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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-29 · Heft 52 (29.12.1911) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
Seite 618 (sequence 6)
Language
German
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überhaupt nicht existiert, dort ist die Taufe eine Heuchelei'^ Aber so ganz ohne Ueberzengung tritt der jüdische-Renegat' nicht vor das. Taufbecken, in der Ueberzeugung nämlich, daß ' er: nür unter dieser Bedingung als gleichberechtigtes Mitglied^' in dieser, vorurteilsfreien, antireligiösen Gesellschaft angesehen * werden kann und darf. Von diesem Standpunkte aus fragte * es sich : welcher Liefe Ernst dürfte in einer solchen Gesellschaft' herrschen, wohin der Weg der Heuchelei führt. J Aber so ganz ohne Sympathie stehen -wir Juden dem ' Sozialismus gegenüber nicht. Ist doch der Sozialist derjenige, welcher unseren säkularen Feinden derbe Wahrheiten ins' Gesicht sagt, ohne widerlegt zu werden, die aus dem Munde, oder der Feder eines Juden mit den überzeugendsten und? schlagendsten aller Argumente — wohl nicht widerlegt — ' bekämpft werdenwelche die christliche Liebe auszuweisen hat, / wie Inquisition, Pogrom, Boykott, Fluch, Schimpf in Ausdrücken niedriger Spelunken usw. (Duobus certentibus tertius gaudet.) Der Anblick von der- Teilung der Räumlichkeiten / in der Synagogefür die Männer und Frauen macht ', vielmehr den Eindruck der Sittlichkeit und der. Pietät ' als der Geringschätzung für das Weib im Judentume. Solche/ Trennung ist im Judentume von jeher da gewesen. Der,, Talmud (Sukka 51 b) berichtet, daß infolge einiger Er-!' eignisse von Leichtsinn beim berühmten Lichtfeste in den Laub-' Hüttenfeiertagen, der Sitz der Frauen im Tempel oberhalb ', des Männersitzes sich befand und mit einem Geländer versehen , wurde. Auch in der protestantischen Kirche sah ich beids/ Geschlechter, wenn auch in einem und demselben Raume, aber , einen besonderen Sitz einnehmen, und dort, wo das nicht der Fall ist, haben böse Zungen Anlaß, von gewissen Rendezvous^ in der Kirche zu erzählen. Es ist allgemein zugegeben, daß die Stellung der Frau im^ Schoße des Judentums im Vergleiche zu ihren Geschlechtsgenossinnen bei den anderen Völkern des Altertums im, besonderem Vorteilewär. Sie war und ist nicht die Sklavin., ihres Mannes, sondern seine Schutzbefohlene, der gegen-!, über er besondere Pflichten zu erfüllen hat. Er hat! ihr das Leben angenehm zu machen und selbst für ihren.' Schmuck zu sorgem Der Talmud lehrt: Jedesmal soll der/ Mensch essen und trinken unter seinem Vermögen, sich kleiden gemäß seinem Vermögen, und seine Frau ehren über seinem/ Vermögen. (Schulin 84.) ' Die Stellung der jüdischen Frau ist nach der biblischen/. Vorschrift gleich der ihres Mannes: „Ehre Vater und Mutter",., lehrt das Zehngebot. „Jedermann soll Mutter und Vater ehrsürchten." Die Bestimmung der Frau im Judentums ist, nicht auf das Kindergebären und Kinderwarten beschränkt,., sondern erstreckt sich auch auf die Erziehung der Kinder. So/ sagt Salomon: „Höre, mein Sohn, auf die Zurechtweisung,, deines Vaters und vernachlässige nicht, die milde Lehre deiner,. Mutter". (Mischle.) Als Raw gefragt wurde, warum, er seine böse Frau so. liebreich behandle, sagte er: Die Frauen haben das Verdienst,.,, daß sie unsere Kinder erziehen. (Jebamoth 63) Erziehung setzt bedeutendes Vertrauen voraus. Der Verfasser erwähnt mit Recht die Todesstrafe, für den Mangel der Jungfernschaft, die die Bibel vorschreibt. Aber dieses Gesetz blieb in der späteren jüdischen