Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- Seite 617 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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617 und Damen) benahm, die den Jammer ihrer Blutsgenoffen mit ekelhaften Witzen begleitete. Die meisten anderen kühlten nur ihr kritisches Mütchen an den. Klagenden, indem sie Weisheiten wie diese zum besten gaben: Damit werden die Juden ihren Tempel nicht wieder aufbauen, oder: Statt so zu jammern, sollte Vas Gesindel sich waschen, oder: Diese Schweinebande spielt Komödie, oder: Hier sieht man wieder mal deutlich, daß die Juden eine niedere Rasse sind, so würdelos tragen nur Halbwilde ihren Schmerz zur Schau. Die klagenden Juden aber (Männer, Frauen und Kinder) - hatten kein Ohr für Witz und Kritik. Sie lehnten ihre Stirnen an das schmierige Mauerwerk, unempfindlich auch gegen die ' Wolken von Fliegen, die um jeden Kopf herumbrummten, und stöhnten ihre alte schöne Klage, die auf deutsch so lautet: Wegen des Tempels, der wüste liegt, Sitzen wir einsam hier und weinen. Wegen der Mauern, die zerrissen sind, Sitzen wir einsam hier und weinen. Wegen unserer Majestät, die dahin ist, , Sitzen wir einsam hier und, weinen. Wegen unserer großen Männer, die darniederliegen, Sitzen wir einsam hier und weinen. Wegen der prächtigen Steine, die verbrannt sind, Sitzen wir einsam hier und weinen. Wegen der Priester, die gestrauchelt haben. Sitzen wir einsam hier und weinen. Wegen unserer Könige, die IHN verachtet haben. Sitzen wir einsam hier und weinen. Es gab alte Frauen, die steif und starr dastanden und die Worte wie kindisch geworden. herplapperten, — aber es n rannen ihnen die Tränen die knochigen Wangen hinab; andere flüsterten bloß und hielten die Augen geschlossen; ein alter Mann näselte mehr zornig als klagend vor sich hin und starrte wild auf hebräische Schristzeichen, die über ihm an der Mauer aufgemalt waren, ein junger rotblonder sang den Text in einem lächerlichen und dennoch ergreifenden Diskants aber erschütternd war ein junges Mädchen, das sich in einen Winkel gedrückt hatte und nur .schluchzte: Schultern und Rücken bebten ruckweise, wie in einem Krampfe. Bei keinem dieser Menschen hatte ich den Eindruck einer bloßen konventionellen Kulthandlung. Es waren lauter Ergriffene. Ich denke mir, 'daß Christus mit seinem Herzen bei ihnen wäre und nicht bei seinen Gläubigen, die sich über sie mokierten. Er würde auch mich mit meinem Kodak davongejagt haben, wie dazumal die Schacherer aus dem Tempel, aber ich konnte es nicht unterlassen, obwohl ich mich dessen schämte, den ausdrucksvollen Jammer zu photographieren." Zum Schluffe mag noch eine Stelle über den Besuch der , Pyramiden in der Nähe von Memphis folgen, ein echter Bierbaum, der seine Gedanken über die teutonische Judenriecherei des Literarhistorikers Bartels mit herzerquickendem Humor zum Ausdruck bringt (S. 292): „In der Entfernung ragten wie Schemen, gelbrosa, ein paar Pyramiden aus: körperlos, ganz nur farbige Erscheinung. Und der Himmel schien eher weiß als blau. Hier allein, und ich würde mich nicht wundern, wenn Engel vom Himmel stiegen und mit mir in fremden Zungen redeten, die ich plötzlich verstünde. Ja, wenn der alte, böse Judengott selber käme, in einem weißen Burnus, sonst aber ganz wie Hermann Bahr (letzte Allüre) anssehend, und spräche mich hebräisch an: ich wäre gar nicht erstaunt und würde antworten wie ein Rabbiner. (Himmel, wenn das mein guter