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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-22 · Heft 51 (22.12.1911) · p. Seite 607

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
Seite 607 (sequence 7)
Language
German
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gedrucktes Blatt mehr vorzulegen — vielmehr stellten wir es uns stets zur Aufgabe, nach außen und innen praktisch wiM 1 sam zu sein, wesentliche Verbesserungen in den äußeren und inneren Zuständen und Verhältnissen hervorzurufen oder doch zu fördern, da, wo sich günstige oder bedrohliche Komplikationen zeigten, tatkräftig einzuschreiten, oder doch andere hierzu anzuspornen, dadurch faktische Fortschritte zu veranlagen, und überhaupt durch Wecken der Energie und des Gemeingeistes unsere Glaubensgenossen aus jener stillen Dulderschast, die alles schweigend über sich ergehen läßt und jener Zersplitterung herauszuschaffen, in welcher jede Gemeinsamkeit des Handelns fehlte und nur örtlich, die Gemeinden für sich wirksam waren. Wir könnten hierüber eine ziemlich lange Reihe von Andeutungen und Dokumenten, von denen nicht alle in die Oeffentlichkeit traten, geben. Daß sich hierbei nicht immer greifbare Erfolge ergaben, versteht sich von selbst; aber lag doch in jedem auf das gemeinsame Wohl und die gemeinsame Gestaltung abzweckenden Schritte, auch wenn er momentan resultatlos blieb, eine Betätigung des Gemeingeistes, die schon an sich etwas wert war und nicht ohne Folgen blieb. Auf dieser langen Bahn und diesem schwierigen Pfade fehlte es selbstverständlich weder an Kämpfen noch an Anfeindungen. Ja, unsere Erinnerung weilt in diesem Augenblicke bei vielen harten Streithändeln und Kämpfen, die wir durchzufechten hatten, von Victor Lenz, Joel Jacobh, Karl Hermes, Staatsrat Hoffmann. bis zu Wagner, Sebastian Brunner und anderen Rittern der Reaktion. Viele dieser Gegner sind bis auf die Namen verschollen, während sie in der Zeit ihrer Tätigkeit von Bedeutung waren. Wir sind immer-unter Gottes Beistand als Sieger hervorgegangen, was wir natürlich nicht unserer Kraft und Tüchtigkeit, sondern der Gerechtigkeit der Sache zuzuschreiben haben, die wir zu vertreten und zu führen das Glück hatten. Nicht minder stark waren die Kämpfe, die um innere Fragen des Judentums sich erhoben; wir übergehen sie heute mit Stillschweigen.' Wenn wir uns gestatten dürfen eine gewisse Befriedigung hierbei auszusprechen, so besteht diese in dem Bewußtsein, den „Mut einer Ueberzeugung" sowohl stets besessen als auch betätigt zu haben; wir sind, wenn wir von der Richtigkeit unserer Ansichten durchdrungen wären, niemals vor irgend jemandem zurückgeschreckt, wußten dabei so zu verfahren, daß wir während unserer ganzen Vergangenheit keinen Preß- oder Jnjurienprozeß zu bestehen hatten und gingen niemals mit dem Gefühle der Feindseligkeit und Gehässigkeit aus dem beendeten Streite hervor. Vielleicht geschah es deshalb, daß ein Freund dieses Blattes aufforderte, die Geschichte der 25 Jahrgänge dieser Zeitung abzufassen und. unseren Lesern zu geben. Allein dazu läßt uns die Menge unserer drängenden Arbeiten noch nicht kommen, und mag es einem späteren Zeiträume aufgespart bleiben. Nicht übergehen mögen wir, daß es eine schöne Gabe der göttlichen Vorsehung war, daß während des ganzen verflossenen Zeitraumes kein Wechsel in dem Redakteur, der Verlagshandlung und der Buchdruckerei dieser Zeitung eintrat, und. daß trotz schweren und langwierigen Krankheiten, denen der Redakteur ausgesetzt war, eine Unterbrechung nur ein einziges Mal mit einer Nummer stattsand. Und da nun, wenn wir einmal persönlich von uns sprechen dürfen, Schreiber dieses eben in sein 50. Lebensjahr tritt, ihm der Mut einer langen Zukunft, das Feuer eifrigsten Streben s, die Kraft der Teilnahme, die Innigkeit-des Interesses noch nicht gebricht: so hoffen wir unter dem Beistände Gottes, -die Stelle noch längere Zeit einzunehmen, welche wir ein Vierteljahrhundert ausgesüllt — und dazu verleihe uns' der Herr seinen Segen! ■ Die Fortschritte, welche unsere Glaubensgenosfenschaft in - dem zurückgelegten Vierteljahrhundert gemacht, sind sehr bedeutend. Derjenige, welcher sich in den Beginn desselben ganz zu versetzen vermag, wird dies bestätigen.