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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-22 · Heft 51 (22.12.1911) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
Seite 610 (sequence 10)
Language
German
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Orientierung und den Lebensmittelpunkt. Wirdürfen unser Dasein und Wirken nicht beschlossen glauben in der höchsten und mächtigsten Arbeit für die allgemeine Kulturwenn sie, nicht zugleich ausstrahlt aus dem Herzpunkt. unseres geschichtlichen und demgemäß in höherem Sinne, unseres persönlichen Wesens. Jedermann nach Maßgabe seiner Kraft, nach 8er Richtung seines Arbeitsgebietes muß es als seine innerste Lebensaufgabe erkennen, auch für den Fortbestand unserer Religion einen Kulturanteil sich zu gewinnen. Wer dieser jüdisch-monotheistischen Religiosität inne geworden und wer ihrer teilhaftig bleiben will, der muß, als Kulturmensch und, als Kulturkraft, an seinem Teile für die Sicherung des Fortbestandes dieser Religion, welche die einzige ist, mitzuarbeiten als seine Aufgabe erkennen; als eine Ausgabe, die ebensosehr die seiner Kulturarbeit, wie die seiner lebendigen persönlichen Religiosität ist.. Möchte das Zentenarium dieses gewaltigen Vorkämpfersr unseres vorigen Jahrhunderts in dieser Richtung uns und unseren Nachkommen zum Segen werden. Das tragische Moment, welches man in dem Leben eines frühreifen jungen Gelehrten finden kann, der in, seltener Kraft die klassische Literatur in allen ihren Zweigen, von der Dichtung und der Geschichte bis zur Philosophie. Naturwissenschaft und Medizin durchzuackern vermochte und nach den ersten bescheidenen Lorbeeren, die ihm zufielen, dieses glänzende Gebiet der Forschung und der Ehren im Stiche läßt, um Predigten zu halten und im Stil eines Aedilen der Seelsorger des allgemeinen" Judentums zu werden — es ist seinem Leben nicht zur Katastrophe geworden; es war ihm vielmehr dieser Umschwung ein Ausstieg zu der treuen 'Fortführung des religiösen Werkes, seiner großen Vorfahren; und es war ihm zugleich das Einschreiten für eine wahrhafte Tätigkeit der nationalen deutschen^ Kultur, der Jnterzession für Recht und Gerechtigkeit, für währhafte Gesittung und wahrhafte Religiosität." '' Diese Ausführungen geben den besten Schluß der Hochwillkommenen Sammlung und gewähren einen trefflichesi Fingerzeig, in welcher Art das Jubiläum des Begründers dieses Blattes zu feiern ist. L. G. Lin Mrykrbrrr-Dmkmsl in Berlin. ^^erliner Zeitungen enthalten folgenden Aufruf zur Errichtung eines Meyerbeer-Denkmals in Berlin: „Aus Anregungen aus musikalischen und musikliebenden Kreisen ist im Frühjahr dieses Jahres ein Komitee zusammengetreten, um dem Komponisten Meyerbeer ein Denkmal in» seiner Vaterstadt Berlin zu setzen. Denkmäler sind Zeichen dankbarer Erinnerung, und es ist.ihre eigenste Bestimmung, mehr noch als das lebendige Nachwirken die historische Bedeutung einer Persönlichkeit zur Anschauung zu. bringen. Das Komitee ist davon ausgegangen, daß eine Ehrung Meyerbeers in diesem Sinne allseitig auf Verständnis rechnen darf. Die Freude an dem Schöpfer der „Hugenotten" und des „Propheten" ist trotz aller Wandlungen, die unsere Tonkunst in den letzten Jahrzehnten durch gemacht hat, im' Volke nicht erloschen; was er als Vorläufer der modernen Tonkunst durch Bereicherung der Mittel, und der Technik des musikalischen Dramas geleistet hat, das sichert ihm, ganz abgesehen von seiner eminenten musikalischen Erfindung und^ Gestaltungskraft, für alle Zeit eine Stellung unter den Großen. Berlin aber hat einen dreifachen Grund, gerade dieses Mannes veränderen zu gedenken. Einmal ist Meyerbeer der einzige