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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-05 · Heft 1 (5.1.1912) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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und daß es die übrigens gern und häufig geübte Aufgabe einer Wochenschrift ist, das ausführlicher zu würdigen, worüber gegenwärtig der Streit tobt. Der dritte Vorwurf scheint der wichtigste: die Zeitung entbehre der Aktualität. Was versteht man denn unter aktuell? Der gewöhnliche Zeitungsleser denkt sich darunter: Berücksichtigung des Neuen und Zeitgemäßen. Nun frage ich, was gibt es denn im Judentum. Zeitgemäßes? Antwort: Die Bewegungen innerhalb des Judentums, seine Beziehungen zu Völkern und Staaten. Was das letzte betrifft, so gibt die „Woche" regelmäßige, über alles Wissenswerte orientierende Berichte. Es werden in besonderen Rubriken Briefe aus London, Schweden, gelegentlich aus Amerika mitgeteilt, wir hatten Artikelreihen über österreichische und türkische Verhältnisse, über Spanien und Italien. Glücklicherweise ist die Entwicklung in den meisten Staaten ruhig, der Antisemitismus hat abgeflaut, Verfolgungen gibt es, Rußland ausgenommen, nicht mehr. Glaubt aber einer im Ernst, es sei der Beruf dieser Zeitung, jeden jüdischen Prozeß, jede Kränkung eines Juden, jede Zurücksetzung im amtlichen oder wissenschaftlichen Leben zu buchen? Dafür haben wir die Blätter des Abwehrvereins, die Zeitschrift „Im deutschen Reich". Es ihnen gleich zu tun, ist unmöglich, und auf jedes kleinste Vorkommnis nochmals einzugehen, wäre schon deswegen überflüssig, weil der Leserkreis jener Blätter im großen und ganzen derselbe ist wie der des meinigen. Was das erste betrifft, so kann man wirklich den Vorwurf der Nichtaktualität unserem Blatte nicht machen. Von den Berliner Repräsentantenversammlungen wird regelmäßig berichtet, über den „Judentag" ebenso wie über die großen Lehrervereinigungen, über die Badische Landessynode wie über den Zionistenkongreß, über die Generalversammlungen unserer großen Verbände und über die Zusammenkünfte kleinerer Vereine finden sich ausführliche Nachrichten. Wenn wir nicht jedem in- und außerberlinischen Vereine den Gefallen tun können, sämtliche Reden, die auf den Versammlungen gehalten werden, wörtlich auszunehmen, so wird das höchstens einer der wackeren Redner übelnehmen, die sich auch außerhalb ihres kleinen Kreises gern gedruckt sehen möchten. Dagegen muß ich mich aber auf das entschiedenste verwahren, daß nichts anderes aktuell ist, als daß in Minsk ein Pogrom stattgefunden, daß der liberale Rabbinerverband die Beteiligung der Geistlichen bei Feuerbestattungen zugelassen, daß die Badische Synode über den Religionsunterricht dies oder jenes verfügt hat.. Ist denn ein eben erschienenes gutes Buch, ist eine vielbesprochene wissenschaftliche Angelegenheit nicht aktuell? Ich ertrage es sehr schwer, daß wirklich große Tageszeitungen meinen, ein Feuilleton sei für das große Publikum öesonders dann interessant, wenn nicht nur über jedes gegebene Konzert, nicht nur über jede stattgehabte Vorstellung gehandelt wird, sondern über jede zu erwartende Premiere, wenn wir über jede Wohnungsveränderung des Pianisten 36. und jede neue Toilette der Sängerin I. und jede neue Rolle, die die Künstlerin Z. kreiren wird, besondere Mitteilungen erhalten. Durch solche Kleinlichkeiten wird der Blick getrübt, nicht aufgehellt und die wirklich bedeutsamen Vorgänge in Kunst, Literatur und, Wissenschaft nicht gebührend gewürdigt. Selbst aber zugegeben, derartige Dinge seien aktuell, so paßt dieses Verlangen nach Aktualität streng genommen , nur für eine Tageszeitung, aber nicht für eine Wochenschrift. Der Leser einer Zeitung wird von der Sucht nach Neuem