Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 51 Berlin, 22. Dezember 1911 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse .Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch» Handel oder die Post (in Berlin und vor» -orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen r vierteljährlich S M. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung der Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger Verlag: Huäolk Mosse» Lerlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen str Redaktion und Expedition find an di» Adresse: Verlag der .Allgem« Zeitung de» Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/^9, zu richten. Verlag von Rrrdolf rnosfe, Berlin. 8 Änlmll' Ludwig Philippson. Von Rabbiner Dr. S. Samuel-Essen. sMIAJ****-*, —Die- Woche.' — Aus dem 25. und 50. Jahrgang der ^Allgemeinen Zeitung des Judentums". — Zum Schluß des 25. Jahrgangs dieser Zeitung. — Zum'Schluß des 50. Jahrgangs. — Ein musikalischer Beitrag zu Ludwig Philippsons 100. Geburtstag. Vom Königlichen Musikdirektor Ä. Friedmann, Berlin. — Philippsons gesammelte ^Abhandlungen. Ein Meherbeer-Denkmal in Berlin. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums*), Berlin, Dirschau, Aus der Provinz Posen, Hamburg, Bremen, Bruchsal, Zürich, Wien, Stockholm. — Von Nah und Fern. §c*8Q?§ö%£8? Ludwig Ohilipplon. I In seinem 100. Geburtstage (28. Dezember lyll). Von Rabbiner Dr. S. Samuel-Essen. m - Ausgang dieses' Jahres verbindet sich die gesamte jüdische Welt, um den 100. Geburtstag des Mannes pietätvoll zu feiern, dessen Name äus dem Titel unseres Mattes prangt: Ludwig Philippson. Er ist der Begründer der „Allgemeinen Zeitung"; diese hat den nächsten Anlaß, ihm zu huldigen, sie darf mit besonderem Nachdruck sagen: X „— denn er war unser!" Philippsons Name war vielleicht der populärste unter den deutschen Juden seit Moses Mendelssohn. Er war nicht der Mann seiner Gemeinde, einer Partei, einer Volksgruppe; er gehörte dem gesamten Judentum. Vorn inneren Leben der deutschen? Juden während' ' der Mittleren fünf Jahrzehnte des vorigenMährhunderts nst seine Arbeit' so ioenig hinwegzudenken, wie von ihren äußeren Schicksalen. Alle Betätigungen seines ^Lebens zugunsten seiner Glaubensgenoffm würden wie eine Notwendigkeit und wie eine Wohltat empfunden; sie reichen in ihren Nachwirkungen bis unmittelbar in unsere Tage. Wollen wir fein Werk einigermaßen überschauen, so beginnen wir am besten bei dem Journalisten und fassen die ersten. 52 Bände der „Allgemßinen Zeitung des Judentums" M Äuße; em gervaltrges Archiv jüdischer'Zeitgeschichte.' ' '£'i 'Äls Wilippsön f'bot' 75 Jahren dies Organ schuß waren vielleicht die Vorbedingungen dazu gegeben; dennoch war es eine kühne Tat. Auch Entdeckungen liegen manchmal in der Luft; das schmälert aber nicht das Verdienst des wirklichen Sütdeckers.^ Mye vieles Suchen und Tasten gab Philippson dem jüdischen Zeitungswesen Maß und Vorbild in allen ideellen und in vielen äußerlichen Dingen. Lange Jahre Allein- Herrscherin, ward seine Zeitung zum Muster für die vielen jüdischen Blätter, die sich später ans Licht wagten, Und heute eine so stattliche Reihe bilden. Die Ausgabe seiner Zeitung, war jedesmal ein Ereignis; der Kontakt war hergestellt zwischen den Juden aller Länder, zwischen der Regierung und den Regierten, Orthodoxen und Liberalen, Rabbinern, Lehrern, Vorstehern — und den Gemeinden; wie in einem Parlament fand man hier Referate,' Anträge und Entschließungen. Man preist Rabban Jochanan ben Säkkaß weil er nach dem Fall Jerusalems mit der Sanktion - des - Shnhedrin von Jabne „die Seele des Tempels einem neuen Leibe eingehaucht" (Grätz). Man muß Philippson rühmm, weil er schuf, was die Zeit erforderte: eine jüdische Oessentlichkeit. Die Juden wollten damals mit dem Ghettodasein brechen, kein politisches Sonderdasein mehr führen, Vollbürger der Staaten werden. Dazu bedurften sie eines öffentlichen Organs, dessen Wortführer mit all ihren Schmerzen- Sehnsüchten und Hoffnungen vertraut war, alle, die etwas Wertvolles zu sagen hatten, zu Worte kommen ließ- und immer wieder ein treffendes Bild der^allgemeinen Lage zu zeichnen' wußte? Philippson fand die erforderliche Parole entyiMA' selbst'ober'J er" nahm - sie auf, und machte aus seinen Lesernünmerklich ein Gefolge von Mitstreitern. Es ist kaum 'möglich,' die wohltätigen Wirkungen für das jüdische Gemeindeleben zu überschätzen. Hier wurde * Rückständiges verspottet, Beschränktheit gegeißelt, der Jndifferentismus bekämpft; dort wieder das Gute zur Nachahmung empfohlen, das Schwebende erwogen, das Beschloffene in Szene gesetzt. Man hat auch in der allgemeinen Journalistik nicht viele ähnliche Erscheinungen. Philippson verwaltete sein journalistisches Amt mit ganzer, jüdischer Hingebung und Treue. .Das junge Deutschland, oder sagen wir direkt Börne und Heine, hatten zwar den neuen feuilletonistrschen Geist in Flor gebrächt; Philippson aber hat nur Aeußerliches von ihm angenommen, Gefälligkeit der Form, flüssigen ^til,. ^en <er erst Kät nach Ueberwindung der ihm eigenen Breite und Gründlichkeit meisterte. Was man aber von verwerflichen Eigenschaften von antisemitischer Seite dem jüdischen Journalismus anhestet, sucht man bei ihm vergebens. Er geriet in Harnisch, wenn man den Manifestationen des jüdischen Geisteszersetzenden Einfluß, revolutionäre Gesinnung, Untergrabüng von Autorität und Gesittung vorwarf. In seinem Denken liberal, jedem Fortschritt und.jeder Erleuchtung zugetan, mar er in seinem Gefühl , konservativ, vornehmverstehend. ■ Eine Kampfesnatür, griff er doch nicht zu unlauteren Mitteln, um den Gegner zu schlagen. Er kämpfte mir girier schlichten Dialektik, einer gebildeten, durch außerordentliche .Kenntnisse belebten Spräche, in versöhnlichem Sinne: So wurde seinem Blatte der unparteiische Charakter auch von Gegnern zuerkannt--und es hat dadurch der Sache des Liberalismus die größten Dienste geleistet