Gesetzgebung ein toter Buchstabe. Diese ist im Verlaufe des Volkslebens nicht stationär gohlieben. Die Rabbiner haben alle Vorschriften deH Bibel weiter entwickelt und dort /gemildert, wo diese zu hart«: warso daß sie die vielen Todesstrafen der Bibel derart ver-<- klausuliert haben, daß Dr. Rabinowicz mit Recht, sagen konntedie- Rabbiner waren Abolitionisten. Ein Synhedriou, das einmal in 7 (bzw. 70) Jahren ein Todesurteil gesprochen hat, wird in den Annalen mit dem Namen: „Peinliches Gericht" stigmatisiert (Makkoth 7). In öffentlichen Angelegenheiten war die Frau im'Judentum freilich dem Manne nicht gleichberechtigt, aber man darf nicht vergessen, daß gleiche Rechte auch gleiche Pflichten fordern) um vice versa, unb nicht alle Pflichten des öffentlichen Lebens kann die Frau erfüllen. So z. B. die Militärpflicht, da sie nicht jederzeit schlagfertig dastehen kann. Dem Rufe: Haumbal aute portas kann sie nicht immer folgen. Die Frau Hauptmann dürfte zufällig ihr neugeborenes Kind stillendie Frau Leutnant im Kindbette liegen, und Fräulein.Feldwebel hochschwanger sein. Umgekehrt verhält es sich im Kampfe der Juden um die Gleichberechtigung, die sämtliche Bürgerpflichten erfüllen, und um die Bürgerrechte vergebens kämpfen. (Rumänien, Rußland.) Nach dem oben Gesagten können wir nicht begreifen, wieso im Tempel von Jerusalem, wo, wie wir gezeigt haben, die strengste Sittlichkeit herrschte, Freudenmädchen Versammlungen halten konnten und durften. Die Erlaubnis zum Eintritt in seine Räumlichkeiten waren selbst für Laien, vielmehr noch für Frauen beschränkt. Dieser Tempel hatte weder Vestalinnen noch weibliche Priester. In seiner nächsten Nähe, auf dem Tempelberge, war der Sitz des Synhedrion, einer von höherer Sittlichkeit getragenen Gelehrtengesellschaft. Diese gänzlich unbegründete Verleumdung kann nicht das Geisteserzeugnis eines Bebel sein, aber wenn er sie aus dem Munde eines verräterischen Renegaten her hatte, so hätte sich Bebel erst reiflich überlegen sollen, ob er solche den Juden ins Gesicht schleudern darf. Ich habe schon viele Verlogenheiten gegen Juden und Judentum bekämpft, aber einer solchen habe ich noch nicht gegenübergestanden. Sie verdient und braucht keine Widerlegung, Bebels Pflicht ist es, seine Behauptung zu beweisen. Dr. K. Lippe, Przemysl Galizien (früher in Jassy). Die Juden von Toledo. on jeher Haben die Juden in der Entwicklung der Völker eine Rolle gespielt. Mit Hilfe der Araber und unter- , deren weisem und toleranten Regiment haben sie in Spanien, vor allem in Andalusien, Wohlstand und Wissenschaft erworben und verbreitet. Mit der Vernichtung der mohammedanischen Welt ging der blühende Handel zugrunde, brach das kleine Reich Israels auf der iberischen Halbinsel zusammen. .Dem recht kräftigen Zugreifen der Rehes Catolicos, Ferdinands undJsabellas, dem Kardinal Jimenes und der : Einführung der Inquisition ist die Ausrottung nur zu gut gelungen. > Trotz dieser mir bekannten historischen Tatsachen bin ich bei meinem mehrmonatlichen Aufenthalt in Spanien von der Schwierigkeit, jüdische Kulturen aufzuspüren, ehrlich überrascht.^ . Nirgends ein Friedhof, eine kleine Gemeinde, selbst der Begriff des Judentums scheint beim Volke ausgestorben. Der Name Juderta, Judenviertel, ist an wenigen engen Gäßchen in Sevilla, Cordova usw. kleben geblieben, auch nennt man einige, längst dem Christentum überlieferte Kirchen noch heute Synagogen. So in Sevillawo. der Barockbau; Santa Maria la Blanca bis 1391 jüdischem Kult gehörte. Der

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