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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-29 · Heft 52 (29.12.1911) · p. Seite 619

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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Fremde betrachtet hier ein Abendmahl von Murillo und wandert weiter, um dem in dieser Gegend liegenden Wohnhaus des7 beliebten Malers einen. kurzen Besuch.abzustatten. Einsicht in das. Walten einer längst unterdrückten Religions? gemeinschaft vermag er nicht mehr in sich aüfzunehmen. Etwas deutlicher von den Erlebnissen des Judentums spricht die Stqdt Cordova. ., . - Dort hat der gelehrte Rabbi Moses Maimonides (1135 bis 1204) gelebt und. gewirkt.. Die Jahrhunderte haben seinen Namen nicht verwischt, die Calle Maimonides führt noch heute zu den Resten der ehemaligen Synagoge.. Daß in Cordova Bleibendes in bezug auf Kunst erzielt war, wußte ich, hatte aber die größte Schwierigkeit, das heutige monumento, nacional, das Bädeker verschweigt, in dem Labyrinth winkliger Gassen, aus dem die Stadt, einst „die Zierde goldreichen Landes" zurzeit besteht, auzufinden. Und doch lohnte es der Mühe! In einem Patio mit blühenden Gewächsen steht das baufällige Gebethaus, auf den weiß getünchten Wänden finden sich Reste hebräischer Inschriften, zierliche Arabesken, wie sie der maurischen Kunst zu eigen. Im Jahre 1588 ward der vormals jüdische Tempel dem heiligen Crispin, dem Patron der Schuster und Weber, gewidmet. Als der Kaplan Mariano Pärraga den Kunstwert der alten Synagoge erkannte, nahm -sich der Ssaat des Monuments an. Wenn nun auch der Zerstörung halt geboten ward, so geschieht leider doch nichts , für die Restauration. Ein junges Mädchen, die unvermeidliche rote Nelke hinter dem Ohr, plättete eifrigst an der Stelle, aus der einst die Rabbis das .Gesetz gedeutet hatten. Um uns nach all dem Staub und Schutt auch etwas Hübsches zu.. zeigen, führte sie uns in den Vorraum, in welchem sie ihren Hauptaltar errichtet hat. Auf einem Tischlein zwischen verstaubten Blumensträußen prangten Heiligenbilder und Krippen, große Puppen mit. grellen Augen unter Glas, eine Madonna mit sieben Schwertern und dem Spitzentaschentüchlein in wächserner Hand, und' davor stand die kleine Carmen und erwartete strahlenden Blickes unser Lob. „Jedem steht sein bestimmter Tag bevor," sagt Vergil, man betet nicht mehr zu Jehovah am Strand des Guadalquivir, man tut es auch nicht am Tajo, in Toledo, wo einst die berühmtesten und reichsten Synagogen von der aufsteigenden Entwicklung des Judentums gesprochen. Während der Herrschaft der Mauren genossen die Hebräer Frieden und Glaubensfreiheit in der alten Stadt, die durch Seiden- und. Wollindustrie, durch Massenfabrikation zuhohem Wohlstände gelangte. Selbst als Toledo Residenz der kastilischen Könige ward, ■ wußten sie sich zu halten. Sie suchten zu beweisen, - daß sie unschuldig seien am Blute Christi.- Als Kaiphas die Stimmen der Juden einsammelte, äußerte sich ein Stamm entschieden gegen die Kreuzigung, und just die Juden von Toledo hielten: , sich für die Nachfolger dieses Tribus. Im Archiv des Vatikans befindet sich das interessante Dokument, in welchem sie ihre Meinung bekräftigen, im Original in hebräischer Sprache, daneben die lateinische Üebersetzung: Mit dem Auftauchen der fanatischen Kirchenfürsten verschlechterte sich das Los der Juden. Erst wurde ihnen der Markt, dann ihre Tempel genommen. Als die Geschichte von dem gestohlenen Christenknaben — hier hieß (er Juan Pafsamante — auftauchte, waren die armen Verfolgten und ihr Hab und Gut verloren und den grausamen Instinkten der Menschheit preisgegeben. Es hieß, sie hätten den Jungen gekreuzigt, sein Herz aber als Amulett gegen die Inquisition aufbewahrt.