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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-22 · Heft 51 (22.12.1911) · p. Seite 604

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
Seite 604 (sequence 4)
Language
German
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Deutschen Reichs, dürfen wir nicht fürderhin suchen bei den paar schreienden, auf . dem - Markt des öffentlichen Lebens: längste kreditiertLN politischen Antisemiten,- sondern:iy? der Vyrherrschas^und dem bestimmenden Einfluß jener Parteien, die es alS-ihr.PriyilegiuW betrachten, dle ganze Staatsverwaltung mit. WenAngehörige^ zu> besetzen und in ih rxm Smnx ^geltzitet zusehen. . Die. S^ke^ des. servativ-reaktionären /Re^iWents^ in?Hreußen? baHr^?' auf^^ie^ traditionell bevorrechtigten Stellung lener? Kreise, die'' die' pulgäöe? Derbheit „Junker" trennt. Diese ^Wne^ und ^tnächti^e die leitenden und einflußreichen WMer^ inn^ Mo äst ihrerMaM scheitern alle etwaigen liberalen Anwandlungen selbst'von Ministern und Kanzlern. Im „Bund der Landwirte", dem eS geglücktisi durch eine geschickte und rührige Agitation einen ansehnlichen Teil der ländlichen, Bevölkerung den Zwecken der Großgrundbesitzerpolitik und des Konservatismus dienstbar/zu Mächen, hat jene dem Regierungskurs in Preußen bestimmende kleine Gruppe die stärkste? Stütze gesundend Diese" koalierten Rechtsparteien aber bilden den' übermächtigen Urquell: aller Hindernisse und.Hemmnisse, die sich. der?. Erlangung unserer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung entgegen»!, stemmen.? Sie find, - eS, nicht: jene randalierenden : klein en6 aytst:. semitischen Parteigrüppchen, die den „Junkern" Landsknechtsdienste leisten pnd deren.Anhänger sich mßist aus Elenienten zusammensetzen^. von denen man sich Unter den Linden nicht gern grüßen laßt. Und doch haben wir nicht mit Unrecht? uns in den biSheriHn undbesonders den letzten Wahlkämpfen fäst iWrer nur gegen? diese Gruppt der politischen Antisemiten' vorzugsweise gechandt Und von einer . entschlossenen StellungUahme nach, rechts resigniert? abgkisehen. Heute. aber ist die politische Situation eine andere» eine bet; artige, daß seit längen Jahren zum erstenmal die Möglichkeit gegeben scheint, bei dett nächsten Reichstagswählen bi e uns er gesamt^ Staats- und Wirtschaftsleben beherrschende Vövmächtstelluyg der" kleinen aber mächtigen Partei zu brechen. Mit einem entscheidenden? Schlag aber/gegen die Bekenner des ÄivyliprogrMms /würde ein erster 'großer, jä vrelleicht entscheidenderSchritt-äüf der Bahn unserem staatsbürgerlichen Vollrecht? getan sein. Denn die Einsicht in die politischen Triebkräfte und Mächte, die das Rückgrat' jener ' juvettünfreundlichen und? judengegnerischen Verwaltungspraxis? bilden» die den verfassungsrechilichen Gleichberechtigun'gsgedanken zür rein theoretischen Illusion gestaltenlehrt uns, daß es nicht eher besser wird und werden kann, ' ehe nicht jene großesi' politischen Parteien, . die den Grundpfeiler und die Grund-' stütze jener Politik dNr?;;ZuWäsetzsingen/' der staatsbürgerlicheu Rechtsbefchränkungen uNd RechtsverkümMerungen gegenüber ' den Beken'nern unseres Glaubens bilden, aus ihrer MachtPosition hinaüsgedrängt' werden. In dem Augenblicke, in dem die Regierung genötigt und in der. Lage sein wird, sich aus ästdere, älssiie Parteien der Rechten zu stützen, wird sie zugleich genötigt und in der Lage sein, uns Juden aüch' m xraxi das zu gewähren, was das Stein-Hardenbergsche Zei^alter./un-''vor?'chMvesstEJä^ren'süMproWÄ"' hat'.' Die noch so totale Niederwerfung der 'kteinen antisemitischen Parteigrüppchen? ihre völlig^ Fertthaltüntz'' pöur Einzug ^?in^deis- Wallotbau — so sehr eS ein Ziel, . ist, aufs innigste zu wünschen, wird jenen ersehnten Tag kaum ^herausführen, so lange noch die viel bedeutungsvolleren Parteien des Tivoliprogramms das Ruder des Staatskurses^sühren.' ■ *.? -r * . Jenen Schlachtruf?