Freund Bartels liest! Dann wird seine Liebe zu mir keine Grenzen mehr haben. Denn er wird endlich merken, daß ich wirklich ein Züdensprößling bin. Än mein Herz, Adolf, holdester aller Germanen! Ich glaube zwar, daß du übel riechst, aber deine Seele ist rein, seitdem du das Dichten gelassen hast. O, liebe mich weiter und höre niemals auf mich zu Lieben. Du bist mein Labsal, Adolf; glaub es nur! Die zwanzigste Auflage des „Prinzen Kuckuck" werde ich dir widmen und keinem anderen. — Doch mein Gefühl überwältigt mich. Ich muß die Parenthese schließen', mit der ich meinen Bartels umklammert habe, und zu den heiligen Ochsen kommen".) R. E. LLpektorstiomn rinrs Sozialisten.?^^n der 40. Auflage seines Werkes: „Die Frau und der ^\ Sozialismus" sagt August Bebel S. 23: „Als Zeichen der tiefen Stellung, die später bei den Juden die Frau einnahm, ist weiter darin zu finden, daß noch heute die Frauen der Synagoge in einem von den Männern getrennten Raume dem Gottesdienst beiwohnen." S. 40: „Bis ungefähr 150 Jahre vor unserer Zeitrechnung war der Tempel zu Jerusalem der gewöhnliche Sammelplatz der Freudenmädchen." S. 160 klagt der Verfasser über Schopenhauer und Lombroso und sagt: „Wir haben kein wissenschaftliches Werk von solchem Umfang kennen gelernt, das über abgehandeltes Thema so wenig beweiskräftiges Material enthält." Dem gegenüber bemüht sich der Verfasser in seinem Werke überall seine Behauptungen mit .historischen und literarischen Beweisen und mit richtiger Hinweisung der angeführten Zitate aus anderen Schriften zu stützen und glaubwürdig zu machen, mit Ausnahme der oben angeführten, das Judentum betreffenden Stellen, für die er nicht den Schatten eines Beweises oder Hinweises ansührt. — Glaubte etwa der Verfasser, daß im Judentums bereits alle Kenner seiner Geschichte und Literatur ausgestorben seien, die ihn einer Falschheit überführen könnten? Oder ging er von der allgemein herrschenden Ansicht aus, daß Verleumdungen der Juden auch ohne allen Beweis — etwa wie die schändliche Lüge vom Ritualmord — geglaubt werden? Oder hat er sein Werk bloß für seine Gesinnungsgenossen geschrieben, in der Meinung, dasselbe werde in keinesJudenHände gelangen? Uns will es aber scheinen, als hätten diese Aussagen den Apostaten gesucht, gleich den Expektorationen des verkommenen Jesuitengehirnes. Denn es macht den Eindruck, daß, so es sich darum handelt, den Juden etwas am Leibe zu flicken, selbst der Sozialist sich nicht scheut, bei den Jesuiten eine Anleihe zu machen, das heißt sich beim Ueberläuser, dem jüdischen Renegaten — und deren wimmelt es unter den Sozialisten —, Rats zu holen. Es ist nicht meine Absicht, mein Urteil über das sozialistische Ideal zu sprechen. Vom jüdischen Standpunkte betrachtet, haben wir von der sozialistischen Bewegung ebensowenig unser Heil zu erwarten, wie vom weiland Liberalismus, der uns verraten hat, oder vom Freimaurertum. Das harte Los der Juden in Rumänien rührt größtenteils von der liberalen Partei her; die Maurerlogen haben sich daselbst schon lange auf das nationalrumänische Terrain zurückgezogen; ihnen folgten die Sozialisten, die ihre jüdischen Gesinnungsgenossen äusschieden und mit besonderer Rücksichtslosigkeit drückten, sofern sie eine offizielle Stellung einnahmen, als Prefäkte usw. ' Es scheint freilich etwas paradox, daß ein internationaler alle Religion verleugnender Weltverein die Judentause in seiner Mitte/ duldet. Denn wo eine religiöse Ueberzeugung