— Ein sehr schlecht erfundenes Trugbild,- und doch ein Stoff, dessen sich Dichter und - Maler bemächtigt „ El ' Nmo Perdido " - ' und sein angeblich schreckliches Geschick findet man hier zu Lande oft an die Wand gemalt. Im Jahre 1492 wurde aus Befehl Ferdinands und' Jsabellas jeder ungetaufte Jude gezwungen, Spanien zu verlassen. 170000 Menschen zogen in die Verbannung, dem Verlust von allem, was sie sich erworben, dem Uebertritt in eine Religion, die mit blutigem - Schwerte überzeugen wollte, vor. Augustus I. C. Hare, dem ich einige dieser Daten entnehme, spricht den Satz aus: The expulsion of the Jews was the ruin of Toledo.• Vom höchsten Punkt der Stadt blickte ich gestern abend aus das alte Gemäuer, den Tajo in tiefer Schlucht, alles be-. gossen vom weißen Mondlicht, still und feierlich, groß und er- . haben. Ein einheitliches Gefüge des Mittelalters, erstarrt in allen Formen, ohne wachsende Entwicklung, ohne Verkündigung neuen Heils! Die tief hinabreichenden Wurzeln von Toledos Blüte finden keine Nahrung mehr. Die beiden Synagogen, die sich hier als Kunststätten er- - halten haben, unterscheiden sich von den alten Moscheen nur durch einige hebräische Inschriften, beide sind zum Monumento nacional erklärt. Der kleinere Tempel, auch Santa Maria la : Bianca genannt, entstammt dem XIII. Jahrhundert. Heilige Erde aus Palästina, Zedern vom Libanon wurden herbeigeschafft,.um verehrungswürdig, stark und schön zu gestaltet, was dem Gedanken an Gott Ausdruck zu geben hatte. Aber S. Vincentius Terrerius, einer der berühmtesten Prediger des Dominikanerordens (s 1419), setzte seinen wundertätigen Fußaus den harmonischen Bau, und so ward er nacheinander Kirche^ Asyl für Büßerinnen, Kaserne^ Magazin, bis man ihn' nun weiß getüncht und leidlich restauriert hat. Der schönste, aller Tempel, die Spanien besitzt, ist dishiesige Sinagoga dei Transite, die im 14. Jahrhundert durch ' den Rabbi Meir Abdeli im Modejarenstil — arabischer, Geschmack unter christlichem Einfluß — ins Leben gerufen wurde. Samuel Levy, der Schatzmeister Peters des Grausamendessen Haus noch heute gezeigt wird, hatte das Geld zum Prachtbau hergegeben., Es handelte sich um eine Verschönerung der Stadt, die man damals gern ' sah. Trotz seiner eminenten Verdienste ging es dem armen Donator recht schlecht.' War doch Don Pedro ein Mann, gegen welchem selbst ein Cesäre Borgia voller Skrupel erscheinen mag. Hier möchte ich einen französischen Berichterstatter zetieren: II — Peter der Grausame — se defit de lous les Chevaliers inhabiles ä lui plaire, meine de son tresorier le riche Samuel Levi, qui,. en maintes'occasiöns, s’etait montre envers lui fidele, honet d’une excessive generosite. Der einschiffige Bau mit seiner Decke aus Zedernholz und Einlagen von Elfenbein, seinen reizvollen Arabesken und Inschriften, hqt gleichfalls viele Wandlungen durchgemacht. Gegenwärtig wird stark darin gearbeitet, und nur durch Empfehlung-ward mir der Eintritt gewährt. Der schöne) nicht, zu große Raum soll seinem — hoffentlich letzten Zweck zugeführt werden. Ein Forschungsinstitut für hebräische Sprache und Literatur wird, wie man sagt, sehr bald hier seinen Sitz finden. ‘ Margarete Marasse. ' ' _■ .... . Tierschutz im Judentum. Von Prof. Dr. Verthold Kohlbach. - ' (Schluß.) ie Tradition steht ganz unter dem Banne des Blutverbotes; sowohl in der Mischnäh, wie in den Talmuden spielt - das' Entleeren des Fleischesvom Blute eine große Rolle; -Keritoth -pag. -22 entscheidet,--welches Blut eigentlich

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