Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-22 · Heft 51 (22.12.1911) · p. Seite 611

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
Seite 611 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3229013--68038-3280288
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

611 schuf, sind teilweise noch lebendig, verdienen eine Wiedergeburt und erzwingen auch bei den Nachgeböreüen Beifall und Anerkennung. Ein Meister der Töne, dem dies gelang,-verdient ein Denkmal. Mögen auch die Juden sich dabei erinnern, daß /Meherbeer einer der ihrigen war, mögen sie reiche Beiträge spenden, damit sich sein Denkmal auf einem würdigem Platze der Residenz erhebe, alle erinnernd. an vergangene Größe, alle anspornend zur Treue, zu idealem Sinne und zur wackeren Uebung der eigenen Kräfte. L. G. Mim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa TrencsLni. . (Schluß.) ksterchens Augen churden tränenfeucht. Aber sie hatte keine Zeit zu antworten, denn ihre Mutter, die auf den Anstand achtete, pochte an, um zu melden, daß das Zimmer des Gastes in Ordnung sei. „Ebenso, wie es früher war", sagte sie lächelnd. . Ebenso war es auch wirklich. Ebenso sonnenhell und ebenso blumengeschmückt. Nur, daß jetzt nicht Gitl, sondern Esterchen die Blumentöpfe im Fenster arrangiert hatte, was Liweitzer herausfühlte. Nach dem Abendessen zogen sich die Frauen zurück. Die Männer blieben noch bei einem Pfeifchen Tabak beisammen. Eschkeles legte Liweitzer die eingelaufenen Briefe vor. „Sie haben klug, daran getan, sich Ihre Briefe nachsenden zu lassen. Hoffentlich haben Sie gute Nachrichten erhalten." Liweitzer "erbrach auf die erhaltene Erlaubnis hin seine Briefe und vertiefte sich in das Lesen derselben. Eschkeles bemerkte, daß er ein Schreiben mehreremal durchlas und sogar noch dessen auffallend großen Umschlag prüfend untersuchte. „Es ist doch nichts Unangenehmes passiert?" fragte Eschkeles mit besorgtem Interesse. „Nichts, nichts," beruhigte ihn Liweitzer, „ich habe nur das Datum des Poststempels nachgesehen. Dieser Brief ist uns zuvorgekommen." „Es war schade, in Wien zwei Tage zu verweilen, nicht wahr?" „O, ich habe mich-auch jetzt noch nicht mit der Antwort verspätet. Der Rektor der Berliner jüdisch-theologischen Hochschule bietet mir in diesem Schreiben den talmudischen Lehrstuhl an." „Ich hoffe-daß Sie ihn annehmen", sprach Eschkeles. „Ich weiß nicht, ob ich ihn annehmen kann." „Sie wissen es nicht?" „In sechs Wochen beginnt das neue Semester; wenn ich ihn annehme, so habe ich nicht viel Bedenkzeit." „Meiner Ansicht nach gehört nicht viel Ueberlegüng dazu." „Das wäre auch wirklich nicht nötig," lächelte Liweitzer, -„wenn ich bis dahin meine hiesigen Angelegenheiten erledigen könnte." k Eschkeles verstand die Andeutung und sagte o^enherzig, daß Liweitzer seine hiesigen Angelegenheiten so rasch als möglich erledigen möge. „Das lange Hinziehen hat keinen Sinn. Ueberhaupt in solchen kleinen Orten gibt das Anlaß zu Klatschereien. Wenn Sie keine Einwendung dagegen habenso können wir morgen abend die Verlobung hakten." Liweitzer schlug das Herz laut, er wurde auch um einen?Ton bleicher, so plötzlich durchdrang seine Seele das Wonnegefühl der Glückseligkeit.; Nur Frau Eschkeles Protestierte gegen den raschen Termin. Wie sollte sie so schnell ihre Vorbereitungen treffen? Doch sie mußte sich hineinfinden und, da es an weiblichen Hilfskräften, die man zu diesem Zweck in das Haus bestellt hatte, keinen Mangel gab, ging es mit dem Kochen und Backen vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang munter und rasch vorwärts. Als abends die Hausfrau die festlich geschmückte Tafel einer sorgsamen Prüfung unterzog, da erfüllten sie die verrichteten Leistungen mit stolzem Selbstbewußtsein. ' Um acht Uhr erschien der erste Gast: Berele Beer. „Meinetwegen, Reb Kolmen," lachte er vergnügt, „meinetwegen kann man heute nacht auch den Tempelturm wegtragen. Was geht mich der Tempelturm an, wenn Ihre Töchter Braut geworden ist. Und' was für eine Braut! Und was für ein Bräutigam! Allen guten jüdischen Mädchen gesagt." . '; : . Dann kamen die anderen. Sogar auch Haschl Ochs: Haschl Ochs kam hauptsächlich deshalb, weil er sich von der Begegnung des Rabbis mit Liweitzer ein großes Vergnügen versprach. „Wird eine schöne Begegnung sein," flüsterte er Goldfinger zu, „wie wenn man ein, Stück Unschlitt in einen koscheren Topf hinein fallen läßt." Haschl Ochs hatte keine Ahnung davon, daß Liweitzer schon im Lauf des Vormittags den Rabbi besucht und daß der Rabbi an ihm keinerlei Unschlittgeruch verspürt hatte. Anfangs fühlte er sich unbehaglich; er wußte nicht, wie er mit diesem deutschen Rabbiner sprechen sollte. Doch mit seinen klarblickenden, alten Augen hatte er bald herausgesunden, daß Liweitzers Herz und Seele, sein jüdisches Empfinden und auch sein jüdischer Glaube sich nicht verändert habe. Liweitzer war noch keine zehn Minuten dort, und sie gerieten in einen solchen eifrigen Pilpul, daß sie damit bis Mittag nicht fertig geworden wären, wenn der Hausbocher — Liweitzers Nachfolger — den Rabbi nicht zum Vormittags- Schiur gerufen hätte. Die Begegnung am Abend war daher, sehr freundschaftlich, was Haschl Ochs so sehr verdroß, daß er sogar auch den Fisch bitter fand, trotzdem dieses Gericht seine Lieblingsspeise war und hier vorzüglich zubereitet wurde. „Was wollen Sie," raunte er Goldfinger ins Ohr, „man erlebt schöne Sachen, wenn man alt wird. Hei! Hei!" In diesem Augenblick warf Gitl einen kostbaren Porzellanteller zu Boden. „Masl tow! Masl towp") erscholl es von allen Seiten. Die Frauen küßten Esterchen der Reihe nach, beglückwünschten Frau Eschkeles, welche vor Rührung weinte. Die Männer gaben ihre guten Wünsche nur an die männlichen Mitglieder der Familie ab. „Herr Rebbe," sagte Ore Heimlich und schüttelte Liweitzer die Hand, „ich wünsche Ihnen, daß Sie so glücklich sein mögen, wie wir es sind. Ich und Blümele." „Ich danke, Reb Ore." „Denn so ein glückliches Paar gibt es in. der Welt nicht mehr. Wir lieben einander, Herr Rebbe, und wir ächten einander, Herr Rebbe, und nichts fehlt uns . . . . nichts, nur. . Ore Heimlich wurde betrübt. i) Gut Glück!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.