Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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TO! «»TW '.7< rV: 602 I Mo hoch Philippson den öffentlichen-Mustaüsch^ dev Meinungen in einer Zeitung auch schätzte, er kannte.ydie Grenzen ihrer Bedeutung. --Sein Streben' war es Häher- Ärch als Theplotze^ theoretisch uud-praktisch, -wie esKanzel und'' Katheder ihmnahelegtem in' die Tiefe und irr die Weite züV wirken. Dazu gehörten' Versenkung und'' Gründlichkeit unh wiederum Sinn für Systematik und pädagogischer Takt. EL veKinigte alle diese Fähigkeiten in seltenem Maße. Seine Zeit war die fruchtbarste der neuen jüdischen Wissenschaft, und er verstand es, gestützt auf Arbeiten eineD Zunz, Frankel, Graetz, .Geiger und. anderer sich, einen festen Standpunkt und Untrüglichen Maßstab für seine eigene, reiche, theologische Ideenwelt zu schaffen. Er war ' ' ein Gegner der starren Orthodoxie; aber'Äuch der äußersten Reform. Die letztere bezichtigte er eines. seichten Rationalismus und der -Verleugnung des positiven und historischen Charakters der Religion. Er verlangte einen Fortschritt a u f h ist o risch er B a si s, unter Wahrung des geschichtlicheu Zusammenhangs und pietätvoller Ausgestaltung aller lebenskräftigen Elemente des Judentums; darunter er verstand: Hebräische Sprache für alle Hauptgebete, Veschneidung, Sabbat und .Feste, Speisegesetz als wichtige Einrichtungen (nicht Zeremonien) der jüdischen Religion. Er verlangte aber vor allem eine -Vertiefung des Lehrgehalts . (der seine große „Religionslehre" gewidmet war) und ein freies und offenes Verkünden des geläuterten Judentums durch die in den Mittelpunkt des Gottesdienstes zu stellende Predigt. Er war es, der bei, der neuen Lage, die durch die bürgerliche Emanzipation, geschaffen war, den alten Missionsgedanken Wiederaufleben ließ, und mit vollem Nachdruck von dem religiösen . . Beruf Israels unter den Völkern sprach. Bei y dem weitestgehenden Eindringen; geistige Kultur der Staaten, blieben den Juden doch ihre l religiösen Sonderausgaben gewahrt: Pflege ihrer einzigartigen ..Gottesidee, Verwirklichung ihrer.fruchtbaren, sozialgerichteten . Ethik, Verbreitung.ihres völkerverhindenben, friedenbringenden .Geistes. Geläutertes Judentum stellt für Philippson die höchstedenkbare Stufe aller Religion dar; das . tzje?r Quintessenz seiner lesenswerten Abhandlungen über '.Religion(Weltbewegende Fragen II. Teil). Das ist aber auch die: Basis seiner zahlreichen Predigten; das leitete ihm die Feder bei seinem großzügigen Bibelwerk, das Gläubigkeit und Wissenschaftlichkeit zu verbinden sucht und die gleichgerichteten Bestrebungen Mendelssohns - zum krönenden Abschluß brachte. : Aus-Philippson geht auch die Anregung zu den Rabbiner- Versammlungen. von 1844—1846 und zu den Synoden (1869 und 1871) < zurück. Es ist hier nicht der Ort, zu zeigen, . . .Haß. sie-keineswegs so. unfruchtbar geblieben sind, als man gemeinhin annimmt; hat doch z. B. die Forderung einer jüdisch-theologischen Fakultät dort ihren Ursprung;'von vielem Geboren! in die weltliche und flfft t änderen zü schweigen. Aber das haben sie bewiesen, daß j damals, wie gegenwärtig, ein Zusammenwirken der^ religiösen.^ Kräfte im Judentum phne staatsgesetzliche^ Autorität unmöglich, ist. gjt* % # f? - ., s * Man halbem an gelt, Ia^PhikipHon^die Mdische Literatur' t durch kein bleiben des, ^gelehrtesMeM r^'er ^eine erschöpfende Spezialforschung (Wobei man zunächst an literarhistorische dachte) bereichert habe. . Aber man vergißt dabei zweierlei. Einmcch daß er dasy„Jnstjfut..zur Förderung der jüdi-, fchen Literatur" geschaffen hat, .und im Wandel der Zeiten immer als erster dafür 5'zÄ'chneßey Diese Stellung brachte nicht wenig Mißhelligkeiten mid den? Autoren mit sich; danken wir "y.'^ es- Ludwig Philippson, daß er Büchern von Geiger, Löw, Grätz, Jost, Fürst, KaWling, Cassel und so fort zum Erscheinen verholfen haL Und dann: Sein Geist drang mehr nach Synthese des einzelnen; er war ein Geschichtsphilosoph, und vor allem: er wa^. ein Dichter. Er schürfte tiefer, als der bloße Philologe, Nach den ewigen Wahrheiten. Es war etwas von Herderschem Geist in ihm. Wenn Herder, dem kosmopölitischen Zuge seiner Zeit folgend, die Stimmen der Völker ertönen ließ, so entlockte Philippson der.j Harfe Davids neue Töne, brachte das Gefilde von Saron zu neuer Blüte, wie er die Quelle Silva neu erschlossen hatte. Die jüdische Novelle, der Roman, das Trauerspiel sind ebensoviel Eroberungen für/ das Judentum im Gebiete der Dichtkunst. Je stärker ß diese mit dem Gefühlsleben des Menschen zusammenhängtdesto unmittelbarer dräng Philippson als Dichter und Volksschriststeller — immer im Dienste des Judentums, seiner Helden? und seiner Lehre — begeisternd, läuternd und erweckend in die Gemütswelt seiner Glaübensbrüder ein. Nach dem Gesagten erwartet man von selbst,? daß Philippson auch ein Vorkämpfer für eine vollständige bürgerliche Emanzipation gewesen sei. Wie sehr diese Annahme zutrifft, möchte man beinahe einer besonderen Darstellung, gelegentlich des herannahenden Emanzipations-Jubiläums, Vorbehalten. Doch sei soviel gesagt, daß sein Wirken in glücklicher Meise dasjenige Gabriel Rießers ergänzte. Dieser befolgte den Grundsatz: „Der Starke ist"am mächtigsten allein." .Rießers Wort war *stark wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt. Philippson rief die Allgemeinheit zu Hilfe, scheuchte die Juden aus ihrer Lethargie, legte ihr Schicksal in ihre eigene Hand. Er war ein Meister in der Organisation von Abwehraktionen gegen alle judenfeindlichen Angriffe,' die die Entzrehung oder Verkümmerung der staatsbürgerlichen Rechte zum Ziele hatten. Wie hat er die Juden gegen die ihnen zügedachte Schmach der Ausschließung von der Wehrpflicht entflammt; die Gemeinden zu Massenpetitionen aufgerüfen, um den Antrag Wagener (Ausmerzung des Paragraphen von der Unabhängigkeit des Gervrffes der bürgerlichen Dr. Ludwig Philippson. Dezember 1811, gestorben 29. Dezember' 1889. R 3i i -tr '