-^Dir Frönt nach ^rechts", der uns/hxute aus dem l^ger Mer ^rteie8?wit/RüSnähme deS Zentrums-eM gegenhallt, sollten daher auch wir uns zu eigen machen. Die Be^ LÜcksichtigüng' unserer parteipolitischen DifferMsiMng? braucht babeA keinen Schaben W leidtzM^Mr Pöer Deutsche! ljüdisiHen /Gläubtzns^ wirke, in der Partei,- der er nach seiner politischen AüschauMg Wge»": hört.: -Auch dem politffch /konservativ getichteten Maubensgenoffen^? dem Würbekund Selbstachtung Verbietensich hN/Partei des Tivoli-^ 7 Programms anzuschließen, wird und darf es nicht' schwer seindiesem:entscheidendenWahlkampfe sich der Parole: - „Die Front n ach?? rechts" anzuschließen. Wenn wir ihr folgen, so, leitet unS aber dabei nicht nur das spezifische Interesse des jüdischen Staatsbürgers,, ' sondern zügleich auch das vaterländische. Interesse, dessen Förderung^ wir uns von einer Abkehr des rückständigen ' Regintes iut Eisiklang-! mit änerkannteü und erprobten Patrioten' verfp«chen. r '" Wohl wissen wir deutschen Juden, daß wir quantitativ in dem ■! - ReichStagswahlkampse eine nur zrecht bescheidene Rolle spielen können. : Jwmephm. köMen/Ech wenn-man von den Faktorey, absieht, die. uns eine größere Bedeutung verleihenkönnen,die lOOOOO.jüdischen .! St.iMMn MNA:schHKäi»Mz.-Me;.^-Hx..^derl.- Ausgang.: der/Wahl hie : und d-a^sein^:xDie .Entscheidunglm .großen aber liegt in,, den? I Händen der Wählermaffen nichtjüdischen Bekenntniffes. Mit ihnen .? | haben wir Schulter an Schulter den Wahlkampf zu führen, dessen; Ziel djestnal-auch ■ für unsnicht: allein die Bekämpfung deS politischen -; reZAe».?H^tistzmÜiSW«S,: -sonder»' der, Sieg mit der „Front: ,nach,! rechts^. die ErniedriLung jener Parteiensein muß. die die machtvolleren . > LebenswurLeln des staatlichen?- und VerwaltungsäntisemitismuS für unS bedeutend ' ._ "■ * . //-—— :Ji - PorrdenBorträgendieHerrPr0fessor Werner Sombart . über jüdische Politik vor einem äußerst zahlreichen Publikum hieltz neymM wir iM dieser'Rubrik keine Notiz.^^ Nachallem? wäs wir hören, enlfernteü sich diese Vorträge immer mehr von dem wissenschaftlichen Gebiet/das zu pflegen sie vorgaben,? und muteten den jüdischen Hörern eine starke Kost zu. Es > wüM" dem. .Takt und Ehrgefühl der Juden mehr entfprochesi haben, wennsie sich voxnehm zurückgehalten hätten, statt die Säle zu füllen, in denen ihnen unter dem Anschein der Wissenschaft Banalitäten und Witzeleien vorgebracht wurden. 4. " * t Ueber die Verhältnisse der Juden in Rußland kommen verschiedene Nachrichten, erfreuliche und unerfreuliche. Die erfreulichste ist jedenfalls eine mannhafte Erklärung gegen das Ritualmordmärchen. Das „Berliner Tagblatt" schreibt? Darüber: Ueber? hundert der bekanntesten russischen Schriftsteller und - Gelehrten wenden sich, wie uns mitgeteilt wird, veranlaßt durch das' Wiederauftauchen der Ritualmordbeschuldigungen, mit einem Appell an die „russische Gesellschaft". Wir entnehmen dem'"Schriftstück die folgenden Stellen: - '„Int Namen der Gerechtigkeit, der Vernunft und der Menschenliebe erheben wir unsere Stimme gegen den neuen Ausbruch des Fanatismus- und der' finsteren Lüge. Anläßlich einer noch nicht erforschten Mordtat, die in Kiew an einem Knaben Justschinsky begangen wurde, wird in das Volk das Lügenmärchen vom Gebrauch christlichen Blutes hineingeworfen. Es ist ein alterprobtes Verfahren der/Barbarei. In den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt beschuldigten die heidnischen Priester die Christen, daß sie angeblich zum-Abendmahl das Blut und den Leib eines ermordeten heidnischen Kindes bräuchten. Damals entstand die-düstere und böse Legende.' Jetzt. ist Die Lügenhaftigkeit des Gerüchts/ welches gegen die ersten Christen eine so schwere Beschuldigung enthielt, klar wie der Tag. Indes, erzeugt von Haß, aufgegriffen von finsterer Unwiffenheit, ist die ' sinnlose Erdichtung' nicht äüsgestorben.' - Die größten Leiden jedoch hat dieftsLügtzngerücht dem "unter den Völkern zerstreuten? jüdischen Stamm verursacht/ So find wirwiederum Zestgendör ' Erscheinung, daß die alte Lüge selbst von der Tribüne der Reichs- - duma verbreitet wird. In den Pogromdrohungen kommen jene alten Zoräesäusbrüche wiederum zum Ausdruck, die einstmals die finsteren Heidenmengen die ersten Bekenner der christlichen. Lehre überfallen ließen, und sie erinnern lebhaft an das Märchen vom; Gebrauch i des: Kindesblutes,- welches chinesische Priester. neuerdings gegen die . Missionare . aufgebracht - haben,. und: das in - China : Hunderten voy./Christen, - darunter auch Europäern, das Leben, .? gekostet hat/??????,??/.,,,.,->?.. .?/>. -,.. . :,- Wir Unterzeichner , dieser: Elckläxung,^, Bertretex. -der russischen , Literatur, perWissenschaft und der Kunst, die n,ir wahrlich unsere? Kinder ebenfalls lieben, aber solch sinnlose. Märchen zurückweisen —,? wi?schließen unsere Stimmen der. Stimine'.' dös?christliHen . Lehrers'' an, der über Jahrhunderte hinaus die Menschcheit zu Liebe und zu Vernunft gemahnt hät." -

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