Rußland besuchen, vorstellig werden mit dem Hinweis darauf, daß die staatsbürgerliche und staatsrechtliche Stellung der russischen Juden einerseits und der Juden in Deutschland, Frankreich, England, den Vereinigten Staaten anderseits überhaupt nicht vergleichbar ist.' Sie werden abermals eine gemeinschaftliche Vorstellung der Regierungen in den genannten Ländern bei Rußland anregen, zumal da jetzt die Angelegenheit von den Vereinigten Staaten mit vollem Nachdruck durch die Kündigung des Handelsvertrags mit Rußland in Fluß gebracht worden ist." Sodann ist auf einen größeren orientierenden Artikel von Armand Kaminka: „Amerika und das konfessionelle Visum für Reisepässe in Rußland" in der „Neuen Freien Presse" hinzuweisen, in dem nach Erwähnung vieler bekannten Tatsachen folgendes ausgeführt wird: „Es wird niemand der russischen Regierung verargen, wenn M fremde Staatsangehörige, die sich als Anarchisten erweisen, als „lästige Ausländer", wie es in anderen Staaten geschieht, ausweisen wird. 'Aber eS wird in den Konsulaten bei der Erteilung des Visums bekanntlich überhaupt nicht nach' der politischen Ueberzeugung, sondern

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