Tondichter von internationalem Weltruhm, der' in seinen Mauern zur Welt kam. Schwerer noch als dieses Zufällige der Geburt wiegt der Umstand, daßer geistig im Berliner' Boden wurzelte und aus einem spezifisch berlinerischen Milieu hervorgegangen ist. Endlich hat sich Meherbeer als Generalmusikdirektor nicht geringe Verdienste um das Musikleben der preußischen Residenz erworben und durch seine Werke; die jahrzehntelang die Bühnen beherrschten, sein Andenken mit der Geschichte und der Erinnerung aü eine Glanzzeit unserer Oper verknüpft. So möge denn , der Ruf hinausgehen und möglichst weite Kreise zur Förderung des geplanten Unternehmens heranziehen. Denn nur so kann das Denkmal nicht allein des Meisters würdig ausfallen, sondern auch ein Zeichen werden der von jeglichem Parteigeist unabhängigen Gesinnung, mit der die heutige Kulturwelt einer geschichtlichen Größe ihre Huldigung darbringt. Beiträge, über die öffentlich quittiert werden wird, nimmt die Deutsche Bank^an allen Depositenkassen entgegen. Generalintendant Graf v. Hülsen-Häseler (Vorsitzender). Geheimer Kommerzienrat Steinthal (Schatzmeister). Dr. Leopold Schmidt (Schriftführer). (Folgen die Namen der Mitglieder des Komitees.) ’ Ich will nicht zögern, diesen Aufruf auch' den Lesern, meines Blattes zu unterbreiten. Eingeweihte wissen, daß der Plan zu diesem Denkmal von dem unermüdlichen jugendlichen Greise Herrn Moritz Manheimer ausgeht. Wie er der An- , reger zu dem Mendelssohn-Denkmal war, so ist er es auch, der den Plan zu diesem neuen Unternehmen faßte und mit dem Zielbewußtsein, das ihn auszeichnet, siegreich durchführte. Sein lebhaftes Interesse für allgemeine Kultur, für die Bedeutung Berlins und speziell auch für die jüdischen Berühmtheiten haben ihn in gleicher Weise auf diesen Gedanken gebracht. Aber wie es in dem Aufruf heißt, daß die Spender sich zusammenfinden sollen als Träger einer von jeglichem Parteigeist unabhängigen Gesinnung, so ergeht dieser Aufruf keineswegs ausschließlich an die deutschen Juden, obgleich diese stolz sein können auf den ihren Krersen entstammenden Meister, der zeitlebens seinem väterlichen Glauben treugeblieben ist, und der gerade als Jude schwere Anfeindungen zu bestehen hatte (man braucht nur an Richard Wagners heftige Angriffe zu denken). So gern die Juden also auch dazu Mitwirken werden, einen ihren Reihen entstammenden Komponisten zu ehren, so gilt das Werk in erster Linie einer wirklichen geschichtlichen Größe, nicht nur einem Mann, dessen Bedeutung mit^ seinem Tode entschwunden ist. Vielleicht haben die Jüngeren unter uns, in deren Kindheit schon Richard Wagner und seine Nachfolger die fast ausschließliche Herrschaft übten, für Meyerbeer kein rechtes Verständnis mehr; wir Aelteren aber wissen, was er uns war, und die Musikkundigen, nicht nur die in der Geschichte der Musik-Erfahrenen, können die Unkundigen belehren, was er ist Der Schöpfer der „Hugenotten", des „Propheten", der „Afrikanerin", um wenigstens einzelne seiner bedeutendsten Werke zu nennen, verdient, daß sein Andenken geehrt wird. Ich erinnere mich aus meiner Frankfurter Epoche — es sind seitdem 48 Jahre verflossen — wie wir von Frankfurt nach Darmstadt pilgerten, wo, in jenen Gegenden wenigstens, die erste Aufführung^ der „Afrikanerin" stattfand; ich entsinne mich noch , des beispiellosen Eindrucks, den das Unisono dieser Oper machte und tvtziß, daß viele. Jahre, ja fast mehrere Jahrzehnte hindurch, dieses das beliebteste Musikstück aller Konzerte war. Gewiß war Meherbeer der Ausdruck einer Epoche, die nicht mehr vollständig die unsrige ist, aber die Werke, die er

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