Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 51 Berlin, 22. Dezember 1911 V e i I g s e zyr „Ällgemeineu Leitung de§ Judentums^. Sorrrlpondrn?m und Nachrichten. Deutschland. - *.* Berlin, 19. Dezember.. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur veranstaltete am 12. d. M. eine Gedenkfeier anläßlich der Wiederkehr des hundertsten Geburtstags Ludwig Philippsons, des Begründers^der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Das Podium war mit grünen Blattpflanzen reich geschmückt, in deren Mitte.. eine Büste Philippsons aufgestellt war. Ein Orgelprälüdium leitetedie Feier ein, worauf Herr Rabbiner Dr. Freudenthal aus Nürnberg die Gedenkrede hielt. Der Redner entwarf ein ungemein fesselndes Bild von dem arbeit- und. erfolg-- gesegneten Leben Philippsons, schilderte seine freudlose Jugend, wie ihm z im zarten Kindesalter der Vater starb, der. ebenfalls ein bedeutender? Schriftsteller war und. wie später der Sohn ein Epigone Moses Mendelssohns. Ludwig Philippson war der typisch ausgeprägte Mann der Mittelpartei. Politisch wie religiös fortschrittlich gesinnt, dabei die Tradition und Pietät streng bewahrend. Deutschtum und Judentum müssen nebeneinander bestehen können. Ihn kennzeichneten s ein starker Optimismus und ein vorsichtiges Wägen bei allen, insbesondere religiösen Fragen. Er war ein „eminent politischer Theologe". Sogar von der. Kanzel herab besprach er politische Fragen. Das Charakteristischste an Philippson aber war . sein überaus praktischer Sinn. Als Politiker wie als Theologe und auch als Sozialpolitiker, immer suchte und fand er daS für den Augenblick Beste und Erreichbare. Dieses Streben machte Philippson zu dem Kämpfer, der die Gleichberechtigung der Juden erkänipfen Half, der mit Feuereifer gegen den Gedanken auftrat, die Juden aus Rücksicht auf ihre religiösen Bedürfnisse vom Heeresdienst auszuschalten und der in allen praktischen, allgemeinen wie religiösen Fragen stets im t rechten Moment das rechte Wort, die rechte Tat fand. Keime aus Philippsonscher Saat sind vielfach erst spät aufgegangen. So ist der von ihm angeregte Gedanke eines Zusammenschlusses der Gemeinden, verwirklicht im israelitischen Gemeindebund, der jetzt ebenso wie die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums als Fortsetzung des früheren Instituts unter Leitung seines Sohns, des Professors Dr. Martin Philippson steht. Auch der glänzende Publizist^ und Schriftsteller Ludwig Philippson fand gebührende Würdigung. Er hat gestrebt, die jüdischen Ideen zu popularisieren und trat für die Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern energisch ein. — Die warm empfundene Rede machte einen tiefen Eindruck auf daS zahlreich erschienene Publikum, das den Dank für das Dargebotene durch lebhaften Beifall zum Ausdruck brachte. Orgelnachspiel beschloß die würdige Feier, — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Mainz sprach Oberlehrer Dr. Lorge über „Pädagogische Grundsätze und Erfahrungen aus altisraelitischer Zeit"; in Mannheim Schriftsteller Hermann Simsheimer-Ludwigshafen über „Der Jude in der Schauspielkunst"; , in Lissa Fräulein Margarete Schwarz aus Dresden über „Die jüdische Seöle in Ernst und Schsrz" (mit Rezitationen); in Memel Dr. Cohn-Wiener-Berlin über „Die Bibel in der klassischen Kunst Deutschlands und Italiens"; Rabbiner Dr. Stein daselbst über „Grundlagen dtzr Philosophie" und am selben Abend hielt Vorträge von Liedern deutsch-jüdischer Mundart Konzertsänger Leo Gollanin; in Stendal Albert Küß über den „Talmud und feine Bedeutung für das Judentum";' inSrttmffittt a.kMain Rabbiner Dr. Lazarus über „Zur Geschichte der Judenemanzipation"; in Wiesbaden Kapellmeister Ed. Levi über „Wagner und die Musik im Judentum"; in Lauenburg i. P. Rabbiner Dr. Weyl-Konitz über „Die Juden unter den Hohenzollern bis zum 18. Jahrhundert" (1. Vortrag im CykluS üher die Geschickte der preußischen Juden); in Ludtvigshafen Dr. Cohn-Wiener-Charlottenburg über „Die Juden in der Kunstgeschichte der Völker"; in Köln Rabbiner