- Damals war die Sache der Gewissensfreiheit, der bürgerlichen Gleichstellung kaum in Frankreich, Belgien und Holland durchgedrungen, während in dem ganzen übrigen Europa zum größten Teile noch die ärgsten und ärgerlichsten Beschränkungen, auf uns lasteten. Aber unsere gerechte Sache ging von Sieg zu Sieg; da, wo sie noch nicht gesiegt hat, ist der Druck, der aus der ganzen Bevölkerung ruht, eine Rechtfertigung, und die Dinge stehen so, daß sie sich nicht lange halten können. Wenn schon damals viele bedeutende Männer der Wissenschaft und Kunst aus unseren Reihen hervorgegangen, so haben wir seitdem diesen Vorzug dadurch verstärkt, daß auch für die praktische Wirksamkeit im Politischen und industriellen Leben die in unserem Stamme vorhandenen Talente sich hervorgetan und zu wahrhaften Größen sich herausgebrldet haben. Daß zugleich die Bildung der. Masse schon dadurch gewachsen, daß jene : immer mehr auch in die Länder drang, welche, vor 25 Jahren ihr noch größtenteils verschlossen waren, daß überhaupt in der jüdischen Masse, wenigstens in den westlich-europäischen Ländern das Bildungsverhältnis ein sehr günstiges ist,,kann dem forschenden Blicke nicht entgehen. In der Zeit, von der wir eben sprechen, war es in bezug auf das Leben der Religion selbst völlig ,tot. Gab es wohl einerseits noch eine größere Anzahl Juden, welche der strengste orthodoxen Uebung ergeben waren, so war .anderseits die Religion Israels bei ihren eigenen Bekennerfl in Mißachtung geraten, nur ein sehr schwaches Leben pulsWte in ihr, und nur durch eine abgestandene ' GewohNhW erhielt sie sich. Wir sind durchaus nicht -geneigtdie Vergangenheit schwarz und die Gegenwart licht zu" Walen; aber daß der Geist in..der Religion Israels neu , erwacht ist, daß sie in ihren Bekenn.ern wieder zum Bewußtsein ihres Wertes und ihrer Bedeutung gekommen, daß sie sich ihre weltgeschichtliche Mission klarer gemacht als je, daß sie'dadurch von Tag zu Tag mehr ihren hervorragenden Platz unter den welthistorischen Erscheinungen einnimmt, daß sie von neuem an die Durcharbeitung vorzugsweise ihrer Lehre und ihrer Geschichte gegangen, daß dies, hinwiederum auf ihren faktischen Bestand zurückgewirkt hat, daß ihr darum tausend Kanzeln und schon einige Katheder samt unzähligen Religionsschulen errichtet worden, daß sie vielfältig durch Umgestaltung ihres Kultus, durch neue Konstituierung ihrer Gemeinden, durch die frischeste Regsamkeit auf dem Gebiet der Wohltätigkeitsanstalten und die Kräftigung und Verjüngung ihres Schulwesens die bedeutsamsten Erfolge errungen hat: das 'sind unzweideutige Ergebnisse der letzten Jahrzehnte. Ja, es könnte /vieles noch anders und besser sein-es bleiben uns vjele Wünsche und Ziele übrig; dies ist es aber, was allen Bestrebungen innerhalb des- Menschenlebens anklebt. Genug, der Blick, der durch die Vergangenheit streift, richtet sich zuversichtlich in die Zukunft hinaus, voll Mutes, voll Ueberzeugung, daß ein so frisch belebtes Ringen noch große Resultate erzielen werde. Beginnen wir daher den neuen Zeitabschnitt rNit dem freudigen Mut, daß wir noch vieles erstreben, manches erreichen und großes erleben werden. Wir halten uns überzeugt, daß auch fernerhin die Mitwirkung; ausgezeichneter Männer Und die Teilnahme des Publikums uns verbleiben werde. Wir schätzen uns glücklich/ daß unter unseren Mitarbeitern und Korrespondenten, so'yiele auch der Tod und die Veränderung -der Verhältnisse von dannen geführt haben, sich noch eine Anzahl Getreuer befindet, die üoch heute uns kräftig

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