gekitzelt. Er möchte womöglich morgens, mittags und abends immer von dem unterrichtet werden, was augenblicklich geschieht. Ob das Verlangen richtig ist oder nicht — die Tageszeitung ist nun einmal vieler Leute einzige geistige Nahrung und manche sind in ihrer geistigen Kostzufuhr so bescheiden, daß sie nur die Telegramme, das Fettgedruckte oder das am Kopf mancher Blätter stehende Neueste lesen. j Eine Wochenschrift kann und soll mit diesem Autotempo niemals konkurrieren. Sie muß sich bescheiden. Bei unserer Zeitung kommt, um die schnelle Berichterstattung zu erschweren, noch hinzu, daß sie schon Donnerstag ausgegeben, Dienstag j ausgedruckt wird, daß also Vorgänge, die von Dienstag an! passieren, für die nächste Nummer, manchmal also 10 bis il - Tage, aufgeschoben werden müssen, um den kostspieligen Um-! bruch einer Zeitschrift zu vermeiden.? Und dann: was ist denn die Folge der Sucht nach j Aktualität? Man kontrolliere doch seine eigene Zeitung: was - morgens berichtet wird, erlebt häufig am Mittag seine Veränderung und am Abend seinen Widerruf. Und ferner, es ist j. oft von so geringem Wert, daß es, kaum gemeldet, vergeffen! wird, weil es keine Folge hat und haben kann. Man verstehe diese Ausführung nicht falsch: man kann ein Freund abgelagerter Weine und lange konservierter Zigarren sein und braucht deswegen abgestandene Nachrichten nicht zu lieben. Aber ein wirklich wertvolles Ereignis muß gar nicht hastig und brühwarm den Lesern vorgelegt werden, j es bleibt neu, wenn auch einige Tage seit seinem Geschehen! vergangen; man hat in der Zwischenepoche Zeit, über die! Bedeutung der Sache nachzudenken, ihren Wert zu prüfen,! ihre Bedeutung zu ersaffen. Was haben wir denn zum Beispiel von den eilig! zusammengeschriebenen Premierenberichten, die in unseren j sämtlichen Tageszeitungen zu lesen sind? Den flüchtigen j Eindruck einer Stunde, in Müdigkeit zusammengeschrieben, j wenn der Aerger noch nicht verdampft ist, oder eine nicht ganz! berechtigte Hurrastimmung, die noch im Kops und Herzen des Rezensenten sitzt. Da sind diesogenanntenleichtsertigenFranzosen ganz andere Leute. Die meisten größeren Pariser Blätter, wenigstens die ernst zu nehmenden, das Journal des Debats und Le Temps bringen neben den flüchtigen, unmittelbar nach der Aufführung erscheinenden Impressionen Theaterwochenberichte, in denen es dem Autor möglich ist, seine gesammelten Eindrücke vorzutragen, sein erstes vorschnelles Urteil zu berichtigen, dem Leser das zu geben, was er verlangen kann, eine! wirkliche Würdigung des Stückes, eine ernste Betrachtung der; Leistungen der einzelnen Künstler. . . ■ j Eine Wochenschrift kann und soll den Ereignissen nicht j blindwütig folgen, sie soll sie auswählen, d. h. das Wertvolle vom Wertlosen, das Bleibende vom Vergänglichen scheiden, j sie soll sie gruppieren, sie soll ihre Bedeutung bestimmen.! Ich möchte, den Anspruch erheben, in dieser Beziehung die j richtige Mitte zu treffen; gewiß kommt es vor, daß ein wichtiges Vorkommnis etwas spät gemeldet oder erst nach einem längeren Zeiträume gewürdigt wird, aber im allgemeinen ist die Zeitung eine Chronik der Hauptgeschehnisse! geblieben. j Die Tadler mögen aber noch einen Umstand bedenken, j unter dem Schiller, gewiß einer der besten Redakteure aller j Zeilen, litt und worunter jeder Redakteur leidet. Es ist der Mangel an geeigneten und stets bereiten Mitarbeitern, i Ich betone: geeigneten, denn an Mitarbeitern fehlt "es nicht.! Ost sind deren nur zu viele, und wenn ich nicht allwöchentlich ein halbes Dutzend Manuskripte zurückschickte, so würden meine Schränke bald nicht mehr ausreichen, das Material zu verwahren. Um nur ein Beispiel aus jüngster Zeit anzuführen :

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