Dr. Hofsmann-Randegg über den „Anteil der Juden arü Aufbau der modernen Volkswirtschaft"; in Graudenz Rabbiner Dr. Loewy über „Aberglaube und Judentum"; in Hattingen Dr.; ÄUselm Ruest-Berlin über „Werner Sombart und das Wirtschaftsleben der Juden"; .Rabbiner Dr. David-Bochum über „Jüdische Maler Und Bildhauer"; in Witten Herr Benno Elkan- Dortmund über „Einführung in das Wesen der bildenden' Kunst", Dr, Anselm Ru est-Berlin über- „Werner Sombart. und die wirtschaftliche Bedeutung des Judentums"; in BreSlau Rabbiner Dr. H o f f m a n n - Randegg über den „Anteil-der Juden am Aufbau der modernen Volkswirtschaft"; in Rakel Dr. Wohlberg-Berlin über „Fragen, des Tages", Lehrer Herzberg-Bromberg über „Drei polnisch-jüdische Königssägen"; in Hamburg (Gabriel Rießer-Verein) Professor Dr. Ludwig Stein-Berlin über Monismus und Judentum; in Köln Dozent Dr. Eppenstein-Berlin über „Die geistigen Vorkämpfer des-deutschen Judentums im 19. Jahrhundert; in Frank, furt a. M. Kapellmeister Artur' Holde über „Die Juden in der Modernen Musik"; in Nürnberg Overkantor Heule-Hamburg über „Rück- und Ausblick auf die Entwicklung des Synagogengesanges"; in- Mannheim Frau Johanna Simon-Fried b erg-Heidelbergs Rezitationen. V, Z. Berlin, 19. Dezember. Ueber die konfessionelle Gliederung der Bevölkerung von Groß-Berlin hat Dr. Dreydorff, Direktor des Statistischen Amts von Wilmersdorf, eine interessante Untersuchung nach Pen endgültigen Ergebnissen der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 für die Statistischen Monatshefte Groß-Berlin gemacht. Von der gesamten Bevölkerung der 86 Vororte mit 3 726 834 Köpfen'sind 3081298 Evangelische, 413 258 Römisch-Katholische, 21242 andere Christen, 143 975 Israeliten und 67 061 Personen sonstigen: und unbekannten Bekenntnisses. Auf 1000 Einwohner kommen, demnach 827 Evangelische, 111 Römisch-Katholische, 5 andere Christen, 39 Israeliten und 18 Personen sonstigen und unbekannten Bekenntnisses. Im preußischen Staatsgebiet ist dagegen der Anteil der Evangelischen.618, der Katholischen 303, der Israeliten 10 und aller übrigen 8 auf 1000 Einwohner. Rein evangelische Orte sind nur noch Me. Gutsbezirke Biesdorf, Groß-Ziethen und Rosenthal mit 124 Einwohnern. Am wenigsten Evangelische mit 520 auf 1000 hat der Gutsbezirk Blankenburg. Von den größeren Städten kommen auf die Evangelischen in . Berlin 815, Charlottenburg 791, Grob-Lichterfelde 897, Pankow 876, Rixdorf 847, Schmargendorf 891,' Schöneberg 805. Die meisten Katholischen hat der Gutsbezirk Blankenburg mit 480, während ihr Anteil in Berlin 117, in Charlotten bürg 119^ in Rixdorf 98, in Schöneberg 110 beträgt. Die meisten Israeliten hat von den Städten Wilmersdorf.mit 88 auf. 1000 Einwohner, Chärlöttenhürg.,.'..mit.•74,, Schöneberg 67, Berlin 43, Rixdorf 9, Lichtenberg 8, Köpenick 5, Spandau 4 und Teltow 2, von den Landgemeinden Grünewald. 58, Nikolassee 37, Friedenau 25, Pankow 24. Berlin zählt -9Ö 013 Israeliten, Charlottenburg 22 508; Schöneberg 11641, Wilmersdorf 9698, Rixdorf 2080, Pankow 11Ö0, Friedenau 870,' Lichtenberg 685, Steglitz 670, Weißensee 618, alle anderen Orte weniger als 500. .. v Berttn, 19. Dezember »- In? der „Wissenschaftlichen/ Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" sprach Herr Dr. Löwenberg über „Unsere Lehrmittel für den Religionsunterricht" (Erster Teil: Das Hebräische). Ausgehend von der Erwägung, daß mit den. äußeren Fortschritten unseres Religionsschulwesens der innere Fortschritt Hand in Hand gehen muß, hatte der Referent es sich zur Aufgabe gemacht, unsere Lehrmittel für den Unterricht im Hebräischen einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Der Referent forderte die neuen Buchstabentypen, die bisher nur für Fibeh Siddur und Uebersetzungsbüch verwandt werden, auch für den Pentateuch, die Agenden für den Jugendgottesdienst und das Berliner Gemeindegebetbuch. Ferner wurde eine neue Pentateuchausgabe unter Weglassung der für den Gottesdienst in den Orgelshnagogen entbehrlichen im Unterricht störenden Akzente verlangt.