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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-29 · Heft 52 (29.12.1911) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
Seite 616 (sequence 4)
Language
German
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Straße mit dem poetischen Nußbaumwinkel wird viele Freunde finden. Von Meta Cohn sieht man ganz Vortreffliches auf, ' dem Hochgebirge (Oberengadin) und zwei Worpsweder Stücke. (Sehr beachtenswert „Felder von Worpswede"). Auch einige fleißige Radierungen will ich nicht übergehen.. Eine schöne Wirkung erzielt Herrmann Hirsch mit dem Landhaus im Park „Dämmerung". Die strenge kahle Winterschönheit schildert F.Levy in einer ansprechenden sauberen Federzeichnung „Schulhof im Winter". Vielsagende Interieurs und eine Radierung „Weiblicher Akt" in bemerkenswerter Negativtechnik hat M. Lewi ausgestellt. R. Lippmann malt einen köstlichen „Kleinen Hasenplatz" im.Van Gogh-Stil. Der gutbekannte Julius Rosen bäum zeigt eine Reihe Eindrücke vom „Stettiner Hafen", den „Fischmarkt" in Breslau in zwei Radierungen und ein Porträt seines Kollegen Giebelhanseü. Helene Wolffs Kunst verdanken wir ein prächtiges Kolorit „Feldblumen". Benno Wulfsohn hat Marmestücke und e^l „Herrenporträt" ausgestellt, außerdem zwei Skizzen Berlin s’amuse. — Von jüdischen Bildhauern ist der bekannte Max Levi mit einer seinlinigen Jünglingsfigur „Im Alter der Sehnsucht" vertreten. Der Maler und Bildner Plessner vereinigt satirische Skulpturen wie „Reaktion" und „Dorsphilosoph" mit Rosenbergs ernsten kunstgewerblichen Bronzen „Petschaftfigürchen" „Laufender Jaguar" und „Bildhauer" (Plakette). Wenn der Berliner Künstlerbund auf dem. eingeschlagenen Wege weiterwandelt, wird ihm der verdiente Erfolg nicht ausbleiben. r mp Wo man lir am memsltm erwartet. o man sie am wenigsten erwartet, findet man häufig Nachrichten und Urteile über Juden und Judentum. Unter dem Titel „DiePankee-Doodle-Fahrt und andere Reisegeschichten" veröffentlichte Otto Julius Bierbaum 1909 eine vom köstlichsten Humor getragene Beschreibung einer Mittelmeerreise, die er im Beginne seines schweren Leidens auf einem Dampfer der Hamburg - Amerika Linie machte. Lustige Schilderungen der Erlebnisse und Eindrücke auf der langen Fahrt in der bunt zusammengewürfelten Reisegesellschaft wechseln mit ernsten, gediegenen Betrachtungen über politische, soziale, literarische und künstlerische Dinge. Die Beurteilung weicht von der . aus den früheren Werken Bierbaums bekannten oft wesentlich ab; steckte dem Verfasser nicht immer der Schalk im Nacken, man würde den Dichter häufig nicht wiedererkennen. Auch über die Judenfrage äpßert er sich wesentlich ruhiger und objektiver, als er es vordem im „Prinzen Kuckuck" getan Die Reise führt unter anderem nach Aegypten und Pal ästina beide Länder bieten Veranlassung zu ausführlichen Bemerkungen über die Juden. Zu den ersten Eindrücken nach der Landung in Palästina gehören die zahlreichen Orangengärten in der Nähe von Jaffa. Ihre Erwähnung begleitet der Dichter mit folgender Betrachtung über Zionismus und Antisemitismus (S. 352): „Doch dürfen auch die jüdischen Nothschildkolonisten nicht vergessen werden, die sich besonders als Weinbauern auszeichnen sollen. Sie haben dem neuen Reiche Juda gut vorgearbeitet, das die Zionisten anstreben. Ich mußte in Palästina oft an diesen neu-jüdisch-praktischen Idealismus denken, der, wenn er sich einmal in Taten umsetzen sollte, eine ungeheure Arbeits- und Opsevwilligkeit erfordern würde. Zionist sein, heißt einen schrankenlosen Glauben an die Kraft und Hingebung des jüdischen Blutes haben. Schon der Gedanke, des Zionismus, die Tatsache der Existenz eines solchen Glaubens beweist, daß dieses Blut von unzerstörlicher Eigenheit ist. Die Römer muffen diese Kraft geahnt haben. Die fürchterliche Grausamkeit, mit der sie bei der Zerstörung des Judenstaates vorgegangen sind, weist darauf hin. Ganz Judäa verfisl dem kaiserlichen Fiskus und wurde an Fremde versteigert; das Terrain von Jerusalem mußte überdies 90 Jahre unbebaut bleiben; die Stadt selber wurde buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. ,Und*, berichtet Fallmerayer^) nach Flavins Josephus, ,mehr als vier Stunden in der Runde hat das römische Belagerungsheer die Landschaft ckahlgeschoren, das Baum- und Buschleben bis auf die letzte Spur vertilgt und im letzten Akt des Trauerspiels nicht bloß .alle. .von. Juden bewohnten Ortschaften Palästinas, über tausend an der Zahl, zerstört, sondern in seinem Rachegesühl auch noch die Quellen und die Brunnen verschüttet. Dieser kolossale Antisemitismus deutet nicht auf'Verachtung. — Und nun zu denken, daß dieses von der antiken Weltmacht zertretene Volk über die ganze Erde zerstreut (selbst in China gibt es alte jüdische Gemeinden), von Religions und von Rasse wegen gehaßt, verfolgt, gedemütigt, eingesperrt, dennoch innerlich zusammengehalten und sich in der Diaspora zu einer Macht erhoben hat, die fast aus jedem Gebiete des heutigen Lebens wirksam ist: wer möchte angesichts dieser unerhörten geschichtlichen Wahrheit nicht vorziehen, dieses Volk des Ostens hoch zu achten und seine völlige Einordnung in die westlichen Nationen zu begrüßen, statt ihm mit Hohn und Haß entgegenzutreten? Es gibt nur einen vernünftigen Antisemitismus: das ist der der Juden selber, die, zu guten Europäern im Sinne Nietzsches geworden, alles Oestlich-allzuöstliche der semitischen Anlage im jüdischen Blute bekämpfen, weil sie sich bewußt sind, daß die kulturellen Tendenzen sichvom Osten wegwenden, daß der Geist des Westens, dem sie sich mit gutem Fug und Recht zugeschworen haben, der Geist der Entwicklung ist, und daß er zwar des Judentums nicht entraten kann, dem diese Entwicklung wesentliches verdankt, wohl aber sich gegen die semitischen Atavismen zu wehren hat, die ihm ohnehin, und nicht von jüdischer Seite her, viel zu schaffen machen. Der jüdischnationale Zionismus wird ein Intermezzo des jüdischen Geistes bleiben, dessen wesentliche Bedeutung von internationaler Perspektive ist, obwohl der einzelne Jude sich merkwürdig gut, insbesondere zum deutschen Patrioten eignet. Es ist dasselbe wie bei der internationalen Hocharistokratie. (Es gibt keine bedeutsamere Erscheinung, als die Verbindungen, die zwischen altadligen und alttestamentarischen Familien zustande kommen)." In Jerusalem fühlt sich der Verfasser durch die im allgemeinen falsche und geschäftsmäßige Frömmigkeit stark abgestoßen. Den Eindruck einer echten, tiesinnerlichen Religiosität empfängt er nur an zwei Stellen, in der Marienkirche und an der jüdischen Klagemauer. Der Dichter, der sonst voller Teufel steckt, wird hier stark ergriffen, und geradezu begeistert schreibt er (S. 383): „Dafür habe ich mich um so länger an der Klagemauer aufgehalten. Dort begibt sich etwas Krasses: die äußerste Erniedrigung großen Leides. Die Klage der Juden um das verlorene Zion als Attraktion für Touristen: das, ist ein Rekord auf dem Gebiete menschlicher Gefühllosigkeit, ein unüberbietbarer Beweis für den großen Irrtum dessen, der am Kreuze starb, um die Menschheit zu einer Gemeinde der Liebe zu machen. Doch muß ich sofort hinzusügen, daß sich am widerwärtigsten eine Gesellschaft westlicher Juden (Herren y Gemeint ist Jac. Phil. Fallmerayer, Ges. Werke I, 1861.

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